Missstand in der häuslichen Pflege – Wo die Arbeit nie endet

Braunschweig.  Ewa Kaniszewska hat drei Jahre in der häuslichen 24-Stunden-Pflege gearbeitet. Laut Verdi werden in der Branche systematisch Gesetze gebrochen.

Wenn Menschen ihre pflegebedürftigen Angehörigen nicht mehr komplett selbst versorgen können und ein Pflegeheim nicht infrage kommt, sind Pflegekräfte eine Lösung, die mit ins Haus oder die Wohnung des Pflegebedürftigen einziehen

Wenn Menschen ihre pflegebedürftigen Angehörigen nicht mehr komplett selbst versorgen können und ein Pflegeheim nicht infrage kommt, sind Pflegekräfte eine Lösung, die mit ins Haus oder die Wohnung des Pflegebedürftigen einziehen

Foto: Patrick Pleul / dpa

Als Ewa Kaniszewskas Sohn Peter einschläft und nicht wieder aufwacht, ist sie mehr als 750 Kilometer von ihm entfernt. Ihr jüngerer Sohn Simon entdeckt ihn, Lungenembolie. „Du musst dich setzen“, sagt ihr der damals 20-Jährige auf polnisch am Telefon. „Peter ist gestorben.“ Da fällt ihr das Handy aus der Hand. Es ist Ende November vor vier Jahren, die Zeit, in der sie von der Frau, dessen Mann sie im sachsen-anhaltinischen Haldensleben pflegt, ein Babyfon in die Hand gedrückt bekommt. Ein Babyfon, das nicht nur Töne überträgt, sondern auch Bilder. Damit sie sehen kann, wie der 82-Jährige einschläft, wann er wieder aufwacht. Pflege am Tag, Pflege in der Nacht. Sieben Tage die Woche für 1380 Euro netto Spitzenlohn im Monat.

„Für mich war das viel“, sagt Kaniszewska, die aus Kielce stammt, einer Stadt zwei Stunden Autofahrt von Warschau entfernt. Neben den Kosten für das Leben in Deutschland und den laufenden Rechnungen für das Haus ihrer verstorbenen Eltern in Kielce zu wenig aber, um sich einen guten Stein für das Grab ihres Sohnes leisten zu können, einen großen Stein „zur Einfachpflege“, wie Kaniszewska sagt. Und so putzt sie in ihrer kurzen Freizeit von der Pflegearbeit, während ihres Urlaubs, in einem Restaurant. Neben der Betreuung des Parkinson-Kranken, neben dem Frühstück- und Abendbrotmachen, neben dem Waschen und Tablettengeben, neben dem Helfen beim Toilettengang und dem Gutzureden, neben dem Aushelfen bei Computerproblemen der Frau und ihrer Pflege, wenn sie mal erkrankte, neben den kleinen Kämpfen, täglich duschen zu dürfen und Joghurt zum Frühstück zu bekommen statt nur einer Scheibe Brot, neben der Frühschicht, der Spätschicht, der Nachtschicht.

„Du bist toll, du kannst alles“, habe ihre Arbeitgeberin, die Frau des Parkinson-Kranken, einmal zu ihr gesagt. Und das tut sie auch. „Meine Gedanken waren immer bei Peter und dem Stein. Ich war fix und fertig, aber ich habe mir gesagt, ich muss es schaffen.“ Einmal im Monat gönnt sie sich zwei Stunden Auszeit bei Freunden in Haldensleben. Zwei von 720 Stunden.

Verdi: „Die Versorgung von Pflegebedürftigen basiert in weiten Teilen auf Ausbeutung“

Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi spricht bei der häuslichen 24-Stunden-Pflege von einem systematischen Gesetzesbruch. „De facto finden Arbeitnehmerrechte auf osteuropäische Betreuungskräfte in deutschen Privathaushalten keine Anwendung“, heißt es in einer Stellungnahme. Gesetze, angefangen beim Arbeitszeitgesetz, das eine tägliche Höchstarbeitszeit von zehn, in der Regel von acht Stunden, zulässt und eine elfstündige Ruhepause zwischen den Arbeitseinsätzen vorschreibt, würden missachtet. Ebenso würden der gesetzlich verbriefte bezahlte Urlaub und die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall den Betreuungs- und Pflegekräften fast immer vorenthalten. Sylvia Bühler vom Verdi-Bundesvorstand sagt: „Das System ist so ausgelegt, dass die Versorgung pflegebedürftiger Menschen in Deutschland in weiten Teilen auf der illegalen Ausbeutung ausländischer Arbeitskräfte basiert. Das ist ein Skandal.“ Laut Verdi gehen Schätzungen von bis zu 500.000 Frauen aus, die deutschlandweit in derlei Verhältnissen tätig sind. Wie viele es in Braunschweig sind, dazu gibt es laut Arbeitsagentur Braunschweig-Goslar keine Daten.

