Kinochef Flebbe bitter enttäuscht über Scholz und Altmaier

Braunschweig.  9 Millionen Verlust, 200.000 Euro Kompensation – der Unternehmer ist bitter enttäuscht vom Bund. Nun klagt er gegen das Infektionsschutzgesetz.

Hans-Joachim Flebbe (69) in einem Kinosaal seines Astor Grand Cinema in Hannover. Auch in Braunschweig betreibt der Unternehmer ein Astor Filmtheater.

Hans-Joachim Flebbe (69) in einem Kinosaal seines Astor Grand Cinema in Hannover. Auch in Braunschweig betreibt der Unternehmer ein Astor Filmtheater.

Foto: Julian Stratenschulte / dpa

Ein wenig fühlt sich Kinounternehmer Hans-Joachim Flebbe wie in der Verliererrolle eines Polit-Dramas, in dem es zwei ausgebuffte Falschspieler gebe: Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) und Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU). Beide hatten zu Beginn der Corona-Krise öffentlichkeitswirksam verkündet, Unternehmen, die unverschuldet Verluste erlitten, aus einem Topf mit 25 Milliarden Euro großzügig zu helfen. „Von einer Bazooka im Kampf gegen die Krise war die Rede“, erinnert sich Flebbe.

Auf seinen Konten sei dann aber nur ein Sümmchen angekommen: insgesamt rund 200.000 Euro. „Dem stehen bis Ende Oktober Verluste von 9 Millionen Euro gegenüber“, sagt Flebbe. „Ich halte das für eine himmelschreiende Ungerechtigkeit.“ Allein im Astor Braunschweig habe er rund 1,5 Millionen Euro verloren.

Astor Braunschweig trotz großer Verluste nicht gefährdet

Dennoch sei der Weiterbestand seiner insgesamt zehn Kinos in sieben Städten nicht gefährdet, versichert der 69-Jährige. In Braunschweig helfe ihm, dass die Immobilie in Familienbesitz sei. An anderen Standorten hätten die Vermieter ihre Forderungen reduziert oder gestundet. Das Kurzarbeitergeld helfe bei den Personalkosten. Zudem habe er durch staatliche Bürgschaften günstige Kredite bekommen, die die Liquidität sicherten. „Allerdings: Wenn ich meine Kinos wieder öffnen darf, werde ich zwei, drei Jahre nichts verdienen, sondern Kredite tilgen“, sagt Flebbe.

Warum fällt die Hilfe des Bundes so gering aus? Weil sieben seiner insgesamt acht Gesellschaften als eine betrachtet würden, erklärt der Kinounternehmer. „Betroffene Firmen sollten zunächst 150.000 Euro erhalten. Das EU-Wettbewerbsrecht sieht aber vor, dass mehrere Betriebe, die denselben Gesellschafter haben, wie einer betrachtet werden. Das Astor Hannover betreibe ich mit einem Partner, deshalb gab es da 150.000 Euro. Aber für alle anderen Betriebe zusammen ebenfalls nur 150.000 Euro – bei denen länderspezifische Hilfen noch gegengerechnet wurden.“

Mit Bitten um Änderungen abgeblitzt

Das Problem betreffe viele Mittelständler über die Kinobranche hinaus. Die Folge: Die 25-Milliarden-„Bazooka“ des Bundes hat bisher nur 1,6 Milliarden ausgespuckt. „Man könnte das anders regeln, wenn man einen Katastrophenfall zugrundelegen würde. Darauf haben ich und andere immer wieder hingewiesen – ohne eine Antwort. Das Empörende ist, dass Politiker nicht bereit sind, Entscheidungen zu revidieren. Die positiven Schlagzeilen hatten sie ja“, so Flebbe.

Immerhin: Aus dem Hilfsfonds der Stadt Braunschweig habe er 30.000 Euro erhalten. Und in den Ländern Hamburg, Berlin und Bayern, die ihre Kinolandschaft unterstützen, „eine kleinere sechsstellige Summe“.

Klage gegen das Infektionsschutzgesetz

Hilft das Land Niedersachsen seinen 179 Kinos? Ein Sprecher des Wirtschaftsministeriums verweist auf das eine Million Euro umfassende Stabilisierungs-Programm für die niedersächsische Filmwirtschaft, das unter anderem Festivals, Produktionsfirmen und Programmkinos unterstütze. Außerdem sei ein weiteres Programm für die Veranstaltungswirtschaft geplant, von dem auch Kinos profitieren könnten (siehe Infobox).

An Flebbes größer dimensionierten Filmtheatern flossen die Landesgelder nach seinen Angaben bisher allerdings vorbei. Er kämpft unterdessen noch an anderer Front. Vor dem Verwaltungsgericht Hannover wurde gestern seine Klage gegen das Infektionsschutzgesetz verhandelt. Das sieht Entschädigungszahlen für Betriebe vor, die schließen müssen, weil der Inhaber an Covid-19 erkrankt ist. Betriebe, die aus anderen pandemiebedingten Gründen eingeschränkt sind, gehen leer aus. Flebbe sieht darin eine „absurde Ungleichbehandlung“. Die Entscheidung des Gerichts stand gestern noch aus.

Hoffnung auf Wiedereröffnung der Kinos Mitte Dezember

Trotz des Ärgers über die aus seiner Sicht bisher weitgehend unterlassene Hilfeleistung des Bundes hofft Flebbe, dass die angekündigten „Novemberhilfen“, die 75 Prozent der Verluste durch den neuen Lockdown ersetzen sollen, nicht ebenfalls im Kleingedruckten verpuffen. Würden sie fließen, wäre es für ihn finanziell sogar attraktiver, wenn die erzwungene Kinoschließung bis Jahresende verlängert würde.

Dennoch hoffe er auf Wiederöffnung spätestens Mitte Dezember, sagt Flebbe: „Wir wollen zeigen, dass wir noch da sind.“ Unter Infektionsgesichtspunkten sei die Schließung von Kulturstätten ohnehin „ein Bauernopfer“: „Bei uns gibt es erwiesenermaßen keine Infektionsgefahr. Wären die Schließungen gerechtfertigt, müssten die Infektionszahlen ja jetzt sinken“, argumentiert Flebbe.

Trotz allem glaubt er, dass seine Astor-Filmtheater eine Zukunft haben. „Die Menschen werden sich nach dem ewigen Streamen zuhause nach einem Kinoerlebnis sehnen wie nach einem guten Restaurantbesuch. Hochwertige Kinos haben dann bessere Karten als 08/15-Multiplexsäle, in die lange nicht investiert wurde.“

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