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Sechs Autoren haben auf unserer Regionsseite eine eigene Kolumne: Susanne Jasper, Jacqueline Carewicz, Birte Reboll, Harald Likus, Thomas Parr und Tessa Cordes.

Auf Kurs, der selbstbestimmt ist

Diejenigen, die ständig den Untergang heraufbeschwören, sind im Grunde doch nur der Eisberg selbst.

Jeder Mensch hat das Recht auf seine eigene Meinung. Das haben uns die Gründerväter dieser Demokratie in das Grundgesetz geschrieben. Aus leidgeprüfter Zeit heraus haben sie die Rechte des Einzelnen besonders stark in den Vordergrund gestellt und das Individuum gestärkt. Da steht nichts von: Der Staat hat das Recht, die Regierung darf, die Polizei muss. Sondern zu allererst: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Individuelles Freiheitsrecht ist ein Grundgesetz und die eigene Meinung ein kostbares Gut. Sie darf jedoch nicht als Besitz verstanden werden, da sie auch immer einen gewissen Anteil an gesellschaftlichem Konsens benötigt.

Um es auf den Punkt zu bringen: Was alle glauben ist wahr. Aus dieser Wahrheit – diesem kollektiven Einverständnis – heraus entsteht Gesellschaft. Gesellschaft funktioniert nur dann, wenn auch morgen noch diese Vereinbarungen gelten. Wenn wir also zum Beispiel auch morgen noch mit Geld eine Ware bezahlen können, weil es eine kollektive Übereinstimmung darüber gibt, dass Geld einen Tauschwert hat. Wenn wir uns also auch morgen noch sicher sein können, dass wir unsere Meinung in einer Demokratie frei äußern dürfen. Richtig und falsch ist im Prinzip also auch nur innerhalb der gesellschaftlichen Ordnung existent. Gesellschaft ist ein Konstrukt und höchst fragil. Deswegen ist es von großer Bedeutung, immer nachzufragen, wer dieses Konstrukt für seine Zwecke manipulieren möchte. Denn insbesondere in außergewöhnlichen Zeiten tauchen immer wieder Stimmen auf, die das bestehende Ordnungssystem infrage stellen und den geltenden Gesellschaftsvertrag kritisieren. Im Gepäck haben jene meist einfache Wahrheiten, die scheinbar auf Plausibilität abzielen. Es soll der Eindruck entstehen, dass nur diese Kräfte die drohende Katastrophe erkennen können. Sie warnen vor dem Eisberg, auf den das gesamtgesellschaftliche Schiff Titanic zusteuert. Angeblich will aber niemand anderes das bevorstehende Unheil wahrhaben. Die Regierung in Form des Kapitäns ignoriert die Warnung vor dem Untergang, während sich die Passagiere im Ballsaal ahnungslos vergnügen.

Und immer lautet deren simple Wahrheit, der drohende Untergang sei unvermeidbar. Nur sind diese Menschen nicht als wohlmeinende Stimmen oder gar Heilsbringer zu verstehen, sondern als die, die die öffentliche Wahrnehmung zu beeinflussen versuchen, um ihren eigenen Kurs anzusteuern. Wohin dieser führt, ist unklar. Am Eisberg vorbei womöglich in ein Minenfeld? Man weiß es nicht und sie sagen es auch nicht. Sie bringen ja keine eigenen Lösungsvorschläge mit, denn gesamtgesellschaftliche Verantwortung möchte hier doch niemand übernehmen.

In der Demokratie aber hält jedes einzelne Individuum und der gesamtgesellschaftliche Konsens das Boot auf Kurs. In der Demokratie können wir unseren Kapitän selbst wählen und die drohende Katastrophe gemeinsam umschiffen. Diejenigen, die ständig den Untergang heraufbeschwören, sind im Grunde doch nur der Eisberg selbst.

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