Eltern – Vorbild oder einfach nur peinlich?

Die Autoren der Jugendredaktion „Streetwords“ der Braunschweiger Zeitung haben sich Gedanken gemacht zum Thema „Eltern“.

Manchmal kann es gehörig krachen zwischen Jugendlichen und ihren Eltern.

Manchmal kann es gehörig krachen zwischen Jugendlichen und ihren Eltern.

Foto: JupiterimagesPixland/ GettyImages

Manchmal stehe ich vor großen Entscheidungen, weiß nicht mehr weiter. Doch egal, welchen Weg ich gehe, ihr seid meine Wegbegleiter.

Denn mit euch an meiner Seite kann mir nichts passieren, weil ich weiß, wenn ich vom Weg abkomme, werde ich euch nicht verlieren. Ihr seid da und haltet meine Hand, verliere ich den Boden unter meinen Füßen, gebt ihr mir festen Stand.

Ihr seid mein zu Hause, meine Burg da oben auf dem Fels und meine erste große Liebe. Ich kann mich nicht oft genug fragen, womit ich euch eigentlich verdiene. Als ich klein war, alles andere viel größer war, da habt ihr mir die Welt gezeigt.

Jetzt bin ich größer und ich wünsche mir, doch lieber wieder klein zu sein, damit die Zeit für alles reicht. Denn ihr seid, was ich mir als Vorbild male, seid die ersten, die ich in der Not um Hilfe frage.

Ihr seid meine Heimat, mein Urvertrauen und mein ganzer Stolz. Und auch wenn ich mir ein Tattoo steche, mein Ohr durchlöchre und die Haare färbe, wir bleiben aus demselben Holz.

Und ja, ich weiß, ihr habt es oft nicht leicht mit mir, auch wenn ich seltener zu Hause bin, bin ich trotzdem gerne hier. Denn wenn man groß ist, ausgezogen ist, dann sitzt man am WG-Tisch und bespricht den Einkauf für den Tag. Ach, wie schön war doch die Zeit, als es noch Mama gab. Spätestens mit Akkuschrauber, beim Verschönern meiner Zimmerwand, denke ich an Papa: „Kind, ich nehm das lieber selber in die Hand.“

So wohnen wir mit schiefen Bildern und Essen, das nicht wirklich nach zu Hause schmeckt in unsren ersten eigenen vier Wänden.

Und auf jedem Weg nach Hause wünschen wir uns insgeheim, dass diese Zeit nicht endet. Ich ertapp mich oft, bei dem Gedanken: „Was würde Papa jetzt wohl sagen?“ Oder: „Ach, keine Ahnung, normalerweise würde ich jetzt Mama fragen.“ Und ich weiß, egal, wie weit ich gehe, irgendwie bin ich doch hier. Denn: In welchem Hafen wir auch stranden, ihr seid stets ein Teil von mir.

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FAMILIENBANDE

Von Emily Gerdesmann

Oft höre ich von meinen Freunden, dass Eltern peinlich und lästig sind, und dass man sich als Teenager der Autorität der Eltern entgegenstellen sollte.

Es ist wichtig für die eigene Persönlichkeit, selbstständiger zu werden und sich einen Freundeskreis zu suchen, in dem neue, unkonventionelle Perspektiven vermittelt werden. Man verwirft alte, kindliche Vorstellungen und Eindrücke und findet ansprechendere Orientierungspunkte, weil man sich nun durch die Medien und die Schule eine eigene Meinung bilden kann.

Früher glaubte man beispielsweise an den Weihnachtsmann und den Osterhasen, weil die Eltern das so vorgaben. Heute ist man aufgeklärter und hat einen weitreichenden Blick auf die Dinge.

Es ist klar, dass die Eltern dann kein eindeutiges Vorbild mehr sind, aber warum soll man sich gleich von seinen Eltern völlig abkapseln und sich stoisch gegen sie wenden?

Das Ausreizen von Geduldsfäden der Eltern, das permanente Streiten nur aus Prinzip kann ich nicht verstehen. Warum stört man absichtlich die Harmonie innerhalb der Familienbande?

Ich würde nicht behaupten, dass ich immer mit allem einverstanden bin, was meine Eltern sagen und machen, ich sehe meine Eltern nicht als Vorbild. Besonders nervt mich manchmal die ständige Hektik und der Stress, den sie verbreiten. Dann fühlt man sich oft überlegener und denkt, man sei vernünftiger, als die eigenen Eltern.

In solchen Momenten sollte man einen kühlen Kopf bewahren, anstatt seinem Gegenüber wahllos Vorwürfe zu machen. Denn schließlich bin ich meinen Eltern sehr dankbar, für alles, was sie mir bieten und dafür, dass sie mir so viele Türen offen halten. Das verdient Respekt und Anerkennung.