In drei Jahren häuslicher Pflege habe Kaniszewska nur einen Vertrag gehabt, in dem eine Arbeitszeit vereinbart wurde. Acht Stunden am Tag, die Wochenenden frei. Sie lacht. Eingehalten wurde das nicht. In anderen Verträgen wurde die Arbeitszeit gar nicht erst erwähnt. Hätte sie tatsächlich nur acht Stunden am Tag gearbeitet, hätte sie 12 Cent mehr als den damals geltenden Mindestlohn von 8,50 Euro verdient, 1380 Euro im Monat zugrunde gelegt. Aber dieser Tarif galt nur einige Monate. Lange hat sie nur 760 Euro, später 1000 Euro netto im Monat verdient. Und das für einen Arbeitstag, der nicht nach acht Stunden, sondern nie endete.

Rechtsverstöße werden oft nicht bekannt

Auf Bedingungen wie diese aufmerksam machen wollen auch drei Studentinnen des Transformation Designs an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. „Es werden zwar Verträge geschlossen, in denen acht Stunden Arbeitszeit eingetragen sind und es ein Wochenende gibt, in der Praxis wird das aber nicht eingehalten“, sagt Leonie Matt. Zusammen mit Anna Eckl und Emmelie Althaus hat sie im Rahmen eines Projekts mit Kaniszewska und anderen Frauen gesprochen, die in der häuslichen Pflege tätig sind oder waren. Mit ihnen zusammen wollen sie eine Arbeitskleidung für Pflegekräfte in der häuslichen Pflege entwerfen. Unterstützt werden sie dabei unter anderem von Carifair, einer Organisation des Caritasverbands des Erzbistums Paderborn, die für eine faire Vermittlung von ausländischen Haushalts- und Betreuungskräften steht. „Eine Arbeitskleidung könnte für eine bessere Abgrenzung von Arbeit und Freizeit sorgen“, sagt Eckl. Abgrenzung sei keine leichte Aufgabe, insbesondere auf dem Land, so Althaus: „Viele haben kein Auto und bleiben, auch wenn sie frei haben, zu Hause bei dem Pflegebedürftigen.“ Um eine solche Kleidung, eine „Caredrobe“ zu finanzieren, verkaufen die Studentinnen T-Shirts, auf denen das durchgestrichene Wort Vierundzwanzigsieben steht, ein Protest gehen die nie endende wollende Arbeit 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Eine erste über Crowdfunding finanzierte Charge wird derzeit produziert.

David Matrai vom Landesbezirk Niedersachsen-Bremen der Gewerkschaft Verdi betont, wie schwierig das Vorgehen gegen Verstöße in der häuslichen Pflege ist: „Insbesondere die häusliche 24-Stunden-Pflege ist ein Bereich, an den wir nur schwer herankommen.“ Das gelte sowohl für die Beschäftigten, als auch die Arbeitgeber. Oft kämen die Pflegekräfte aus Osteuropa, hätten wenig Berührungspunkte mit Gewerkschaften gehabt, seien anfällig für Ausbeutung. Natürlich unterlägen auch sie den arbeitsrechtlichen Regelungen, die hierzulande gelten. Aber wo kein Rechtsverstoß angezeigt werde, könne nicht gehandelt werden.

In ein fremdes Land mit wenigen Worten Deutsch und viel Hoffnung im Gepäck

Kaniszewskas Weg in die häusliche Pflege beginnt vor sechs Jahren. Es ist zwei Jahre vor dem Anruf ihres Sohnes Simon und kurz nach dem Tod ihrer Mutter, die sie gepflegt hat. Es ist die Zeit, in der sich die heute 52-jährige von ihrem gewalttätigen Mann, einem Alkoholiker, lossagt. Von ihm verprügelt, entscheidet sie noch im Krankenhaus, dass ein neuer Abschnitt beginnen muss. Den Weg ins Ausland scheut sie nicht, die Söhne sind erwachsen, 18 und 26 Jahre alt. Ihre Nichte empfiehlt eine Agentur, die Pflegekräfte nach Deutschland vermittelt. Als sie aus dem Krankenhaus entlassen wird, geht sie zu Freunden, macht einen dreiwöchigen Deutschkursus. Mit wenigen Worten Deutsch und viel Hoffnung auf ein besseres Leben im Gepäck trifft sie im Herbst 2014 bei ihrem ersten Patienten in einem kleinen Dorf bei Wiesbaden ein.

