Braunschweigs Horten-Waben haben bald „ausgekachelt“

Braunschweig.  Nach der Schließung des früheren Horten-Kaufhauses sehnt sich das Gebäude nach einer Nachnutzung und optischen Umgestaltung.

Die letzten Buchstaben des Galeria Kaufhof-Schriftzuges wurden vor Kurzem entfernt.

Die letzten Buchstaben des Galeria Kaufhof-Schriftzuges wurden vor Kurzem entfernt.

Foto: Norbert Jonscher

Als am Dienstag, 21. Mai 1974, um 8.30 Uhr das neue Horten-Kaufhaus am Bohlweg eröffnete, strömten die Massen in den markanten Konsum-Tempel mit der eleganten Eiermann-Fassade und den berühmten Horten-Waben, die unsere Zeitung in einer Werbebeilage unter der Überschrift „Horten-Waben jetzt auch in Braunschweig“ in den höchsten Tönen wie folgt pries: „Zusammengesetzt aus vielen tausend Elementen, überspannen sie die Hauptfront der Warenhausbauten: Fenster und optisch ungünstig wirkende Bauteile, zum Beispiel Lüftungsanlagen, die an den Außenfronten liegen, werden von dieser zweiten Fassade wie von einer riesigen Gardine überdeckt.“

Jetzt haben sie ausgedient. Und es gibt nicht wenige, die sich eine Zukunft der Fassade, mehr noch: des allzu gigantischen früheren Horten-Gebäudes nicht vorstellen mögen. Dietrich Fürst, 1. Vorsitzender der Bürgerschaft Magniviertel, ist so einer.

Was sagen die Anwohner?

Nach fast 50 Jahren habe der Koloss seine Pflicht und Schuldigkeit getan, meint er. „Am besten sollte man ihn abreißen und die Chance nutzen, zusammen mit dem neuen Eigentümer, der Volksbank, eine neue städtebauliche Lösung an der Stelle realisieren.“ Was er damit meint: Das Kaufhaus wurde seinerzeit, Anfang der 1970er Jahre, mitten auf einen alten West-Ost-Handelsweg gestellt, der vom Altstadtmarkt kommend quer durch die Stadt verlief. Folge: Das beschauliche Magniviertel wurde praktisch in den Schatten gestellt. Da half auch der unterirdische Hortentunnel nicht viel, der den Zugang zum Horten-Untergeschoss und zur Tiefgarage vom Bohlweg aus ermöglichte.

Um nicht komplett „vergessen“ zu werden und als Protest gegen das gigantische Kaufhaus vor der Nase entstand übrigens damals das Magnifest, das einmal im Jahr allen zeigen soll: Uns gibt’s noch. Wir sind noch da! 1974, nur knapp vier Monate nach der Eröffnung von Horten, fand das erste statt.

Zurück ins Jahr 2020. Dietrich Fürst, seit Jahren Streiter für die Belange des Viertels, wird nicht müde, das Gespräch mit der Volksbank zu suchen. Nur, Konkretes könne man ihm dort auch noch nicht sagen. Es sei noch zu früh. Er, Fürst, wisse nur, dass Gespräche mit der Stadt liefen, was die Neupläne für die Immobilie betrifft. Klar sei: Wenn die angepackt wird, müssten auch die Defizite drum herum gleich mit gelöst werden, die leidige Querung der Georg-Eckert-Straße beispielsweise.

Was sagt der Eigentümer?

Man arbeite zur Zeit an einem Konzept zur Nachnutzung der Immobilie und prüfe dabei mehrere Optionen, auch die Wirtschaftlichkeit einer Interimsnutzung von Teilen des Objektes, so Volksbank-Sprecher Daniel Dormeyer. Durch die „sehr geringe Miethöhe von Kaufhof“ reiche aus betriebswirtschaftlicher Sicht eine Vermietung des Erdgeschosses zu marktüblichen Preisen aus, um den kompletten Mietausfall zu kompensieren. „Wir prüfen deshalb aktuell die sehr interessanten Mietinteressenten. Für weitere Angaben hierzu ist es zum jetzigen Zeitpunkt noch zu früh.“

Was ist mit den Horten-Kacheln?

Sie haben nach Schließung des Kaufhauses wahrscheinlich keine Zukunft mehr, denn das einstige Kaufhaus muss sich nach außen öffnen. Die vorgesetzte „blinde“ Fassade, die so gar keinen Bezug auf den stadträumlichen Kontext nimmt und die innere Gliederung sowie den Maßstab des Gebäudes von außen nicht ablesbar macht, muss „Augen“ bekommen. Innen drin soll man schließlich sehen, was in der Stadt passiert – und umgekehrt. Sehen und gesehen werden. Der neue urbane Trend, den der damalige Architekt Egon Fritz Wilhelm Eiermann (1904 - 1970) so ganz und gar nicht berücksichtigt hat. Er baute, was damals zeitgemäß war: ein magazinartiges Kaufhaus mit sechs Etagen, schubladenartig konstruiert, in denen auf 17.400 Quadratmetern rund 100.000 Waren aus aller Welt untergebracht waren.

Und die „Hinterlieger“ des Gebäuderiesen, die in seinem Schatten angesiedelten Bewohner und Geschäftsleute des Magniviertels? Sie fanden damals kaum Gehört, wurden mit dem Hortenbau förmlich abgeschnitten von der Innenstadt. Die Stadt endete am Bohlweg. Dahinter errichtete Horten eine riesige Tiefgarage für sich – und die Stadt. Das zählte damals.

Die Fassade ist übrigens nicht denkmalgeschützt. Geschützt ist lediglich Eiermanns erste Horten-Fassade in Duisburg-Zentrum (Verwaltungsgericht Düsseldorf, Urteil vom 18. Mai 2009 – 25 K 7261/08).

Mehr zum Thema

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder
Leserkommentare (7)