So reagieren Gifhorner auf die Kontaktbeschränkungen

Gifhorn.  Zwischen Verständnis und Empörung: Die Lockdown-Verlängerung und die speziellen Maßnahmen in Gifhorn treiben Geschäftsleute und Bürger um.

Foto: dpa/ Julian Stratenschulte

Die drastischen Kontaktbeschränkungen, die die Kreisverwaltung am Montag unter großer Medienaufmerksamkeit verkündete, beschäftigen die Gifhorner. Unsere Leser reagieren im Netz teils verständnisvoll, teils verärgert über die neuen Regelungen. „Dann darf man jetzt nicht mal mehr seine Lebensgefährtin sehen? Das ist absolut nicht mehr zu akzeptieren!“, schreibt ein Nutzer. Ein anderer kommentiert ironisch: „Glücklicherweise zählen nur die Corona-Toten und nicht die an Einsamkeit Gestorbenen. Die und die anderen ,Kollateralschäden‘ tauchen in keiner Statistik auf, ja sie werden nicht einmal gezählt. Sie haben schließlich keinen ,politischen Wert‘.“ Ein anderer Leser macht seinem Ärger Luft über die Konsequenzen, die aus der Uneinsichtigkeit vieler Bürger resultiere. „Das war es nun mit meinem Verständnis für die Beschränkungen, das geht mir entschieden zu weit. In den Werkhallen und Pausenräumen der großen Betriebe der Region trifft man sich zu hunderten ohne Probleme, aber daheim nicht einmal mehr die allein lebende Mutter besuchen? Nein, da mache ich nicht mehr mit! (…) Ich habe es satt, ständig für andere den Buckel hinzuhalten, denen das Wohl ihrer Mitmenschen komplett egal ist, weil jetzt Urlaub im Kalender steht und die Party an Silvester natürlich auch nicht ausfallen kann.“

Ein Nutzer bezieht klar Stellung: „An alle, die sich nicht an die Regeln halten wollen: Das ist eure Entscheidung. Aber bitte überlasst im Falle einer Infektion mit schwerem Verlauf dann auch euren Intensivplatz im Krankenhaus den Patienten, die sich an die Regeln gehalten haben!“

Leser hinterfragen Corona-Maßnahmen

Ein anderer Leser hinterfragt den Effekt der Maßnahmen. „Die jetzt ergriffenen Maßnahmen begrüße ich grundsätzlich, auch die Ausgangssperre. Kritisch sehe ich jedoch, dass diese bereits um 20 Uhr beginnen soll. Mein Nahversorger hat bis 21 Uhr geöffnet. Der Einkauf im Zeitraum von 20 bis 21 Uhr trug deutlich zur Entzerrung bei. Insbesondere für stark Gefährdete, für die die Nische wegfällt, erscheint mir die Vorgabe kontraproduktiv.“ Andere Gifhorner Leser kreiden auch der Verwaltung Versäumnisse bei der bisherigen Umsetzung der Corona-Strategie an.

Und eine weitere Nutzerin findet: „Alles ok, aber Kontaktverbot und Kindergarten-Notbetreuung passen auch nur schwer zusammen.“ Ob die Betreuung in Kitas und Präsenzunterricht für Abschlussklassen zur Vorbereitung auf die baldigen Prüfungen angesichts dieser verschärften Maßnahmen tatsächlich aufrechterhalten werden können, darüber will der Kreis mit Blick auf die weitere Entwicklung der Infektionszahlen beraten. Diese Woche jedenfalls bleibe es bei kleinen Notgruppen und Präsenzunterricht für Abschlussklassen. Ab nächster Woche ist eigentlich geplant, dass auch die Grundschulen im B-Modus starten, also im Wechsel zwischen Homeschooling und Unterricht in der Schule.

