Perfektes Wochenende – Im Kiosk nebenan brennt fast immer Licht

Braunschweig.  Wenn zum perfekten Wochenende noch etwas fehlt, hilft: Der Kiosk – als Nahversorger, Anlaufstelle, Mikrokosmos. Im Magni-Viertel gibt’s auch Kerzen

Der Kiosk an der Kastanienallee in Braunschweig. 

Der Kiosk an der Kastanienallee in Braunschweig. 

Foto: Christian Klose / BZV

Oft genügt ein Blick statt vieler Worte. Die Betreiber kennen ihre Stammkunden beim Namen oder beim Gesicht und wissen, was die Stammkunden normalerweise wollen. Selbst jetzt, wenn die Kunden einen Mund-Nasen-Schutz tragen müssen. Das ist auch im Kiosk im Magni-Viertel so. Doch hier gibt es neben Zeitungen, Zeitschriften, Tabak und Getränken etwas Besonderes. Selbst hergestellte Kerzen in vielen Variationen. Hier duftet es also etwas anders als in den meisten anderen Kiosken der Stadt.

Der Kiosk – soziale Anlaufstelle und Nahversorger im Viertel

Sie gehören in einer Großstadt einfach dazu. Sie sind soziale Anlaufstelle im Viertel, der kleine Nahversorger um die Ecke – für Einsame, für Raucher, Leser, Biertrinker oder Lottoglück-Suchende. Vor den Kiosken stehen oder sitzen oft die Stammkunden, während die Laufkundschaft den Laden in schnellem Takt betritt und wieder verlässt. Ein Kaffee, ein Bier oder ein Smalltalk, hier findet ein Teil des Großstadtlebens statt. Und das nicht nur nach Feierabend, sondern auch an Feiertagen und vor allem am Wochenende.

Wegen der langen Öffnungszeiten – gerade auch samstags und sonntags – sind die Kiosk-Betreiber der Stadt verlässlicher Partner für all diejenigen, die zu später Stunde noch einen Snack, Knabberzeug oder ein kaltes Bier brauchen. Immer dann, wenn einem auffällt, dass da Zuhause gerade etwas fehlt. Ohne die Kioske würde auch in Braunschweig etwas fehlen. Wie viele solcher Kioske es in der Löwenstadt gibt, darüber kann selbst die Stadt Braunschweig nur vage Auskunft geben. Es sind aber eine Menge.

Kioske werden eher weniger statt mehr

Allerdings werden sie eher weniger statt mehr, denn das Geschäft ist anstrengend. Die Anzahl der Kioske wird nach Angaben der Stadt Braunschweig nicht gesondert erfasst, da es dazu keinen Anlass gebe. Der Begriff „Kiosk“ ist laut dem städtischen Pressesprecher Adrian Foitzik gewerberechtlich nicht festgelegt und diese Betriebe seien auch nicht „erlaubnispflichtig“. Es gibt also keine Konzessionen. So viel zur Theorie. Die Praxis ist spannend.

„Das mit dem Kiosk hat sich für mich eher so ergeben, weil ich eine andere Lage eines Ladens für meine Kerzen aus meiner Kerzenwerkstatt gesucht hatte“, erklärt Uwe Wölkerling. Seit fünf Jahren betreibt er nun den Magni-Kiosk.

Auch den zweiten in der Kastanienallee, den er seit letzten September im Ganzen übernahm, hat er von demselben Vorbesitzer, der sein Gewerbe aus gesundheitlichen Gründen im September 2020 abmeldete und in Rente gegangen war.

„Unsere Leidenschaft ist der direkte Kundenkontakt“, sagt der 56-Jährige, „sonst würden und könnten wir den zeitlichen Aufwand in diesem Geschäft gar nicht stemmen“. Da spricht er wohl für alle Kollegen seiner Kiosk-Zunft. Denn die Öffnungszeiten sind gesalzen.

Studentenjob im Kiosk

Am Wochenende bis 23 Uhr, sonst 19 Uhr, doch der Kastanien-Kiosk im Östlichen Ringgebiet hat auch unter der Woche täglich bis 21 Uhr geöffnet. Je nach Wetterlage, den Jahreszeiten, müssen die Öffnungszeiten Personalkosten-bedingt angepasst werden. Wobei zu bedenken ist, dass Kioske von den längeren Öffnungszeiten grundsätzlich leben. „Wir sehen uns als Grundversorger. Die Personalkosten sind dadurch allerdings hoch“, sagt Wölkerling. Er hat einen Festangestellten, ansonsten bietet er Studenten die Möglichkeit, sich im Kiosk ihr Studium mitzufinanzieren.

Die Margen bei Tabak, Paketdienst, Zeitschriften und Lotto sind im Verhältnis zum Arbeitsaufwand so gering, dass höhere Gehälter nicht finanzierbar sind. Auch von der Corona-bedingten temporären Mehrwertsteuer-Senkung habe der Kiosk-Betreiber im Land keinen Vorteil. Denn: „Die Lieferanten haben die Einkaufspreise seither entsprechend angehoben. Gerade bei Tabakwaren können die erhöhten Einkaufspreise auch nicht an den Endverbraucher weitergegeben werden, da die Verkaufspreise laut Wölkerling vorgeschrieben sind.

