Klinikum bildet erstmals Hebammen aus

Gifhorn  Für werdende Mütter und junge Familien gibt es im Kreis umfassende Hilfen.

Hebamme Patricia Könneker aus Braunschweig horcht in den Bauch einer werdenden Mutter.

Foto: Peter Sierigk

Hebamme Patricia Könneker aus Braunschweig horcht in den Bauch einer werdenden Mutter. Foto: Peter Sierigk

Unser Leserin Ajungehorn aus Gifhorn regt an:

Mehr Hebammen für den Landkreis gewinnen!

Die Antwort recherchierte Christian Franz

Der Appell ist der Leserin Ajungehorn auf dem Portal Idee 38 ist eindeutig: „Mehr Hebammen für den Landkreis gewinnen, Hebammenversorgung verbessern, Unterstützung für einen guten Start junger Familien mit neuen Konzepten und Angeboten der Hebammen sichern!“

Mehr ist natürlich immer gut. Speziell das Angebot der Familienhebammen für besonders hilfsbedürftige Eltern oder Familien in Krisensituationen gilt als ausbaufähig. Darüber werden sich auf Anfrage der Rundschau Kreisverwaltung und das Beratungszentrum der Arbeiterwohlfahrt noch austauschen.

Andererseits erscheint die Betreuungssituation für junge Mütter im Landkreis durchaus geregelt.

Bringt eine Mutter ihr Kind im Helios Klinikum zur Welt, kümmern sich dort fest angestellte Hebammen um Mutter und Kind. Im September beginnt dort auch erstmals eine Hebammenausbildung, teilt Sprecher Matthias Schultz mit.

Babyboom im Klinikum

Damit reagiert das Klinikum auf den anhaltenden Babyboom: Bei mehr als 600 Geburten zur Jahresmitte ist das Klinikum auf einem guten Weg, dem Niveau der Rekordmarke von 1338 Entbindungen 2016 nahezukommen.

Nach der Entbindung kümmern sich freiberufliche Hebammen um die jungen Eltern und das Neugeborene.

Schultz schildert den üblichen Ablauf: „Eltern sollten möglichst früh in der Schwangerschaft eine nicht-klinische Hebamme kontaktieren. Diese Hebamme begleitet sie während der Schwangerschaft und übernimmt die Nachsorge.“

Während des Klinikaufenthaltes sorgen sich Pflegepersonal, Ärzte und Hebammen gemeinsam um die Mütter auf der Wochenstation. Falls Komplikationen auftreten sollten, wird der Säugling während des Klinikaufenthalts umgehend in der Kinder- und Jugendklinik des Klinikums behandelt.

Mütter wählen Hebammen selbst

Für die Zeit danach werden die Mütter gefragt, ob ihnen eine Hebamme für die Nachsorge zur Verfügung steht. Schultz: „Falls nicht, händigen wir ihnen eine Liste mit den Namen der freiberuflichen Hebammen aus.“

Welche Möglichkeiten Mütter und Familien grundsätzlich haben, schildert Carsten Sievers von der AOK Niedersachsen, die landesweit rund 35 Prozent der Versicherten betreut. „Für die Zeit vor der Geburt und auch danach kann eine Hebamme frei gewählt werden. Möglich ist auch, sich für den Zeitraum der Schwangerschaft schon eine sogenannte Beleghebamme zu suchen, also eine Hebamme, die mit einem Krankenhaus oder mehreren Krankenhäusern zusammenarbeitet.“

Hebammen unterstützen Mütter bis zu einem Zeitraum von zwölf Wochen nach der Geburt im sogenannten Wochenbett. In besonderen Fällen auch länger, beispielsweise nach einer Frühgeburt. Auch die Beratung bei Ernährungsproblemen ist bis zu einem Jahr nach der Geburt möglich und Beratung, beispielsweise bei Stillproblemen bis zum Abstillen. Die Hebamme unterstützt die Mutter zudem in psychosozialen Aspekten. Sie begleitet sie in den ersten Wochen während der großen körperlichen und seelischen Veränderungen. Die Hebamme besucht Mutter und Säugling auf Wunsch im Krankenhaus und regelmäßig zu Hause. Sie kontrolliert die Wundheilung nach einem Dammschnitt oder einem Kaiserschnitt und informiert über Rückbildungsmaßnahmen.

Auch das Kind wird versorgt

Sie beobachtet das Neugeborene in Bezug auf Verhalten und körperliche Vorgänge. Sie verfolgt die Abheilung des Nabels und achtet darauf, ob sich möglicherweise eine Neugeborenengelbsucht bildet. Die Hebamme erklärt Eltern die Prophylaxe- und Vorsorgeuntersuchungen für das Kind. Und sie gibt Hilfestellungen beim Stillen, Baden und Wickeln des Babys.

In der Schwangerschaft übernehmen Hebammen mit Ausnahme der Ultraschall-Untersuchung alle anerkannten Vorsorgeuntersuchungen: Gewichtskontrolle, Blutdruckmessung, Urinuntersuchung auf Eiweiß und Zucker, Kontrolle des Standes der Gebärmutter, Feststellung der Lage, Stellung und Haltung des Kindes, Kontrolle der kindlichen Herztöne, allgemeine Beratung der Schwangeren sowie Dokumentation im Mutterpass. Bei Komplikationen veranlasst die Hebamme Untersuchungen beim zuständigen Arzt oder Facharzt. Sie gibt zudem Tipps zur gesunden Ernährung in der Schwangerschaft und Stillzeit.

Auf all das haben werdende Mütter in der gesetzlichen Krankenversicherung Anspruch. In der AOK Niedersachsen sind Sievers zufolge zudem Hausgeburten mit Hebamme möglich. Diese Möglichkeit nutzten 2016 bei rund 23 000 Geburten indes nur rund 70 Frauen. Dazu kamen rund 70 Entbindungen in Geburtshäusern.

Zahl der Hebammen ist unbekannt

Wie viele freiberufliche Hebammen es gibt, ist laut Sievers mangels Melderegister nicht dokumentiert. Tendenziell könnte es knapp werden, fürchtet Sievers. Zwar sei die Zahl der Ausbildungsstellen mit 200 stabil und es gebe jeweils rund 1000 Bewerberinnen. Doch zugleich nimmt die Zahl der Geburten zu (allein um 14 Prozent zwischen 2015 und 2016) und die Krankenkasse beobachtet einen Trend zur Teilzeit unter den Hebammen.

Aus Sicht des Kostenträgers führt Sievers das nicht zuletzt darauf zurück, dass das Problem der gestiegenen Prämien für die Berufshaftpflichtversicherung der Hebammen gelöst ist. Sie würden von den Krankenkassen ausgeglichen, was den Weg in die berufliche Teilzeit erleichtere.

Generell sind die Leistungen der Hebammen unbegrenzt direkt mit den Kassen abzurechnen. Sievers: „Es gibt keine Zulassungsbeschränkungen wie bei niedergelassenen Ärzten. Für diesen Leistungsbereich gelten auch weder Budgets noch Deckel, anders als beispielsweise bei der Honorarverteilung für niedergelassene Fach- und Hausärzte.“

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