Kein Stillstand im Braunschweiger Techno-Tempel Lautklub

Braunschweig.  Seit März kann im Lautklub nicht mehr gefeiert werden. Die Vereinsmitglieder nutzen die Zeit, um ihr selbstverwaltetes Elektro-Paradies auszubauen.

Foto: Max Heise

Es ist ganz still im Lautklub. Alle Bässe schweigen, schon seit Monaten. Die Tanzflächen sind leergefegt. Dennoch wirken die Räume im Souterrain der früheren Schmalbach-Werkskantine an der Hamburger Straße nicht trist, sondern beseelt. Weil jeder Quadratmeter selbstgestaltet ist, weil fast jeder Winkel, jede Wand mit einer urigen Sperrholzsitzgelegenheit aufwartet, mit einer originellen Schrottskulptur, mit „Tapeten“ aus Großkonservendeckeln, fantastischen Malereien, dreidimensional wuchernden Altholzpaneelen.

„Und das verändert sich und wächst ständig weiter“, sagt Mitschöpfer Andreas Siegemund. „Wir sehen das ganze Gebäude als Kunstwerk, das ständig im Wandel ist.“ Die utopische, Raum und Zeit auflösende Dimension des Techno soll sich darin spiegeln. Es soll gedeihen wie ein Organismus, gespeist aus der Phantasie der rund 30 Mitglieder des Kunst- und Kulturvereins Braunschweig (KuK), der den Lautklub betreibt und zu einer elektro-paradiesischen Parallelwelt ausbauen will.

Der Vermieter Ardagh-Group ist entgegenkommend

Für die rein handwerkliche Arbeit hat die bunt gemischte Gruppe neben ihren Brotberufen gerade mehr Zeit als sonst. Eigentlich auch mehr, als ihr lieb ist. Denn die Techno-Nächte, immer samstagnacht bis sonntagfrüh das Herzstück der Klub-Kultur, laufen seit März nicht mehr. Und Siegemund ist nicht nur Techno-Träumer, sondern auch Realist. „Dieses Jahr wird hier wahrscheinlich noch nichts laufen“, sagt er ruhig. Aber das sei kein Grund, das in den vergangenen sieben Jahren geschaffene Reich der Bässe aufzugeben. Dazu sei es einfach zu gut geraten.

Auch der Vermieter zeige sich entgegenkommend, sagt Felix Sondermann, einer der Soundspezialisten des Vereins. Es ist die Braunschweiger Niederlassung der Ardagh-Group, die auf dem Gelände immer noch Getränkedosendeckel produziert. Vor rund acht Jahren hatten die damals noch unorganisierten Techno-Enthusiasten, die sich bei spontan organisierten Partys in Parks zusammengefunden hatten, den Keller der aufgegebenen Kantine entdeckt. Nach zwei, drei Feiern stand plötzlich Geschäftsführer Thomas Lappe auf der Tanzfläche und machte dem elektronischen Zauber vorerst ein Ende.

Sogar Oberbürgermeister Markurth spendete für den Lautklub

„Wir haben ihm dann einen ganz lieben Brief geschrieben und unser Konzept vorgestellt. Das fand er klasse und hat uns die Räumlichkeiten verpachtet“, erzählt Sondermann. Das Verhältnis sei weiter gut, und seit Dezember habe Lappe auch die Miete gestundet. Trotzdem hat der Verein weiter monatliche Fixkosten und stünde ohne die Einnahmen aus den Techno-Partys vor dem Aus, würden ihn nicht Corona-Hilfen der Stadt, des Landes, aber auch Spendenaktionen über Wasser halten. „Da haben wir allerdings wirklich viel Unterstützung bekommen, über die wir uns sehr freuen, weil wir sie auch als Anerkennung unseres Engagements sehen“, sagt Andreas Siegemund.