Unterstützung der Stammkunden als zusätzlicher Lohn

„Damit der Geschäftsbetrieb finanziell überhaupt aufrecht erhalten werden kann, sind wir auf den Verkauf von Getränken, Eis und Süßigkeiten angewiesen. Auch Schüler, welche in den Pausen und nach der Schule zu uns kommen, um sich Snacks und Erfrischungsgetränke zu holen, gehören zu den wichtigen Stammkunden. Wir sind einfach für unsere Kunden da, für Jung und Alt“, erzählt Wölkerling. Der Verkauf seiner handgefertigten Kerzen – auch für Kirchenbesuche und Taufen – ist ein zusätzliches Geschäft für ihn.

Der 56-Jährige wehrt sich deshalb vehement gegen ein falsches Image der Kioske. „Klar verkaufen wir auch Alkohol. Jedoch die Dienstleistungen der Kioske allein darauf zu reduzieren, ist vom Grundsatz her nicht richtig.“ Damit nimmt Wölkerling auch nochmals Bezug auf die heftige Aufstiegsfeier von Eintracht Braunschweig im Magni-Viertel. „Am Abend dieser Aufstiegsfeier haben wir uns an die Hygieneregeln gehalten und unseren Kiosk sogar schon um 22.30 Uhr geschlossen – wegen der Anwohner und um das Fehlverhalten einiger Fans im unteren Bereich der Fußgänger Zone nicht zu unterstützen. Für dieses vorbildliche Verhalten wurden wir auch von der Polizei gelobt.“

„Mein Kiosk“ als Mikrokosmos des Quartiers

Apropos Hygieneregeln in Zeiten von Corona: Die Menge an Kunden, und auch an Touristen, die durchs Magni-Viertel schlendern, sei in Corona-Zeiten auch wegen der Maskenpflicht zurückgegangen. „Doch während des ersten Lockdowns haben uns unsere Stammkunden noch stärker unterstützt. Das macht wirklich Spaß“, ist Wölkerling dankbar. Den hohen Einsatz für die Kunden geben diese mit Treue und Unterstützung zurück. Das ist der zusätzliche Lohn für die Kiosk-Betreiber in der Stadt.

„Zum Kiosk zu gehen und sich eine gemischte Tüte zusammenstellen, das ist etwas, das aus Kindheitstagen tradiert und dann eben auch weitergegeben wird an die eigenen Kinder. Und dann immer mit einer sehr starken emotionalen Komponente verbunden ist. Der Gang zum Kiosk dient dann nicht immer nur der direkten Befriedigung von Bedürfnissen, im Sinne, dass Milch, Toilettenpapier, Bier oder Eis gekauft wird, sondern dass sozialer Kontakt entsteht. Dass man am Nachbarschaftskiosk auch sich austauschen kann über Neuigkeiten, konkrete Entwicklungen im Viertel.“ So hat der Kulturanthropologe Dr. Stefan Groth von der Uni Bonn das Phänomen Kiosk in einem Bericht des „Deutschlandfunks“ sehr treffend dargestellt. Man geht zu „seinem“ Kiosk. Und so können ein Kiosk, sein Publikum und sein Betreiber als Spiegel oder Mikrokosmos des Quartiers gelten, in dem er angesiedelt ist. Der Kunde hat „seinen“ Kiosk, den er aufsucht.

Stammkunden, Gelegenheitskäufer, Trinker, Raucher, Lottospieler und Paketkunden

Das ist im Flamingo-Kiosk am Altewiekring 21 in Braunschweig nicht anders. Auch dieser Kiosk ist Anlaufstelle für Stammkunden, Gelegenheitskäufer, Trinker, Raucher, Lottospieler und Paketkunden aus dem ganzen Viertel. „Auch Ihre Haustiere können Sie mit in unsere Location nehmen“, heißt es hier sogar. Auch Hunde sind also willkommen. Die Betreiber um Tugrul Esen haben den Kiosk vor über 20 Jahren vom Vorgänger übernommen. Auch den Namen „Flamingo“, der im Östlichen Ringgebiet schön exotisch-bunt anmutet, haben sie übernommen.

Auch im „Flamingo-Kiosk“ ist Alltag oft grau

Doch der Kiosk-Alltag ist oft grau. „Das Geschäft wird immer schwieriger“, sagt der Vater, der selbst noch regelmäßig im Laden steht. Familienfreundlich sei der Job nicht. Er selbst sei geschieden. „Die Frau wartet die ganze Zeit zuhause auf dich. Das kann auf Dauer nicht gutgehen“, sagt er. Doch nur mit den XXL-Öffnungszeiten sei das Geschäft überhaupt möglich, nur so komme man einigermaßen auf Umsätze, um überleben zu können.

Sein zweiter Sohn, der früher auch im Laden stand, habe – zum Glück – inzwischen eine Stelle bei VW in der Region gefunden. Der Flamingo-Kiosk hat täglich bis 23 Uhr geöffnet, los geht es unter der Woche um 8.30 Uhr, samstags und sonntags ab 9 Uhr. Nur eine Mittagspause von 13 bis 15 Uhr gönnt sich die Familie. Sonntags geht es sogar ohne Pause durch. Ein hartes Brot. Der Vater hofft, dass auch sein zweiter Sohn eine Stelle außerhalb des Kiosks findet. „Es gibt immer weniger Kiosk-Betreiber in der Stadt“, sagt der ältere, freundliche Mann. Corona habe die Lage noch verschärft. Doch Kioske wie der „Flamingo“ oder der Kastanien-Kiosk bereichern das Viertel, machen es bunter und sind ein unschätzbares Angebot – vor allem dann, wenn zum perfekten Wochenende noch etwas fehlen sollte.

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