Die drei klassischen Geschwister aus Wolfenbüttel

Wolfenbüttel.  Fritjof, Frederike und Olof von Gagern sind allesamt Profimusiker geworden – dabei sind ihre Eltern musikalische Laien.

Fritjof von Gagern (34), Solocellist im Orchester des Nationaltheaters Mannheim.

Fritjof von Gagern (34), Solocellist im Orchester des Nationaltheaters Mannheim.

Foto: Felix Quittenbaum

Diese Drucksituation müssen Sie sich mal vorstellen. Sie sitzen hinter einem Vorhang, auf der anderen Seite lauscht Ihnen das komplette Profi-Orchester, in das Sie aufgenommen werden wollen, sowie Mitglieder der Intendanz. Rund 20 top ausgebildete Mitbewerber sitzen Ihnen im Nacken. Sie alle spielen nacheinander den Anfang von Haydns Cellokonzert D-Dur. In der zweiten Runde, diesmal ohne Vorhang, müssen Sie eine Passage aus den Cellokonzerten Schumanns oder Dvoraks interpretieren. In der ersten Runde kommt es ganz auf die Strahlkraft Ihres persönlichen Klangs an, natürlich auch Ihre technische Fertigkeit. In der zweiten zählt zudem der optische Eindruck, die Gesamtpersönlichkeit. Lange Jahre des Musikunterrichts, unzählige Übungsstunden, das Studium – alles kulminiert in diesem Moment des Vorspiels um eine Orchesterstelle.

Einmal gescheitert. In Braunschweig

Einmal ist Fritjof von Gagern daran gescheitert. In Braunschweig. „Da bin ich tatsächlich verkrampft. Auf der anderen Seite saß auch ein früherer Lehrer. Mir ging zu viel durch den Kopf.“ Bei seinen nächsten beiden Versuchen glückte dem gebürtigen Wolfenbütteler der Sprung durchs Nadelöhr. Zunächst auf eine einjährige Praktikantenstelle bei der berühmten Staatskapelle Dresden. Und dann, vor knapp zehn Jahren, auf den Posten des 1. Solocellisten des Orchesters des Nationaltheaters Mannheim. Der Clou ist, dass Fritjof von Gagerns Geschwistern dasselbe Kunststück gelungen ist: Frederike spielte als Violinistin im Gürzenich-Orchester Köln und Olof schaffte es als Bratschist ins Staatsorchester Hannover. Der 30-Jährige ist dort mittlerweile Vorspieler der Bratschengruppe. Frederike, 32, hat sich für einen anderen Weg entschieden und arbeitet nun als Geigenlehrerin an der Stuttgarter Musikschule. „Sie hat schon als Kind gesagt, dass Geigenlehrerin ihr Traumberuf wäre“, erinnert sich Fritjof von Gagern.

Drei Geschwister, die allesamt klassische Musikprofis wurden. Da vermutet man schnell ein hochambitioniertes Musikerelternhaus. Doch dem sei nicht so, versichert der 34-Jährige. „Meine Eltern waren Lehrer und haben selber kaum Instrumente gespielt. Aber sie sind musikbegeistert und haben uns oft in Konzerte oder auch mal die Oper mitgenommen.“ Der Funke sei schnell übergesprungen.

Sie musizierten als Trio

Als Fünfjähriger begann Fritjof mit dem Cellounterricht an der Städtischen Musikschule Braunschweig und hatte Glück mit seinem Lehrer Horst Pätzold, wie er erzählt. „Ich fand ihn einfach cool und habe mich jede Woche auf den Unterricht gefreut.“ Bald stellten sich erste Erfolge ein: Landes- und Bundespreise bei „Jugend musiziert“, die Aufnahme ins Bundesjugendorchester mit 15 Jahren. Der weiterführende Unterricht beim Solocellisten des Staatsorchesters Karl Huros.

Dass der große Bruder so für die Musik „brannte“, wie Fritjof sagt, habe auch seine Geschwister angespornt. Früh hätten sie begonnen, als Trio zu musizieren. Das Zusammenspiel aus eigenem Ansporn habe sie gemeinsam weitergebracht. Die klassische Musik sei ihre Welt gewesen. Die romantische Melodienfülle Dvoraks, die Leuchtkraft Haydns. Und später Schumann, der bis heute Fritjofs Leitstern ist: „Seine Musik ist zutiefst menschlich und voller Innigkeit. Die Faszination hält an, obwohl er nicht besonders Cellisten-freundlich komponiert hat. Wie man seine Ideen umsetzen kann, war ihm egal. Das bleibt meine Aufgabe als Interpret.“

Gewählter Vorsitzender seit Jahresbeginn: Fritjof von Gagern.

Fritjof ging nach dem Abitur an die Musikhochschule Karlsruhe. Der Grund war wieder ein Lehrer: Cello-Professor Martin Ostertag. „Er hat einen unglaublich schönen Ton. Sein Unterricht war streng, aber ungeheuer intensiv. Wir sind bis heute in Verbindung.“

Noch vor der Abschlussprüfung, die er später nachholte, ergatterte Fritjof den Platz bei der Staatskapelle Dresden. Das regelmäßige Spielen im Graben der Semperoper habe seine Flexibilität geschult. „Opernmusik ist kurzweilig, der Ausdruck wechselt ständig, je nach Bühnengeschehen. Man muss schnell auf die Sänger reagieren.“

In Mannheim, wo er im März zehnjähriges Jubiläum feiert, fühle er sich nun sehr wohl, sagt Fritjof. Das Orchester des Nationaltheaters zeichne eine besondere Tradition aus: Konzertprogramm, Gastdirigenten und -Solisten bestimmten die Musiker selbst, über die Musikalische Akademie, einem Verein, dem sie alle angehören. Gewählter Vorsitzender ist seit Jahresbeginn: Fritjof von Gagern. „Es ist natürlich gerade eine schwierige Zeit, was sehr schade ist, weil wir in den vergangenen Jahren sehr erfolgreich waren“, erzählt er.

Kontakt zu den Geschwistern bleibt

Während anderswo das Klassikpublikum ausdünnt, habe man die Abonnentenzahl in Mannheim von 2000 auf 2650 gesteigert. „Natürlich werben wir auch mit Auftritten in Schulen für uns, auch in sozialen Brennpunkten. Aber unser Kernpublikum ist nun mal bürgerlich und 50 plus, und auch das haben wir intensiv angesprochen, unter anderem mit neuen Abomodellen.“ Musikalisch biedere man sich dabei keinesfalls an, stelle sich auch Herausforderungen, wie zuletzt einer Einspielung der Turangalîla-Sinfonie von Olivier Messiaen. Aber weil das Orchester selbst bestimme, was gespielt wird, spiele man eben Musik, die Musiker lieben, und das teile sich mit. Darum gewinne man auch Gastdirigenten, die sonst wohl nicht nach Mannheim kämen, wie Marek Janowski oder Ingo Metzmacher.

Zu seinen Geschwistern halte er den Kontakt, auch wenn man sich dieses Weihnachten nicht sehen werde. Aber auf Familienfeiern spiele das von Gagernsche Familientrio gelegentlich noch zusammen. „Dann ist es fast wie früher“, sagt Fritjof.

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder