Abgeordnete gehen Gifhorns Landrat wegen Corona-Strategie hart an

Gifhorn.  SPD, Grüne und AfD werfen ihm vor, erst zu spät und dann mit den falschen Maßnahmen vorzugehen. Auch in den Schulen äußert sich Kritik.

Gifhorns Landrat Andreas Ebel steht seit der Pressekonferenz am vergangenen Montag wegen der jüngsten Corona-Maßnahmen im Kreuzfeuer von Kritikern.

Gifhorns Landrat Andreas Ebel steht seit der Pressekonferenz am vergangenen Montag wegen der jüngsten Corona-Maßnahmen im Kreuzfeuer von Kritikern.

Foto: Reiner Silberstein

Die Kreistagsabgeordneten Jannis Gaus (SPD), Arne Duncker (Grüne) und Stefan Marzischewski-Drewes (AfD) gehen mit den jüngsten Corona-Maßnahmen der Kreisverwaltung – und mit dem Landrat Andreas Ebel – hart ins Gericht. Der habe erst viel zu spät gegen das galoppierenden Infektionsgeschehen gehandelt, lasse zu wenig testen und greife jetzt zu übertriebenen Mitteln.

Der Isenbüttler Gaus erntet mit seinem Facebook-Eintrag vom Dienstag gerade reichlich Zustimmung in den Kommentaren. Insbesondere nimmt er dem Landrat übel, dass er ausgerechnet die Pflegerinnen und Pfleger „an den Pranger“ stelle: „Das erscheint vor allem deshalb zynisch, da das Gesundheitsamt unter Ebels Verantwortung längst nicht mehr Herr der Lage zu sein scheint“, schreibt er. So kämen Quarantäneanordnungen bei betroffenen Kontaktpersonen teilweise erst nach Ablauf des verordneten Zeitraums an, die darin angekündigten täglichen Anrufe geschähen nicht und die Kontaktverfolgung finde „schlicht nicht statt".

Zu wenig Initiative in Sachen Impfstoff?

Gaus sieht viele Versäumnisse schon im Dezember: „Ich glaube, uns war allen vor Weihnachten bewusst, dass die Zahlen nach den Feiertagen in die Höhe schießen. Deshalb wäre ich als Verwaltungschef des Gesundheitsamtes nicht in den Urlaub gefahren sondern vor Ort gewesen“, sagt er auf Nachfrage unserer Zeitung. Auf Facebook liest sich das so: „Kurzum: Erst verweilt Landrat Ebel im Urlaub, während der Landkreis sich zum landesweiten Hotspot entwickelt - jetzt übertreibt er völlig!" Ebel habe kein abgestimmtes Vorgehen versucht, das auf breitem politischen Konsens fußt. „Nicht einmal die Vorsitzende des Gesundheitsausschusses war informiert, weil es jetzt auf ein Mal schnell gehen musste.“ Pflegeheime und Kirchen seien nicht konsequent kontrolliert worden.

Der Meiner Arne Duncker wirft der Kreisverwaltung vor, in Sachen Impfstoff zu spät tätig geworden zu sein: „Falsche Beurteilung führte hier zu falschen – nämlich verspäteten – Handlungen: Appelle an das Land erfolgen erst jetzt, die letzten zwei Wochen sind anscheinend fahrlässig versäumt worden." Da hätte Ebel schon längst auf die gleiche Impfstoffversorgung pochen müssen wie Cloppenburg, Osnabrück, Bentheim, Hannover und Braunschweig, meint Duncker.

Covid-Infektionen außer Kontrolle geraten?

Auch findet Duncker, der Kreis teste zu wenig. Im Kreis Gifhorn gebe es eine Testquote von 6,0 pro Hundert Einwohner. „Deutlich weniger als der Bundesdurchschnittswert." Und, so Duncker: „Aus Rückmeldungen von Bürgern entnehme ich, dass sowohl Kontaktpersonen von Infizierten als auch Menschen mit Verdachtssymptomen trotz Nachfrage keine Tests ermöglicht wurden.“

Das Infektionsgeschehen außerhalb der Pflegeheime werde daher nach seiner Überzeugung nur ansatzweise und nur extrem lückenhaft erfasst. „Es ist mit einer sehr hohen Dunkelziffer zu rechnen.“ Dunckers Folgerung: „Im gesamten Landkreis ist mit einer statistisch und amtlich seit Wochen nicht mehr erfassten massiven Verbreitung von Covid-Infektionen an unbekannter Stelle zu rechnen, die mangels Testung, Erfassung und Nachverfolgung außer Kontrolle geraten ist." Hohe Werte habe es schon vor Weihnachten gegeben, von einer Überraschung nach dem fest könne also keine Rede sein.

