El Kurdis Clevergirl und Männer im Rock wuppen ihre Mission

Braunschweig.  Glänzend gespielte Uraufführung von Hartmut El Kurdis Stück „Clevergirl“ im Jungen Staatstheater im Lok-Park. Protest von flinten.bs.

Auf rockiger Misssion (von links) Heiner Take, Cino Djavid, Nina Wolf und Naima Laube.

Auf rockiger Misssion (von links) Heiner Take, Cino Djavid, Nina Wolf und Naima Laube.

Foto: Bettina Stoess / Staatstheater Braunschweig

Ein Planet, wo ein selbstsüchtiger Politiker durch Verdummung seiner Untertanen seine Macht sichert, das klingt irgendwie gar nicht so extraterrestrisch, sondern nach Trumpistan und Privat-TV. Brutalogarden hat er auch noch im Einsatz, also macht sich ausgerechnet Angstmän auf den Weg, Superus 4 zu retten. Und da er weder der Mutigste noch der Schlauste ist, aber herzlich, tut er gut daran, seine auf Erden wandelnde Schwester Clevergirl zu reaktivieren.

Wieso die hier unten ihr Menschenleben fristet, ist Teil einer umständlichen und in mehreren Anläufen entdeckten intergalaktischen Familiengeschichte, die Hartmut El Kurdi fürs Junge Staatstheater geschrieben hat. Da hakt’s schon manchmal mit der Plausibilität und muss eben viel erzählerisch geklärt werden. Im Vordergrund steht aber der kindgerechte Spaß am Spiel in guter Mission, auf der die Geschwister lernen, zu ihren Vorlieben, ihren Stärken und Schwächen zu stehen.

Vor allem Jörg Wesemüllers temporeich-witziger Inszenierung, die locker und natürlich mit Klischees wie Rollenmuster, Heldentum und Weltraumabenteuer spielt, ist zu danken, dass „Clevergirl“ als Beitrag zu einer entspannten Genderdebatte funktioniert. Und natürlich den Schauspielern, die Gespür für Alltags-Pointen, aber auch menschliche Wahrhaftigkeit haben.

Wunderbar gelingt Nina Wolf der genervte Ton einer Schülerin, die Stress mit dem Vater hat und auch das ganze galaktische Abenteuer als Clevergirl immer wieder hinterfragt. Eine Schau ist Cino Djavid als Angstmän, der mit Slapstick und Grimassen punktet, wenn er vor Schreck immer wieder vor dieselbe Wand rennt oder unwirksame Requisiten wie die Taschenlampe als Waffe ironisiert. Aber auch er wird ganz unbefangen in der Aussprache mit der Schwester, die zum Ballettunterricht muss, während er nicht hin darf. Den Superheldenrock, den sie nicht will, trägt er mit Stolz. Darf er deswegen kein Junge sein, sie in Shorts kein Mädchen? Gerade das wäre ja wieder Klischee. Hier werden die beiden ernst.

Lustig dann wieder, wie Angstmän den Macho markiert, als es um sein galaktisches Fahrzeug geht. Am Ende ist er offenbar verzaubert von Clevergirls Freundin Rebellion. Naima Laube gibt ihr eine toughe Präsenz. Während Heiner Take als in Pink getränkter Drag-Captain Fashion für die strahlensichere Unterwäsche sorgt und dabei mächtig tuntig aufdreht. Gibt es eben auch. Die vier galaktischen Streiter sind sich jedenfalls nach geglückter Mission einig im rockigen Song: „Er ist Heldin, sie ist Heldin, Rock oder Hose scheißegal.“

Bei Kids und Eltern kam die Show gut an. Die Gruppe „flinten.bs“ (für Frauen, Lesben, Inter, Nicht-Binär, Trans), die vorab eine Probe angesehen hatte, verteilte vorm Lok-Park Flugblätter, worin sie die teils klischeehafte Darstellung kritisiert und das Werk als „mysogynes Stück Scheiße“ abqualifiziert. Wesemüller, der sie selbst eingeladen hatte, „weil uns wichtig ist, wie sich die betroffenen Gruppen darin wiederfinden“, wurde davon überrascht, will aber nochmals den Dialog suchen.

Wichtig ist, Theater auch nicht ideologisch zu überfrachten. Kinder können in den Rollen Spielangebote fürs Leben sehen, die sie selbst mal ausprobieren können. Da offeriert El Kurdi eine ganz schöne Bandbreite.

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