Diskussionen im Gemeinderat

Hitzige Debatte rund ums Camp Lessien

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Die Platzstraße zum Flüchtlingscamp in Lessien ist weder mit weißen Linien noch mit Bürgersteigen ausgestattet. Das führte bereits zu heiklen Verkehrssituationen, kritisierten die Zuhörer.

Die Platzstraße zum Flüchtlingscamp in Lessien ist weder mit weißen Linien noch mit Bürgersteigen ausgestattet. Das führte bereits zu heiklen Verkehrssituationen, kritisierten die Zuhörer.

Foto: Horst Michalzik

Ehra-Lessien.  Während der Ratssitzung übten einige Zuhörer Kritik. Die ratlose Gemeinde Ehra-Lessien hatte den Landrat zur Stellungnahme eingeladen.

Angestauter Zorn, Resignation, aber auch Hilflosigkeit und Furcht bestimmten die Debatte über die Flüchtlingsunterbringung, als der Gemeinderat am Mittwoch im Schützenhaus Lessien tagte. Das Verhältnis zwischen den Bürgern im Ortsteil Lessien und den Geflüchteten im Camp auf dem Gelände des ehemaligen Truppenübungsplatzes hat einen ungeahnten Tiefstand erreicht. Bürgermeister Jörg Böse (CDU) hatte Landrat Tobias Heilmann (SPD) zur Sitzung eingeladen, um Einzelheiten zu erfahren, weil er selbst keine Antworten vom Landkreis erhalten habe.

Heilmann führte unter anderem aus, dass die hohen Zuweisungen an Flüchtlingen im Landkreis Sorgen bereiteten. Sein großes Ziel sei, möglichst viele Menschen dezentral in Wohnungen unterzubringen. Die Neuzugänge würden nach Möglichkeit im Landkreis verteilt. Die übrig Gebliebenen kämen in Sammelunterkünften wie in Lessien, in Brome, Meinersen und in der Gifhorner Unterkunft im Clausmoorhof unter. Ein großes Problem sei, dass niemand voraussagen könne, wie sich die Zahl der Zuweisungen entwickle. Vor allem sei die Kreisverwaltung bestrebt, keine Turnhallen zu belegen. Doch wehre man sich dagegen, Flüchtlinge einfach auf die Straße zu schicken. Die Empfänger von Hartz IV im Camp müssten eigentlich ausziehen. Doch gibt man ihnen bis zum Jahresende Aufschub.

Gefordert war vor allem auch eine Busanbindung direkt am Camp, damit die vielen Männer, Frauen und Kinder nicht immer eine halbe Stunde lang die ganze Platzstraße hinunterlaufen müssten, wenn sie einen Bus erreichen wollen. Zur Situation gab es eine Zusage durch den Landrat, dass in der ersten Oktoberwoche der Bus wieder direkt am Camp halte und dann die gefährlichen Situationen im Verkehr weniger würden, die häufig durch zu schnell fahrende Autos heraufbeschworen würden. Auch sei die kleine Grundschule Ehra durch die Neuankömmlinge überlastet, wurde beklagt. Dort hat die Umverteilung auf weitere Schulen begonnen.

Die Einwohnerfragestunde begann mit einem Beitrag von zwei jungen Schülerinnen, die sich durch Flüchtlingskinder bedroht sahen. „Es ist das erste Mal, dass ich vor dem Busfahren Angst habe“, berichtete eine. Auch aus dem Ratsrund gab es Stimmen wie die des stellvertretenden Bürgermeister Peter Albrecht (SPD), der bemerkte: „Wir müssen damit leben, sind aber manchmal überfordert“.

Massiv wurde die Kritik am Zustand der Platzstraße. Ein Zuhörer kritisierte, dass es auf seine E-Mails von Januar bis August keine Antwort gegeben habe. Die Verkehrssituation auf der Straße zum Camp – ohne jede weiße Linie und ohne Bürgersteig – sei übel. Gerade am Tag der Sitzung sei ein Mädchen, das auf dem Rad unterwegs war, von einem Autofahrer angefahren worden. Ein anderer Gast forderte Tobias Heilmann auf, umgehend etwas zu unternehmen, und die Sache nicht auf die lange Bank zu schieben. Auf Heilmanns Frage, was er konkret veranlassen solle, gab es jedoch keine Antwort. Der Landrat machte sich etliche Notizen zu den Wortbeiträgen.

Bürgermeister Jörg Böse regte an, dass in der Oktobersitzung des Gemeinderates Antworten präsentiert werden. Heilmann erklärte sich einverstanden.

Neben der Verkehrssituation gab es eine weitere Problemlage. Ein Besucher verwies auf die Zuhörer aus Lessien und betonte, dass sie alle in der großen Not 2015 und 2016 tatkräftig mit zugepackt hätten, um zu helfen. Zu den neuen Flüchtlingen habe man keine Kontakte entwickeln können. Es habe Fälle gegeben, in denen sich die Gäste aus der Ukraine (305) und aus vielen anderen Ländern (178) nicht einmal an die einfachsten Grundregeln gehalten hätten.

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