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Kritik aus den Schulen

Und jetzt eine Ausgangssperre ab 20 Uhr? Duncker hält das nicht für sinnvoll, wo viele Supermärkte sonst länger geöffnet hätten: „Das Einkaufsverhalten hat sich in Corona-Zeiten auch bei älteren Menschen verändert, sie kaufen vermehrt am späteren Abend ein, gerade in der Zeit zwischen 20 und 21 Uhr. Auch Lieferung und Abholen von Speisen vor Restaurants durch Einzelpersonen sollten zu einem späteren Zeitpunkt möglich sein, um die Zeitschiene zu entzerren und die Betriebe nicht noch mehr in ihrer Existenz zu gefährden.“

Auch Marzischewski-Drewes bläst ins selbe Horn: „Die aktuellen Maßnahmen des Landrates reihen sich in den hilflosen Panikmodus der Bundesregierung ein.“ Er rate „dringend zu einem kompletten umsteuern der getroffenen Maßnahmen auf den Boden von evidenzbasierter Medizin … Soll der Lockdown ewig gehen?“

Und aus den Schulen gibt es Kritik an der Aussage des Kreises, an den Planungen für die Schulen und Kitas noch nichts zu rütteln – das heißt: Die Abschlussklassen treffen sich derzeit in halben Gruppen und die Grundschulen starten ab kommender Woche wieder mit einem Wechselmodus und ebenfalls halber Klassenstärke. „Die Schulleitungen sind mit der Entscheidung für Präsenzunterricht sehr unglücklich“, gibt Monika Niemann, die Leiterin der Bonhoeffer Realschule in Gifhorn zu bedenken. „Bei diesen Inzidenzzahlen machen wir uns große Sorgen um die Gesundheit der Schülerinnen, Schüler und Lehrkräfte. Das Gesundheitsamt hätte es in der Hand gehabt, anders zu entscheiden. Wir hoffen, dass der LK die Entscheidung überdenkt."

Kontaktbeschränkungen nicht eingehalten

Die Pressestelle des Landkreises versprach Antworten auf die konkreten Vorwürfe für Freitag. Zur Kritik des im Vergleich zu anderen Gebietseinheiten zu späten Handelns hatte sich Landrat Ebel aber schon auf voriger Anfrage unserer Zeitung so geäußert: „Freiwillige Kontaktbeschränkungen sind das Wichtigste. Das hat im Frühjahr 2020 bereits sehr gut funktioniert und darauf haben wir vor Weihnachten gesetzt.“ Diverse Maßnahmen und Reaktionen seien auch im Dezember schon intensiv erörtert worden. „Dabei wurde aber bewusst die Entscheidung getroffen, die Menschen im Landkreis für sich selbst in die Verantwortung zu nehmen. Letztlich haben die Bürgerinnen und Bürger es selbst in der Hand, ob sich das Virus weiter ausbreitet.“

Anfang des Jahres habe die Gifhorner Kreisverwaltung jedoch stark zunehmende Infektionszahlen festgestellt: „Leider stellte sich heraus, dass über die Feiertage die Kontaktbeschränkungen von einigen Bürgerinnen und Bürger großzügig ausgelegt wurden.“ Allein vom 5. bis 10. Januar 2021 verzeichnete der Landkreis Gifhorn 450 Neuinfektionen.

Unterschiedliche Zeitpunkte für Maßnahmen

Ebel habe vor Weihnachten auch Maßnahmen wie die Ausgangssperre in der Grafschaft Bentheim vor Augen gehabt. „Allerdings muss jeder Landkreis auf das spezifische Infektionsgeschehen vor Ort reagieren … Daher kann es durchaus sein, dass die Landkreise zu unterschiedlichen Zeitpunkten verschiedene Maßnahmen ergreifen.“

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