Sogar Braunschweigs Oberbürgermeister Ulrich Markurth habe privat gespendet. Also baut der Verein sein insgesamt rund 600 Quadratmeter großes Kellerreich weiter aus. Knapp ein Fünftel der Fläche wurde bisher noch nicht genutzt. Nun soll in den Hinterräumen ein Tonstudio für DJs, Schulungen und Workshops entstehen. Ein Filmraum und ein weiterer Veranstaltungssaal sind in Planung, für Partys, Konzerte, aber auch Lesungen und Yogakurse. Und mehr Platz für Kunst. Ausstellungen von HBK-Studierenden sind und sollen weiter Teil der Klub-Kultur sein. Nur der zentrale Tanzsaal ist bis auf Lichtinstallationen ziemlich schmucklos. Sein hintere Ende beherrscht ein riesiger Betontisch, auf dem die DJ-Zentrale ruht.

Ein Soundsystem in Berghain-Qualität

Richtig ruht. „Hier haben wir keine störenden Schwingungen, sondern einen ganz reinen Sound“, sagt Klangtüftler Felix Sondermann. Er schwärmt von den riesigen Boxen von Spezialfirmen wie Function-One mit ausgefeilten Hörnern für die Höhen und 21 Zoll-Bassmembranen für Untenrum. „Die schaffen noch Frequenzen von 30 Hertz. Da spürst du ganz tiefe Bässe nicht nur, sondern hörst sie wirklich. Dasselbe gilt für hohe Töne. Wir haben hier Stück für Stück eine richtig gute Anlage zusammenbastelt, in Berghain-Qualität. Der Sound ist so klar, dass du selbst bei hundert Dezibel Lautstärke kein Dröhnen und Pfeifen in den Ohren bekommst.“

Sondermann (28) gehört zu den Resident-DJs im Lautklub, ebenso wie Siegemund. Der legt auf, seit er zwölf Jahre alt ist. „Ich habe in Helmstedt in der Kinderdisko angefangen“, erzählt der 38-Jährige. Später wurde Hip-Hop sein Ding. Bis er Ende der 90er Jahre erstmals auf einer ausgewachsenen, alternativen Technoparty war. „Das hat mich total in den Bann gezogen.“ Die Stimmung sei grundsätzlich positiv. Es gebe kein Machogehabe, kein Gepose, nur eine bunte Gemeinschaft von Leuten, die mit Leib und Seele auf einen Beat abfahre, individuell und kollektiv zugleich.

Frei von gesellschaftlichen Zwängen

„Wir verstehen den Lautklub als ein Refugium, in dem man sich frei von gesellschaftlichen Zwängen ausleben kann, auch frei vom Selbstdarstellungsdruck von Instagram und Co. Bei unseren Veranstaltungen gibt es grundsätzlich ein Fotoverbot“, sagt Siegemund. Das entspanne und sprenge Filterblasen. „Wir betreiben hier auch keine strenge Türpolitik. Bei uns sind alle willkommen, von der 18-jährigen Schülerin bis zum 70-jährigen Althippie, sofern sie unsere Philosophie akzeptieren“, ergänzt Sondermann. „Und das funktioniert auch. Ernsthaften Ärger hatten wir noch nie. Sondern immer viele glückliche Leute.“ Die komplette Organisation wird ehrenamtlich geleistet.

Die Bar ist an ein Mitglied verpachtet, das einen Gutteil seiner Einnahmen in die Vereinskasse abführt. In normalen Zeiten sei ausreichend Geld dagewesen, „das aber immer sofort wieder investiert wird“, wie Sondermann betont. „Der Kunst- und Kulturverein ist gemeinnützig. Hier bereichert sich niemand.“

Pläne für Aktionen im Freien

Wenn im Lautklub auch das ganze neue Jahr über nichts geht, wollen die Vereinsmitglieder zumindest im Sommer im Freien so aktiv sein wie möglich. Gespräche mit der Stadt liefen, erzählen sie. Während des vergangenen Lichtparcours hatten sie gemeinsam mit der Initiative „Schrill“ die Bar du Bois im Musikschulgarten bespielt, elektronisch, bunt und friedlich. Das kam gut an. So soll es weitergehen. Irgendwann auch wieder unten im Venusberg Lautklub, der bis dahin zauberhaft weiter wachsen soll.

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