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Die feine Kunst fünf alter weißer Erdmöbel in Braunschweig

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Erdmöbel - Guten Morgen, Ragazzi / Open Air im Wolters Applaus Garten in Braunschweig am 11.August 2022.

Erdmöbel - Guten Morgen, Ragazzi / Open Air im Wolters Applaus Garten in Braunschweig am 11.August 2022.

Foto: Rüdiger Knuth

Braunschweig.  Die Kölner Band, ein ewiger Geheimtipp. 150 Connaisseure im Wolters-Garten erfahren, dass die Ängste von Sänger Markus Berges eine Bigband gründen.

Erdmöbel-Vordenker und Sänger Markus Berges wird in seinen Texten selten wirklich konkret. Meist fängt er Stimmungen in wunderbaren Textpanoramen ein. Sie erstrecken sich auch mal in Bandwurmsätzen, allerdings sehr kunstvoll gebauten:

„Einstein sagte / Als die Schülerzeitung fragte / Zwei Dinge sind unendlich / Die Dummheit und / Das Universum / Ist meine große Liebe / Und die Physik / Verehre ich wie meine Mutter / Hab sie nur kurz gekannt / Sie hinterließ mir so ein warmes Gefühl / Für den leeren Raum / für das Vakuum.“

Keine Schlagzeilen, sondern Stimmungen

Erdmöbel sind ein fast dreißigjährigen Geheimtipp in der deutschen Popkultur. Wenn der im Braunschweiger Wolters-Garten spielt, kommen so rund 150 Leute. Die Band, das muss man konstatieren, ist jetzt nicht umwerfend populär oder sexy. Sie besteht live aus fünf relativ alten weißen Männern. Allerdings sind das zurückhaltende Westfalen, teils mit Brille. Und sie grenzen sich von richtig galligen alten weißen Männern mit Songs wie „Wir sind nicht das Volk“ ab. Mit den schlicht treffenden Zeilen „Ich bin nicht das Volk / Du bist nicht das Volk / Wir sind nicht das Volk / Ihr seid nicht das Volk.“ Fazit: „Lasst sie rein.“

Ihren Kommentar zum Flüchtlingssommer 2015 tragen Erdmöbel nicht parolenhaft rockig vor, sondern eingekleidet in sanften, meisterhaft arrangierten Indiepop. In der sehr entspannten Vortragsweise der Fünf im Abendsonnenschein färbt er sich fast ein wenig ins Jazzige. Wenn da nicht der Songwriter-Genius von Berges und Band wäre, der Zeilen und Akkorde zu kleinen abgeschlossenen Preziosen runden will. Und eine gewisse Liebe zum Beat.

Ästhetisches Wohlgefallen am Wolters-Schriftzug

Dabei komponiert Berges nie Schlagzeilen, sondern Stimmungen. Etwa die frühe Corona-Angst von 2020. „Die Zweifel sind noch wie die Vögel im Frühling“, singt der 56-Jährige. Und später „All meine Ängste / gründen ne Bigband“. Schließlich: „Gulia zieht ihre schönste Maske an / wie ein Sommerkleid / bei minus zwei Grad.“

Bassist Ekki Maas äußert nebenher ästhetisches Wohlgefallen am alten Wolters-Schriftzug. Die Neugestaltung koste einen gut sechsstelligen Betrag, habe er gehört. „Ihr solltet den alten behalten.“

Abgefahrener Dub-Sound

Die Erdmöbel haben neben Wolfgang Proppe am Keyboard und Christian Wübben an den Drums einen fünften Musiker dabei, den Posaunisten Henning Nierstenhöfer. Der spielt nebenher auch Percussion, steuert Melodien und Atmosphären bei, und ein starkes Solo beim Opener des aktuellen Albums „Guten Morgen, Ragazzi“: dem Reggae „Guten Morgen“, dem Erdmöbel auch live einen schön abgefahrenen Dub-Sound einhauchen. Da tanzen ein paar Kenner mit, und beim größten Hit noch ein paar mehr. Der schöne Titel zum guten Ende: „Hoffnungsmaschine“.

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