Landschaften, die Heimat bieten

Braunschweig.  Die Jakob- und Hagen-Kemenate zeigen Werke der jüdischen Künstlerin Käthe Loewenthal, die im KZ umkam, und ihrer Schwestern.

Käthe Loewenthal: „Hiddensee, Schiffe“ in Pastell und Kohle.

Käthe Loewenthal: „Hiddensee, Schiffe“ in Pastell und Kohle.

Foto: Katalog / Jakob-Kemenate

Selbst ein Emil Nolde könnte manchmal erblassen neben den Aquarellen von Käthe Loewenthal. Wie sie zwischen bloßen schwarzen Bögen in verschiedenen Blaustufen Meer und Himmel bei Hiddensee als gemeinsamen Spiegel der Unendlichkeit vor einem knappen ocker Erdboden fasst und darauf rotlodernde Flammen als Schiffe setzt, das prägt sich unbedingt dem Auge ein. Getreu der expressionistischen Kunstanschauung kommt hier in Form und Farbe ein geistiges Abbild der Welt zum Ausdruck, und das ist bei der 1878 geborenen Malerin von romantischer Naturphilosophie geprägt.

In einer jüdischen Familie geboren und protestantisch getauft, ist für Käthe Loewenthal die Natur das Ewig-Bergende, symbolisiert in Bäumen, die mit ihren kahlen Ästen in den Himmel greifen, aber noch als braune Winterwaldstämme eben tief wurzeln in der Erde, woneben die Menschen als winzige schwarze Schatten verschwinden. Die farbglühenden Alpenbilder wirken mit den aufs einfachste reduzierten Formen der Berge, ihrem satten Blau, dem beruhigend hingegossenen Grün der Wiesen, dann wieder vom Abendlicht orange gefärbten Hängen von erhabener Kraft. Sie erinnern an Ferdinand Hodlers Naturgebete, ohne dessen formale, symbolistische Strenge zu übernehmen, sondern bleiben realistisch.

Käthe Loewenthal erhielt wegen ihrer jüdischen Abstammung 1934 Malverbot, sie musste in Stuttgart in eine Judenwohnung ziehen und wurde 1942 deportiert nahe Lublin, wo sie getötet wurde. Ihre bei einem Malermeister versteckten Ölgemälde fielen einem Bombenangriff zum Opfer, erste bereits an Museen verkaufte Werke wurden entfernt, so dass fast nur Aquarelle aus ihrer Testamentmappe überliefert sind.

Die Prüsse-Stiftung zeigt diese letztlich raren Zeugnisse nun in Jakob- und Hagenkemenate, Augustinum und Bankhaus Löbbecke, damit zumindest durch diese kleinen Kostproben die Erinnerung an eine durch blinden Rassismus vernichtete Künstlerin erhalten bleibt. Dies ist auch das Ziel der Nachfahren, die zudem Werke der beiden jüngeren Schwestern Käthe Loewenthals zur Verfügung gestellt haben.

Da sind die Schwarzweiß-Fotografien von Agnes Schaefer, die 1923 nach Griechenland ausgewandert war und 1933 von einer Bergtour nicht zurückkehrte. Um ihre beiden Kinder in Deutschland nicht zu belasten? Ihre Fotos wirken oft szenisch, ob nun griechische Soldaten in ihren folkloristisch wirkenden Uniformen rauchen oder eine Frau mysteriös im Torbogen posiert. Man könnte sich vorstellen, dass die eingefrorene Situation plötzlich weiterdreht.

Die jüngste Schwester Susanne Ritscher hat als einzige den Holocaust überlebt. Bauernfamilien versteckten sie in den Alpen. Mit Käthe hatte sie 1902 Italien erkundet. Ihre Bilder wirken vor dem Krieg gleichfalls farbexpressiv, nach dem Krieg werden sie eher säuberlich und realistisch. Es war Ritscher, die auf Hiddensee ein Sommerhaus besaß, das für Käthe so häufig Ausgangspunkt ihrer Ostseebilder wurde. Sie starb 1975 bei Starnberg. Die Schau schafft berührende Begegnungen.

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