„Mehr Zutrauen in Frauen bei Geburt!“

Gifhorn  Ein Arbeitskreis unterstützt Mütter, die im Kreißsaal schlechte Erfahrungen machen.

Wenn Frauen ein Kind zur Welt bringen, ist es das wohl prägendste Ereignis ihres Lebens. Dass die Geburt für manche von ihnen mit negativen oder gar traumatischen Erinnerungen verbunden ist, macht die weltweite Aktion Roses Revolution Day deutlich.

Zum internationalen Tag gegen Gewalt gegen Frauen legen Mütter jedes Jahr Rosen vor Kreißsäle nieder, in denen sie schlechte Erfahrungen gemacht haben. „Es können Worte, Gesten, Blicke, ungefragt ausgeführte oder sogar verweigerte Untersuchungen sein, die Frauen im Kreißsaal als Übergriff empfinden. Oft fühlen sie sich in diesen Momenten gedemütigt und respektlos behandelt“, berichtet Gabriele Liebnau.

Sie hat 2014 den Arbeitskreis Eltern für Hebammen mitgegründet. Als Unterstützerin der Aktion legte sie im Namen von Betroffenen aus dem Kreis Gifhorn Ende November rosa Rosen vor den Kreißsaal des Helios-Klinikums.

„Die betroffenen Frauen sollen wissen, dass sie nicht alleine sind und dass es Unterstützung zur Aufarbeitung gibt - egal, wie lange die Geburt des Kindes her ist“, erläutert Liebnau. „Wir wollen das Bewusstsein der Frauen für Übergriffe schärfen und sie darin bestärken, ihrer (negativen) Wahrnehmung zu trauen und nicht alles hin zu nehmen.“

Liebnau nennt als Fallbeispiele ruppige Bemerkungen von Hebammen wie: „Geburt ist kein Kinderspiel, stellen Sie sich nicht so an!“ In dieser Ausnahmesituation prallen solche Sätze nicht an jeder Frau als flapsige Kommentare ab. Auch berichtet Liebnau von einem Gespräch zwischen zwei Ärzten in Hörweite einer Schwangeren: „Ich muss eben rüber eine Jammerleitung legen.“ Damit war die Periduralanästhesie zur Schmerzlinderung gemeint.

Doch die Kritik von Initiativen für gerechte Geburten geht weiter: Zu früher Dammschnitt, vaginale Untersuchungen, die unnötig häufig oder schmerzhaft vorgenommen würden, Eingriffe, die nicht erklärt oder angekündigt werden.

Isabel aus Gifhorn hat erst 13 Jahre nach ihrer ersten Geburt eine Rose niedergelegt. Durch die verabreichten Schmerzmittel habe sie von ihrer Geburt kaum etwas mitbekommen. „Ich war völlig neben mir.“ Als sie ihr Kind gleich nach der Entbindung stillen wollte, habe sie mit genervter Stimme zu hören bekommen: „Stillen? Jetzt übertreiben Sie mal nicht!“ Als heilsam habe sie dagegen die Geburt ihrer nächsten beiden Kinder empfunden, die sie zu Hause im Beisein einer vertrauten Hebamme bekam. „Ich hatte das Gefühl: Hier habe ich das Sagen. Nicht die Hebamme macht die Geburt, sondern ich“, erinnert sich die 41-Jährige.

Liebnau: „Frauen muss eine Geburt mehr zugetraut werden.“ Sie fordert mehr Geduld und Zeit für Geburten, weniger Interventionen, mehr und nachvollziehbare Erklärungen, wofür Eingriffe notwendig sind sowie Sorgen ernst zu nehmen.

Im Helios-Klinikum würden Beschwerden von Patientinnen sehr ernst genommen. „In unseren täglichen Visiten regen wir die frisch Entbundenen stets an, über ihren Geburtsverlauf zu sprechen. Sorgen und eventuelle Beschwerden können wir häufig sofort vor Ort klären und einvernehmliche Lösungen anbieten“, so Dr. Thomas Dewitz, Chefarzt für Frauenheilkunde und Geburtenhilfe.

„Eingriffe unter der Geburt werden nur nach Absprache und bei medizinischer Notwendigkeit durchgeführt. Wir versuchen, möglichst viele Frauen natürlich zu entbinden und beenden im Durchschnitt nur 28 Prozent unsere Geburten durch einen Kaiserschnitt.“ Damit liege Helios knapp unter dem Bundesdurchschnitt. „Auch hier steht das Selbstbestimmungsrecht der Frau für uns an erster Stelle, auch wenn wir uns mehr Mut und Zutrauen der Frauen zum natürlichen Weg wünschen.“

Die Betreuung der Geburten durch Hebammen, Schwestern und Ärzte werde von den werdenden Eltern sehr geschätzt, betont Dr. Dewitz. „Nicht selten betreuen wir die zweite Geburt einer Familie nach unschönen Erfahrungen, die sie bei der ersten Geburt anderswo gemacht haben.“

Und mit Blick auf unangemessene Äußerungen sagt der Chefarzt: „Natürlich kann es auch mal dazu kommen, dass in besonders stressigen Phasen einmal ein unüberlegter Kommentar fällt. Das tut allen Beteiligten im Nachhinein leid. Wie in jedem anderen Beruf gibt es auch bei Hebammen und Ärzten mal ruhigere und mal stressigere Zeiten.“

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