„Fidelio“ in Braunschweigs Staatstheater als Mutmachstück

Braunschweig.  Dagmar Schlingmann inszeniert Beethovens Oper als Bestärkung im Kampf gegen Unrecht und ringt Corona erfolgreich lebendiges Theater ab.

Susanne Serfling als Leonore vor der Gefangenenwand.

Susanne Serfling als Leonore vor der Gefangenenwand.

Foto: Björn Hickmann/ stage picture

Wenn sich der zierliche Mensch in Mantel und Mütze auf den Bühnenboden legt und dem Container, der da vom Schnürboden herabschwebt, entschlossen entgegensieht, ist das ein starkes Eingangsbild für diesen Braunschweiger „Fidelio“: Mögen nebenher die Singspielfiguren necken und streiten, hier gilt’s den ganzen Menschen, der mit Vertrauen und Mut zuletzt nicht nur seinem Geliebten, sondern allen verfolgten Menschen treu bleibt: „Ich habe Mut“, singt die als Fidelio verkleidete Leonore, und als sie die geschundene Kreatur in dem Container entdeckt, sagt sie: „Wer du auch seist, ich muss dich retten.“

Nun, es ist ihr vermisster Mann Florestan, der sich da aus dem Dunkel des Schleusercontainers wieder ans Licht gewöhnt. Aber dieser Leonore in Dagmar Schlingmanns Beethoven-Inszenierung ist zuzutrauen, dass sie fortan nicht mehr ruhen wird, dem Unrecht auch anderswo entgegenzutreten. Der Minister, der bei Beethoven eigentlich die Botschaft vom „Es sucht der Bruder seine Brüder“ überbringt, ist konsequenterweise gestrichen. Es sind nicht mehr staatliche Institutionen, die humanes Handeln gnädig gewähren, die Bürgerin handelt selbst – von der Sea Watch bis zu den mutigen Frauen in Belarus.

Nur 16 Bläser bilden das Orchester

Solche Striche würde man jenseits von Corona sicher nicht machen, aber wo man eh kürzen muss, kann man es jedenfalls sinnvoll tun. Man vermisst natürlich auch die Streicher im auf 16 Musiker reduzierten Orchester. Aber es ist doch respektabel, was die Harmoniemusikfassung rüberbringt, und es ist grandios, wie die 16 Solisten das eineinhalb Stunden lang stemmen.

Natürlich ist die dynamische Varianz etwas eingeschränkt, vermisst man zum Beispiel das leise Mysterioso der Streicher, bevor sich die Gefangenen aus ihren Zellen ans Licht wagen und den berühmten Freiheitschor anstimmen. Und man vermisst vor allem den Chor selbst, der hier nur vom Band erklingen darf. Man würde wohl sonst nicht erlauben, dass eine Schauspielerin zu dieser zarten, atemschöpfenden Musik die Namen von Verfolgten und Geflüchteten verliest. Zum Bläservorspiel geht das. Und wie mit dem Choreinsatz Augenpaare auf der grauen Gefängnis- oder Hafenmauer erscheinen, das schafft optisch doch einen berührenden Moment, denn dieser Kerker lebt, jede Zelle ist ein Menschenschicksal.

Unheimliche Klänge beim Auftauchen aus dem Schleusercontainer

Erstaunlicherweise vermisst man die Streicher vor Florestans „Gott, welch Dunkel hier“, dem Auftauchen aus dem Container, dann kaum, denn die Bläser ballen die Akkorde zu einem fast schmerzlich dissonanten Cluster, das macht Sinn und klingt gehörig unheimlich. Auch dass Marc Horus mit verzweifelter Power und einem in der Höhe recht gequetscht wirkenden Tenor vor allem auf Expressivität setzt, passt zur Rolle, ändert sich allerdings auch im Schlussjubel nicht.

Denn Leonore gelingt die Befreiung, sie vertreibt den fiesen Menschenhändler oder Politkorruptling Pizarro mit der Ankündigung einer Revision. Valentin Ani-kin bringt zwar eine große tiefe Sonorität für die Rolle mit, doch die Artikulation ist indiskutabel, er singt alle Vokale gleich und vermulmt die Silben.

Susanne Serfling löst die weitgespannte Partie der Leonore mit zwei Singansätzen: kernig mit sprecherischer Note in der Tiefe und kraftvoll mit hochdramatischen Ausgriffen in der Höhe. Leonore und Florestan legen sich vereinigt wieder unter den aufschwebenden Container, ihre mutige Mission ist nicht beendet.

Gefängnismauer wird von Chor-Video aus dem Freien zersetzt

Eher am Rande halten sich die Kleinbürger: Marzelline am Herd – Ekaterina Kudryavtseva singt sie mit großem Sopran; Jaquino als Träumer in der Junggesellenbude – Joska Lehtinen hat die klare Lyrik dafür; Rocco hilft Pizarro immerhin nicht bei der Flucht – Rainer Mesecke gibt ihm wortverständlichen Bass. Die Brecht-Ansagerin (Silke Buchholz), die mit Zusatztexten vorgibt, was man sich denken könnte, hätt’s nicht mal gebraucht, die unspektakulären Live-Videos gewiss nicht. Wenn Rocco und Pizarro durch die Wand um Florestans Tod verhandeln, hat das auch so etwas Gespenstisches.

Raum (Sabine Mader), Handlungstexte und Musik stützen Schlingmanns Fokus ohnedies: vom Privaten ins Politische – genau Beethovens Anliegen. Da werden sich auch viele junge Menschen wiederfinden.

Generalmusikdirektor Srba Dinic sorgt vor allem für rhythmische Koordination, muss womöglich das Tempo manchmal den Bläsern anpassen. Doch Pizarros „Er sterbe“ und das folgende Ensemble wird dadurch zu langsam und zerfällt. Genauso das letzte Finale, nur aus gegenteiligem Grund: Der Schlusschor ist dermaßen schnell aufgenommen, wie es aus der dramatischen Aktion des Live-Spiels entstehen könnte, aber als Einspielung verwundert. Jedenfalls kommt das Orchester nun kaum hinterher.

Und doch ist auch dieses Schlussbild stark – mit den überblendeten Bildern der Chorsänger im Freien: die opernhafte Hoffnung auf Befreiung siegt so auch optisch, die Mauer zersetzt sich in Außenwelt. Viel Applaus für ein unter Corona-Bedingungen ehrenwert umgesetztes Freiheitsepos.

Wieder am 18. Oktober, 1., 6., 12., 22. November. Karten: (0531) 1234567.

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