Manfred Casper schreibt über seine Leidenszeit in der DDR

Braunschweig.  Der frühere Chef des Arbeitgeberverbands Braunschweig hat seine Lebenserinnerungen geschrieben. Am 11. November stellt er sie bei Graff vor.

Manfred Casper, früherer Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbandes Braunschweig legt seine Lebenserinnerungen „Vom Wachsen der Flügel“ vor.

Manfred Casper, früherer Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbandes Braunschweig legt seine Lebenserinnerungen „Vom Wachsen der Flügel“ vor.

Foto: dpa

Fraglos sind die Erinnerungen des ehemaligen Braunschweiger Arbeitgeber-Vertreters Manfred Casper an sein frühes Aufbegehren in der DDR, seine Unangepasstheit, seinen gescheiterten Fluchtversuch und das Elend der Haft respektgebietend. Zweifellos ist es wichtig, wenn Zeitzeugen sich an erlittenes Unrecht erinnern und es in Buchform dem Vergessenwerden entreißen. Zumal in einer Zeit, da einige Politiker der Linken und der SPD infrage stellen, ob die DDR ein Unrechtsstaat war.

Wer das Buch „Vom Wachsen der Flügel“ liest, muss dieses opportunistische Rumeiern für zynisch halten. Wer wie Casper das sozialistische System bis zur Neige auszukosten gezwungen war, erlaubt uns keinen Zweifel.

Insofern möchte man die Lektüre eigentlich dringend empfehlen. Vor allem Nachgeborenen. Jenen, die von der DDR bestenfalls noch wissen, dass es sie einmal gab. Die heute dringender denn je imprägniert werden müssen gegen Ideologien und Totalitarismen aller Art.

Eigentlich. Aber...

Das ist schwer. Zunächst wörtlich: relativ großes Format, über 400 Seiten, eng bedruckt, kleine Schrift. Das wiegt. Und dann fehlt ihm vor allem anfangs die Stringenz. Zwar berichtet uns Casper von den Zwängen der Schulzeit. Wie er früh ein Fragender wurde, der sich nicht zufrieden gab mit den vorgestanzten Antworten des Sozialismus-Personals (das für ihn hauptsächlich aus ebenso feigen wir karrieregeilen Sozialismus-Darstellern bestand).

Aber er erzählt eben auch alles mögliche andere. Zum Beispiel von diversen Braunschweiger Verwandten („Onkel Erich mit seiner SS-Vergangenheit war ein gebildeter Mann, drahtig und zupackend. In meinen Augen ein prima Kerl.“).

Casper klärt uns auf über die Attraktion der Beatles und von Cassius Clay, die Vorzüge eines Nachttopfs, idyllische Ferien am Plauer See, den Eisernen Vorhang, Kennedy in Berlin, Vietnam, die 68-er Revolte, den Schah, die RAF. Wenn der Autor seine Irritation über landwirtschaftliche Überproduktion im Westen formuliert und die Unbequemlichkeit auf dem Rücksitz eines Porsche, dann wohl deshalb, um klarzustellen, dass er – trotz Onkel Erich – nach beiden Seiten hin ein kritisch Fragender gewesen sei.

Packender wird es, wenn es an die Flucht geht. Die Todesangst an der bulgarisch-jugoslawischen Grenze, die Verhaftung, die entwürdigenden Verhöre, die Haft in Bulgarien und der DDR – das wird bis zu den „drastischen physischen Maßnahmen“, der Einzelhaft im „Tigerkäfig“ und dem Umgang mit dem Fäkalien-Eimer vergegenwärtigt. Vielleicht nicht ganz mit der Sprachgewalt, wohl aber mit dem Furor der Zeugenschaft eines Solschenizyn oder Kempowski.

Allerdings beschreibt und zitiert Casper Pein und Peiniger nicht nur, sondern kommentiert fast auf jeder Seite, wie phrasenhaft, empörend, verlogen, verdorben, heuchlerisch, inhuman, zynisch, stumpf, stupide, barsch, aggressiv, hämisch, später psychologisch perfide das „Staatsgelaber“, die „Brüllorgien“ und „Hasstiraden“ gewesen seien. Das wirkt bei der Lektüre auf nachvollziehbare Weise unversöhnlich. Aber auch so, als müsste er den seit 30 Jahren toten Hund Sozialismus noch einmal totschlagen.

Was hier fehlt, ist ein strenges Lektorat. Es hätte das Konvolut inhaltlich gestrafft. Denn nach Caspers „Freikauf“ aus der DDR zieht sich das Buch noch eine lange Weile hin. Diskussionswürdig sind im Epilog die holzschnittartige Medienkritik, die Suggestion, es gebe heute in Deutschland mit der DDR vergleichbare Denk- und Sageverbote und die Einordnung des Nationalsozialismus als eine Gestalt des Sozialismus.

Auch einige Sprach-Pannen hätte ein Lektor behoben wie das „individuelle Moralethos“ oder die „potenzielle Möglichkeit“. Er hätte verrutschte Sätze bemerkt wie: „Als Vater dreier Kinder war Dr. Naumanns ältester Tochter vier oder fünf Monate nach dem Bau der Mauer eine erfolgreiche Flucht gelungen.“

Und auch Formulierungen wie diese im Vorwort hätte ein sensibler Lektor zumindest problematisiert: „Schließlich will das Buch zeigen, dass Mut, Geradlinigkeit sowie der feste Glaube an sich selbst und an die eigene Kraft selbst in scheinbar ausweglosen Lebenssituationen etwas bewirken können.“

Wir wollen das gar nicht bezweifeln, das steht uns nicht zu. Nur: Als kaum verhohlenes Selbstlob kommt so etwas nicht so gut an. Das sollten besser andere sagen. Der Rezensent zum Beispiel. Das sei hiermit geschehen, in allem Respekt.

Das Buch „Vom Wachsen der Flügel – eine autobiografische Erzählung“ ist im Braunschweiger JHM-Verlag erschienen. 416 Seiten kosten 24,90 Euro.

Am Montag, 11. November, 20.15 Uhr, stellt Casper sein Buch im Gespräch mit dem Chefredakteur unserer Zeitung, Armin Maus, in der Braunschweiger Buchhandlung Graff vor. Eintritt 10, ermäßigt 8 Euro.

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder