Platz da für Braunschweigs Hauptbahnhof

Braunschweig.  Die Stiftung Eisenbahnarchiv erinnert mit einer Fotoausstellung an den großen Stadtumbau vor 60 Jahren.

Weggerissene Häuser geben den Blick auf Hinterhöfe frei. Viele der Häuser hatten Lehmwände. Auf der Freifläche links befinden sich heute Braunschweigs Busbahnhof und die Straßenbahn-Wendeschleife.

Weggerissene Häuser geben den Blick auf Hinterhöfe frei. Viele der Häuser hatten Lehmwände. Auf der Freifläche links befinden sich heute Braunschweigs Busbahnhof und die Straßenbahn-Wendeschleife.

Foto: Stiftung Eisenbahnarchiv

Vergangenheit kann hoch aktuell sein. Denn während Braunschweig darüber diskutiert, wie demnächst das Bahnhofsumfeld aussehen wird, erinnert die Stiftung Eisenbahnarchiv daran, dass es sich tatsächlich um den zweiten Umbau handeln wird. Denn vor rund 60 Jahren erfolgte der erste große Stadtumbau am Hauptbahnhof. Ab Donnerstag ist dazu in der Stadtbibliothek im Schloss eine große Fotoausstellung zu sehen.

50 der insgesamt 60 Bilder wurden noch nie gezeigt. „Wir werden sie alle beschriften, denn viele der gezeigten Gebäude sind spurlos verschwunden. Bei manchen Fotos glaubt man, sie zeigen Braunschweig nach einem Bombenangriff“, sagt Stiftungsvorstand Hans-Georg Ahrens. Die Fotos seien aus Aberhunderten ausgewählt worden, erzählt Christian Ernst. Denn während der Bau des Hauptbahnhofs noch nicht richtig erforscht wurde, so waren vor 60 Jahren gleichwohl Unzählige unterwegs, um das Werden eines neuen Stadtteils mit ihrer Kamera festzuhalten.

Besonders eifrig waren damals Karl-Heinz Bebensee, der damalige Fotograf der Braunschweiger Zeitung Hans Steffens und besonders Wolfgang Illenseer. Die Stiftung hat die Archive der drei Fotografen ausgewertet.

Es muss eine verrückte Zeit damals gewesen sein. „Denn in Braunschweig herrschte Wohnungsnot. Dennoch wurden ganze Straßenzüge abgerissen. Die Friedrichstraße, der Friedrichplatz, die Ottmer-Schule verschwanden. Gebäude, die praktisch unversehrt den Krieg überstanden hatten“, sagt Ernst. 89 Häuser wurden abgerissen. 514 Familien verloren ihre Bleibe.

Zumeist waren es alte Fachwerkhäuser, von denen Ernst sagt: „In den Gebäuden wohnten Mitarbeiter der benachbarten Brauereien, viele Handwerker sowie Eisenbahner und Büssing-Mitarbeiter. Sie hatten ein gutes Einkommen, aber der Standard ihrer Fachwerk-Häuser war eher gering. Kein Vergleich mit den modernen Wohnungen, die in der Weststadt oder im Heidberg entstanden. Doch der Verlust der vertrauten Umgebung wog emotional schwer.“ Fotograf Illenseer wohnte damals im Abrissquartier und musste umziehen in den Bebelhof. „Bis heute spricht Illenseer davon, ein Bahnhofsvertriebener zu sein.“

Der Umbau, der für eine Schneise durch Viewegs Garten sorgte und für autogerechte Stadt in Reinkultur steht, sei damals nicht hinterfragt worden, erzählt Ahrens. Niemand habe sich gefragt, ob die gewaltigen Verkehrsflächen tatsächlich notwendig sind: „Die Fotos stehen auch für eine Zeit, die von der Hoffnung geprägt war: Es kann nur aufwärts gehen. Das Auto war damals auch in Braunschweig Inbegriff des ersehnten Wohlstands.“

Die Ausstellung „Ein neuer Hauptbahnhof für Braunschweig“ wird bis Ende Februar in der Stadtbibliothek zu sehen sein. Der Eintritt ist frei. Ab Januar wird das Stadtmarketing mit Großplakaten für die Ausstellung werben. Die Stiftung plant einen Vortrag zur Ausstellung. Ob es einen Katalog mit den ausgestellten Fotos geben wird, steht noch nicht fest.

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