Fast wie autonomes Fahren – Assistenzsysteme im Test

Braunschweig.  Beschleunigen, bremsen, parken – von allein. Autos werden immer selbständiger. Eine Übersicht über den aktuellsten Stand der Technik.

Leichte Kurven könnte ein Fahrzeug mit Spurhalteassistent theoretisch schon im Alleingang bewältigen, trotzdem gehören die Hände nach wie vor ans Lenkrad. Einzig beim Einparken kann der Fahrer dem Parklenkassistenten vollständig die Arbeit überlassen.

Leichte Kurven könnte ein Fahrzeug mit Spurhalteassistent theoretisch schon im Alleingang bewältigen, trotzdem gehören die Hände nach wie vor ans Lenkrad. Einzig beim Einparken kann der Fahrer dem Parklenkassistenten vollständig die Arbeit überlassen.

Foto: Federico Gambarini / dpa

„Der Spurhalteassistent meines Autos hat Probleme damit, Baustellenmarkierungen zu erkennen“, schreibt uns eine Leserin

Zum Thema recherchierte Christoph Exner.

Das kreisrunde, rot-weiße Schild am Rand der Bundesstraße zeigt es an: Eben noch lag das Tempolimit bei 80 – jetzt sind 120 Stundenkilometer erlaubt. Das Auto beschleunigt. Ganz von allein. Mit Hilfe eingebauter Kameras hat es die veränderte Verkehrssituation erkannt – und darauf reagiert. Ein einziger Knopfdruck am Lenkrad hat ausgereicht, um nun entspannt die Füße von Gas und Bremse nehmen zu können.

Möglich gemacht hat das eines von gleich mehreren Fahrassistenzsystemen, die heutzutage immer öfter in Neuwagen integriert werden. Um einen Eindruck über den aktuellen Stand der Technik zu bekommen, haben wir einen VW Passat mit Assistenz-Komplettausstattung getestet.

Fahrassistent

Der Fahr- oder auch Travel-Assistent kombiniert Tempomat, Spurhalteassistent und automatische Distanzregelung – und fühlt sich dadurch schon sehr nach autonomen Fahren an. Ab 20 Stundenkilometern kann der Fahrer per Knopfdruck eine beliebige Wunschgeschwindigkeit festlegen, die das Fahrzeug anschließend hält – bis das System wieder ausgeschaltet oder durch manuelles Bremsen deaktiviert wird. Gleichzeitig erkennt das Assistenzsystem aber auch Geschwindigkeitsbegrenzungen oder entsprechende Aufhebungen, ob auf klassischen Metall- oder modernen Leuchtschildern.

In beiden Fällen übernimmt das Fahrzeug eigenständig die Beschleunigung, hält durch Bremsmanöver jedoch auch jederzeit ausreichenden Sicherheitsabstand zum vorausfahrenden Verkehr. Kameras scannen durchgehend die Fahrbahnmarkierungen. Droht das Auto, die Spur zu verlassen, korrigiert der Spurhalteassistent den Fahrtweg durch einen automatischen Lenkimpuls. Zusätzlich vibriert das Steuer. Leichte Kurven, für die ein Kraftaufwand von bis zu 0,4 Kilogramm nötig wäre, kann das Auto dadurch quasi allein bewältigen. Dreidimensionale Fahrbahnbegrenzungen wie etwa Leitplanken oder Baustellenbegrenzungen erkennt der Assistent wiederum nicht.

Insgesamt erzeugt das System ein komfortables Fahrgefühl, insbesondere auf langen Strecken. Gleichzeitig mag es aber auch schnell zu Ablenkung, etwa zum Griff nach dem Smartphone verleiten – was allerdings keineswegs im Sinne der Entwickler ist. „Die Assistenten sollen für mehr Sicherheit im Straßenverkehr sorgen, sie ersetzen jedoch nicht den Fahrer“, betont VW-Sprecher Jens Bobsien. „Der Mensch hat eine jahrelange Evolution durchlaufen, in der er sich an seine Umwelt angepasst hat und auf die verschiedensten Situationen reagieren kann. Bis ein Auto ähnliche Fähigkeiten besitzt, werden noch Jahre vergehen.“

Notfallassistent und „E-Call“

Behält der Fahrer seine Hände nicht am Steuer, ertönt nach einigen Sekunden ein akustisches Warnsignal. Fährt das Auto anschließend trotzdem weiter führerlos, bremst es nach einiger Zeit automatisch ab und fährt selbständig an den Straßenrand. Eine Absicherung, die auch dazu dient, Unfälle zu vermeiden, etwa wenn der Fahrer einen Herzinfarkt erleidet, während er unterwegs ist.