Verlängerung des Lockdowns trifft die Gewerbetreibenden

Während viele Schulen Niedersachsens, die zum digitalen Lernen die Plattform IServ verwenden, am Montag und Dienstag mit Technikproblemen zu kämpfen hatten, verlief der Start an der Realschule Calberlah bisher ohne Komplikationen. Hier wird auf Microsoft Teams zurückgegriffen. Das Feedback der Eltern sei laut Schulleiter Thomas Seeliger positiv, hier und da feile man noch an kleinen Verbesserungen, das Lernen in den eigenen vier Wänden anzupassen. „Das ist für Lehrer ein großer Spagat im Moment“, so Seeliger. Derzeit ist die Bildungseinrichtung für drei Abschlussklassen mit rund 50 Schülern geöffnet, für den Rest läuft der Unterricht digital ab. Seeliger hofft, dass das Lernen im Klassenraum bald wieder möglich wird. „Der Unterricht lebt davon, dass man miteinander agiert. Das Zwischenmenschliche zu erleben ist durch Videokonferenzen nur eingeschränkt möglich.“ Das sieht auch Peter Mende, Rektor an der IGS Gifhorn, so. „Lernen in der Schule ist immer der bessere Weg.“ Auch an seiner Schule werden Schüler von Abschlusskassen vor Ort auf die Prüfungen vorbereitet.

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Die Verlängerung des Lockdowns trifft die Gewerbetreibenden teils tief ins Mark. Die Restaurants der Gastronomen sind seit Monaten zu. Armin Schega-Emmerich, Vorstandsvorsitzender des Dehoga-Kreisverbandes Gifhorn, findet zwar, dass die Maßnahmen nachvollziehbar und notwendig sind, „aber unsere Branche ist eben schon längere Zeit betroffen und wir müssen immer als erstes dran glauben“ – obwohl die Restaurantbetreiber stets alle Maßnahmen mitgetragen und viel investiert hätten. Er fühlt sich von der Politik vertröstet, weil die Corona-Hilfsgelder immer noch auf sich warten lassen. „Bisher sind es nur Lippenbekenntnisse. Die Politik gibt kein gutes Bild ab.“ Wenn sich in den nächsten Monaten nichts bewege, werde es eng für manch einen Betrieb. Viele halten sich derzeit nur über Wasser, indem sie Essen liefern oder zur Abholung bereitstellen. Dass dieser Service nach 20 Uhr durch die Ausgangssperre wegfällt, bedeutet für die Gastronomen eine weitere Eingrenzung. Schega-Emmerich glaubt jedoch, dass die meisten Betriebe ihr Hauptgeschäft unabhängig dieser Regelung ohnehin bis 20 Uhr abgewickelten, sodass er keine dramatischen Folgen erwarte.

Im Gifhorner Helios Klinikum sind die ersten Impfdosen angekommen

Die Corona-Pandemie hat den regionsweit bekannten Tortenbäcker Artur Zitlau schwer getroffen. Zahlreiche Hochzeiten wurden abgesagt, für die er festliche Torten backen sollte. Weil die, die zu bestimmten Anlässen feiern wollten, die Zahl der Gäste reduzieren mussten, fielen die Torten immer kleiner aus, viele griffen auf Alternativen wie Cupcakes zurück. Für Zitlau bedeutete das deutlich weniger Einnahmen. Und trotzdem –„bis Ende September konnte ich noch durchatmen“ – doch dann kam der zweite Lockdown. Im Moment sei „alles auf Null runtergefahren“, für Anfragen stehe er aber nach wie vor telefonisch und per Mail bereit. Weil auch schon Anfragen für 2021 storniert wurden und derzeit keine neuen reinkommen, hält sich Zitlau mit einem Aushilfsjob in einer Bäckerei über Wasser. Geht das noch lange so, könne er seine Selbstständigkeit nicht mehr hauptberuflich ausüben.

Udo von Ey, Vorsitzender der City-Gemeinschaft Gifhorn, hatte mit der Verlängerung gerechnet. Was ihm missfällt: Dass Super- oder Drogeriemärkte, die wegen ihres Grundversorgungscharakters geöffnet bleiben dürfen, auch andere Waren wie Spielzeug und Kleidung verkaufen dürfen – wo doch der Einzelhandel dicht machen muss. „Das hätte die Politik unterbinden müssen.“

Nun wird sich zeigen, ob die Maßnahmen des Kreises die Infektionszahlen spürbar nach unten drücken. Abhilfe sollen auch die Impfungen schaffen. Vergangene Woche waren mobile Impfteams in Altenheimen unterwegs. Und im Gifhorner Helios Klinikum sind mittlerweile die ersten Impfdosen für 105 Mitarbeiter angekommen. Zuerst wurden die geimpft, die in Bereichen mit direktem Kontakt zu positiv getesteten Patienten arbeiten.

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