Angst vor der Pflege habe sie nicht gehabt. Vier Jahre lang hatte sie ihre Mutter gepflegt. Die hatte mehrere Schlaganfälle hinter sich, eine Zuckerkrankheit, Arthrose, zum Schluss auch Demenz. „Mutti war erst 79 Jahre alt, ich habe auch viel bei Omi gemacht.“ Und auch die Schwiegermutter, die nach einem Schlaganfall gar nichts mehr alleine machen und nicht einmal mehr sprechen konnte, hatte sie drei Monate lang gepflegt. Und hier, in diesem kleinen Dorf im Westen eines fremden Landes, sagt sie sich: „Das schaffst du, Ewa. Zu Hause ist zu Hause wie überall.“ Sie bleibt einen Monat, bei einer anderen Familie einen weiteren Monat. Sie ist Urlaubs-Vertretung für die Frau, die fest in dem Haus angestellt ist.

Ihre erste feste Patientin ist eine 90-jährige Frau, die mit ihrer Tochter zusammen wohnt. „Sie war sehr dement und schlief drei Tage und Nächte am Stück gar nicht und dann zwei Tage und zwei Nächte durch.“ Durchwachte Nächte für den Patienten bedeuten auch durchwachte Nächte für Kaniszewska. „Drei Nächte waren immer weg. Wenn ich Glück hatte, hat sie mittags zwei Stunden geschlafen. Das hat sie aber nicht immer.“ Als sie nach drei Monaten für zwei bis drei Wochen nach Polen fahren will, sagt die Tochter der Pflegebedürftigen: „Du kannst nicht so lange in Polen bleiben.“ Doch sie habe sich ausruhen müssen. Durchschlafen, überhaupt schlafen. „Ich habe nur noch funktioniert und viel abgenommen in dieser Zeit.“

Sie wird Opfer von Gewalt – erneut

Als ihre Patientin nach einem Jahr ins Pflegeheim kommt, nimmt sich Kaniszewska sich eine Pflegeauszeit, arbeitet in einem Restaurant auf Hiddensee. Zwei Monate mit Blick aufs Meer. Aber Kaniszewska und die Chefin kommen nicht miteinander aus. Sie wendet sich erneut an eine Arbeitsagentur in Polen. Und die vermittelt an den Parkinson-Kranken, mit dem diese Geschichte begonnen hat. Es ist der letzte Patient, den Kaniszewska in der häuslichen 24-Stunden-Pflege betreut. „Ich habe alles gemacht und alles geschafft, aber es stand mir bis hier“, sagt sie und fährt mit dem Zeigefinger über ihre Stirn. Als sie die Kündigung schreibt, verwehrt ihr die Frau des Patienten, mit der sie mehr als ein Jahr zusammen gelebt hat, ein Zeugnis.

Einen Monat, nachdem ihr Sohn gestorben ist, verlässt sie dieses Ehepaar und zieht zum Nachbarn, ein Haus weiter. Seine Frau war gestorben, er bietet ihr an, bei ihm zu bleiben, um sich um den Haushalt zu kümmern. Doch er wird zudringlich, schlägt sie, einmal, zweimal. Beim dritten Mal ist es ein Uhr in der Nacht, als sie aus dem Haus stürzt. Im Nachthemd steht sie auf der Straße. Eine Stunde lang. Es ist Winter. Dann fasst sie Mut, ruft Bekannte an. Sie kommt bei einer Frau unter, die selbst nur zwei Zimmer hat. Ihre Familie ist es, die ihr hilft, eine Wohnung zu finden, die erste eigene in Deutschland, Möbel zu organisieren. Sie ist bis heute eine Stütze.

„Rückblickend frage ich mich: Wie habe ich das alles bloß geschafft?“

Seit zwei Jahren arbeitet Kaniszewska nun in einer Tagespflegeeinrichtung in Haldensleben. Ihr Sohn Simon ist ihr nach Sachsen-Anhalt gefolgt. Im Groll blicke sie nicht auf ihre Zeit in der häuslichen Pflege zurück. Es sei eine gute Erfahrungen gewesen, aber auch sehr schwere Arbeit. „Rückblickend frage ich mich manchmal: Wie habe ich das alles bloß geschafft?“ Klar sei: „Das will ich nie wieder.“

Ob sie irgendwann wieder in ihre Heimatstadt Kielce zurückkehren möchte? „Nein“, sagt sie. Sie habe gute Freundschaften in Haldensleben geschlossen, ihr Sohn Simon lebt dort, sie hat eine Wohnung in der Nähe des Waldes und einen guten Job. Sie hat Feierabende und Wochenenden. „In Polen habe ich nur ein leeres Haus und zwei Gräber.“

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