Zusätzlich dazu besitzen alle neuen Automodelle einen sogenannten „E-Call“-Knopf. Kommt es zu einem schweren Autounfall, bei dem die Airbags auslösen und der Fahrer selbst keine Hilfe mehr rufen kann, sendet das System automatisch einen Notruf ab. Mithilfe von Mobilfunknetz und Sattelitenortung stellt das Auto eine Telefonverbindung zur nächstgelegenen Rettungsleitstelle her und überträgt Informationen zu Unfallort und -Ursache.

Die Mercedes-exklusiven, sogenannten „Pre-Safe“-Assistenten sollen Fahrer und Fahrzeuginsassen dagegen direkt im Falle einer Kollision schützen. Droht etwa ein nachfolgendes Fahrzeug aufzufahren, so beschreibt es der Autobauer, strafft das Auto selbstständig die Sicherheitsgurte und betätigt die Bremse, um eine weitere Kollision mit dem vorausfahrenden Verkehr zu vermeiden. In bestimmten Gefahrensituationen erzeugt das Assistenzsystem darüber hinaus ein künstliches Rauschen über die Lautsprecher, das einen Schutzreflex auslösen und damit das Innenohr schützen soll.

Spurwechselassistent

Um das Unfallrisiko während eines Überholmanövers zu minimieren, misst der von uns getestete VW Passat mithilfe von Radarsensoren den Abstand und den Geschwindigkeitsunterschied zum nachfolgenden Verkehr. Nähert sich von hinten ein Fahrzeug, leuchtet ein Lämpchen am jeweiligen Außenspiegeln auf. Eine nützliche Unterstützung beim Überholvorgang, vor allem dann, wenn sich der nachfolgende Verkehr beim Blick in den Rückspiegel im toten Winkel befindet, die den Blick in den Rückspiegel jedoch nicht ersetzt. Genauso wenig wie das Blinkersetzen, ohne das der Fahrer wegen des Spurhalteassistenten beim Spurwechsel einen deutlichen Lenkwiderstand verspürt.

„Die Assistenzsysteme haben in gewisser Weise auch eine erzieherische Funktion“, sagt Bobsien. Sie seien so konzipiert, dass alle geltenden Verkehrsregeln eingehalten werden.

Notbremsassistent

Spürbar wird das auch beim Notbremsassistenten: Schneidet der Fahrer etwa verbotenerweise gleich mehrere Fahrstreifen auf einmal, kann es passieren, dass das Auto den vorausfahrenden Verkehr als Hindernis wahrnimmt – und eine plötzliche Vollbremsung vollzieht. Das Assistenzsystem ist dafür gedacht, das Unfallrisiko zu minimieren, steuert das Fahrzeug auf ein Hindernis wie eine Verkehrsinsel, ein bremsendes Fahrzeug, eine Person oder ein Tier zu. Radarsensoren scannen dabei die Strecke. Wie groß der abgedeckte Bereich ist, hängt von der Größe des jeweiligen Fahrzeugs ab.

Begleitet von einem akustischen Warnsignal bringt der Assistent das Auto je nach Geschwindigkeit entweder komplett zum Stillstand oder mindert durch eine automatische Gefahrenbremsung zumindest den Aufprall.

Die Mercedes-Assistenzsysteme bieten darüber hinaus noch einige weitere Funktionen: So reduziert das Fahrzeug dort die Geschwindigkeit automatisch an Kreuzungsbereichen oder Stauenden, die es mithilfe von Echtzeitmessung frühzeitig erkennt, und fährt anschließend eigenständig in eine Rettungsgassenposition. Voraussichtlich ab dem Jahr 2022 soll der Notbremsassistent in allen neuen Fahrzeugen zur Pflichtausstattung gehören.

Parklenkassistent

Im Jahr 2006 als erstes von Volkswagen auf den Markt gebracht, soll der Parklenkassistent den Fahrer beim Einparken unterstützen.

Per einfachem Knopfdruck aktiviert, sucht das Fahrzeug mit Hilfe seiner Sensoren selbständig nach einer geeigneten Parklücke – und schlägt dem Fahrer vor, ob vorwärts, rückwärts, quer oder längs eingeparkt werden soll. Anschließend übernimmt das Auto eigenständig die Lenkung, bis das Parkmanöver abgeschlossen ist. Handelt es sich um eine besonders enge Parklücke, kann das auch schon einmal mehrere Minuten dauern. Der Parklenkassistent erkennt dabei auch, wann Korrekturzüge notwendig sind, und führt diese aus. Beim Einparken orientiert sich das Auto an den nebenstehenden Fahrzeugen – es kann deshalb also durchaus vorkommen, dass während des Parkmanövers die Reifen den Bordstein touchieren.