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DIE PUBERTÄT ENTZAUBERT DIE HELDEN DER KINDHEIT

Von Cynthia Seidel

Da muss ich Mama fragen.“ Diesen Ausspruch kennen wir alle doch noch viel zu gut.

Und wenn man mal so zurückdenkt, existiert er gefühlt doch schon seit immer!? Als man noch etwas jünger war, vielleicht gerade in den Kindergarten gekommen ist oder sogar schon in der erste Klassen war, da gab’s auf der Welt doch niemand Größeren, als Mama und Papa, nicht?

Sie waren viel größer und stärker als man selbst und konnten sogar die Keksdose im Schrank ganz oben erreichen, ohne die Hilfe eines Stuhls zu benötigen. Egal, ob man mal hingefallen ist, den Bus verpasst hatte und noch schnell pünktlich zur Schule musste oder die Mathehausaufgabe nicht lösen konnte: Mutter und Vater waren Arzt, Lehrer, Chauffeur und noch vieles mehr in einer Person.

In der Pubertät hingegen stellte sich die Welt dann auf den Kopf. Klar konnten die Eltern all’ das immer noch, was aufgezählt wurde, doch jetzt möchte der Jugendliche selbstständig sein und nicht die ganze Zeit „bemuttert“ werden.

Das wäre ja auch viel zu peinlich. Eltern zu fragen, wird allmählich nervig, denn schnell könnte dabei ein „Nein“ zur ersten großen Party oder zum alleinigen Urlaub mit Freunden herauskommen. Was für Spielverderber...

Doch zum Glück ändert sich ja auch das wieder! Spätesten, wenn man zu Hause ausgezogen ist und man auf einmal eine Steuererklärung abgeben und diese und jene Versicherung abschließen muss oder auch nur wissen möchte, wie man es anstellt, damit der Lieblingspulli in der Wäsche nicht einläuft, ist der Rat der Eltern wieder Gold wert.

Würden Tastenhandys noch im Trend liegen, wäre die Telefonnummer der Eltern daheim sicherlich auf Kurzwahltaste Nummer eins. Naja, eins ist und bleibt Fakt: Mama und Papa wissen es meistens einfach besser – ob wir es wahrhaben wollen oder nicht!

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DIE DEFINITION VON „ELTERN“ IST ÜBERHOLT

Von Lina Probst

Eltern sind laut Duden „Personen, von denen ein Kind unmittelbar leiblich abstammt“. Im biologischen Klartext heißt das: Mutter und Vater, genauer gesagt Frau und Mann.

Im sozialen Klartext bedeutet die Definition hingegen: Gleichgeschlechtliche Paare sind davon ausgenommen. Sie können – künstliche Befruchtungsmethoden und ähnliches außen vor gelassen – zusammen keine Kinder zeugen und somit auch nicht als Eltern bezeichnet werden (sofern wir uns im abgesteckten Rahmen des oben genannten Wortlauts bewegen).

Aber ist das noch zeitgemäß? Diese Frage stellte ich mir auch 2017, als die „Ehe für alle“ in der deutschen Gesetzgebung festgehalten wurde. Damals war ich geradezu geschockt. In meinen bis dahin 18 Lebensjahren hatte ich Deutschland für ein äußerst fortschrittliches Land gehalten. Ich war der Auffassung, dass dieses, in meinen Augen selbstverständliche Recht der „Ehe für alle“ bereits existierte. Doch dem war nicht so. Ein klarer Widerspruch mit Artikel 3, Absatz 1 unseres Grundgesetzes: „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich“.

Aber zurück zu dem Begriff Eltern. Manche mögen behaupten, dass ich mich an Kleinigkeiten störe, winzigen Details, denen keine große Relevanz zugesprochen wird. Aber was gesellschaftlich relevant ist, liegt immer im Auge des Betrachters.

Eine enge Freundin von mir konfrontierte mich einmal mit dem Satz „Sprache schafft Bewusstsein“. Meine Dozentin in englischer Sprachwissenschaft formuliert es ähnlich: „Sprache bestimmt, wie wir die Welt sehen“. Und wenn Eltern nur Personen sind, dessen Kind direkt von ihnen abstammt, dann braucht es eine Auffrischung dieser Definition. Es braucht eine Modernisierung unserer Weltsicht. Nicht nur im Sinne gleichgeschlechtlicher Paare.

So könnte beispielsweise zwischen leiblichen Eltern und liebenden Eltern unterschieden werden. Auf erstere träfe die meinerseits kritisierte Definition zu. Letztere wären vielleicht „Personen, von denen ein Kind nicht unmittelbar leiblich abstammen muss, dessen Aufgabe die Liebe, Erziehung und Unterstützung des Kindes ist.“

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