Sobald der Rückwärtsgang eingelegt ist, aktiviert sich eine Rückfahrkamera, deren eingefangenes Bild der Fahrer auf einem im Armaturenbrett eingebauten Monitor betrachten kann. Zweite mögliche Perspektive, die zur Unterstützung bei Rangiermanövern dient, ist die „Draufsicht“, ein durch die Front- und Heckkameras eingefangenes und künstlich zusammengesetztes Bild, das die Umgebung rund um das Fahrzeug von oben zeigt. All das funktioniert ebenfalls, ist zusätzlich ein Anhänger im Spiel.

Der Test zeigt: Selbst für zu klein gehaltene Parklücken schafft das Auto mit Präzision. „Es reichen
30 Zentimeter Spielraum nach vorne und nach hinten. Ist diese Voraussetzung erfüllt, gelingt auch das Parkmanöver. Ist sie es nicht, wird die Parklücke als solche vom Auto gar nicht erst erkannt“, erklärt Bobsien. Einzig das Bremsen liege weiterhin in der Verantwortung des Fahrers.

„Es kann immer sein, dass während des Einparkens eine Person dazwischenläuft, auf die das Auto nicht schnell genug reagieren kann“, so Bobsien. Das Risiko eines solchen Zusammenstoßes auf Null zu senken sei technisch ein sehr großer Aufwand. „Wir müssen uns bei der Entwicklung des Autos zu einhundert Prozent sicher sein, dass da nichts passieren kann.“

BMW etwa geht beim eigenen Parkassistenten sogar noch einen Schritt weiter: Wie es von Seiten des Unternehmens heißt, speichert der Rückfahrassistent des Fahrzeugs die letzten 50 gefahrenen Meter eines Zufahrtsweges ab und fährt diese auf Wunsch selbständig wieder zurück. Das sei vor allem ideal bei Garageneinfahrten oder winkeligen Zufahrten.

Unterstützende Assistenzsysteme

Zusätzlich zu den Fahrassistenzsystemen besitzt der von uns getestete VW Passat – genauso wie zahlreiche andere Neuwagen – mehrere unterstützende Systeme, die weniger der Sicherheit als dem Komfort dienen. Die Servolenkung oder das Antiblockiersystem (ABS) beim Bremsen sind mittlerweile Standard.

Andere Assistenzfunktionen, etwa dass das Auto automatisch erkennt, wann Feuchtigkeit auf die Scheiben gelangt und anschließend selbständig den Scheibenwischer aktiviert, sind dagegen noch recht neu. Genauso wie der Fernlichtassistent, der dem Fahrer das Auf- und Abblenden während der Fahrt im Dunkeln abnimmt: Mithilfe von Sensoren erkennt das Fahrzeug herannahende Autos, misst den Abstand zu ihnen und schaltet entsprechend nach und nach die rund 30 LED-Lämpchen des Fernlicht-Scheinwerfers aus. Gleiches passiert bei der Einfahrt in einen Ort.

„Über die Verkehrsschilderkennung und mithilfe der Daten aus dem Navigationssystem erkennt das Fahrzeug, wann es eine Ortschaft erreicht hat“, erklärt Bobsien. Im neuen Golf 8 sei die Technik nun wieder einen Schritt weiter : So könnten die Fahrzeuge untereinander kommunizieren – etwa an welcher Stelle sich gerade ein Stau bildet oder eines der Autos liegengeblieben ist. Auch herannahende Rettungsfahrzeuge würden automatisch erkannt, bevor der Fahrer sie mit eigenen Augen sieht.

Die Assistenzsysteme sind leicht und intuitiv zu bedienen. Auf Wunsch können die meisten von ihnen auch ausgeschaltet werden – sind sie aber aktiviert, machen sie das Fahren spürbar sicherer.

Die Kehrseite: Die neuesten Assistenzsysteme sind anbieterunabhängig in der Regel nur in höherklassigen Fahrzeugen zu finden – und zumindest anfangs dementsprechend teuer.

So teuer ist die Technik:

VW: Die Ausstattungspakete variieren je nach Modell – und damit auch der Preis. Die Assistenz-Komplettausstattung im Passat Variant hat einen Wert von mehr als 2000 Euro.

BMW: Die Preise variieren je nach Modell. Das günstigste Assistentkomplettpaket kostet etwa 3500 Euro.

Mercedes: Das Fahrassistenzpaket „Plus“ gibt es zum Preis von rund 2000 Euro.

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