Krieg auf der Straße? – TU-Verkehrspsychologe im Interview

Braunschweig.  Mark Vollrath spricht über Konflikte zwischen Rad- und Autofahrern und Ursachen aggressiven Verhaltens auf der Straße.

Rowdy, Parkrüpel oder Raser – am Steuer zeigen viele Autofahrer ihre schlechten Eigenschaften. Was dafür sorgt, dass wir aggressiv werden, erklärt der Verkehrspsychologe Mark Vollrath von der Technischen Universität Braunschweig.

Rowdy, Parkrüpel oder Raser – am Steuer zeigen viele Autofahrer ihre schlechten Eigenschaften. Was dafür sorgt, dass wir aggressiv werden, erklärt der Verkehrspsychologe Mark Vollrath von der Technischen Universität Braunschweig.

Foto: Christin Klose / dpa

Fahren wie eine gesengte Sau, Parkrüpel, Schnarch­nase: Ein Blick ins deutsche Schimpfwörterbuch zeigt, dass der Straßenverkehr schon immer ein heißes Pflaster war. Dennoch konstatieren manche Beobachter eine Verrohung. Nötigungen, illegale Autorennen, Kleberattacken gegen Autos –hat rüdes Verhalten auf der Straße zugenommen? Darüber sprachen wir mit dem Verkehrspsychologen Professor Mark Vollrath (57) von der TU Braunschweig.

Rüdes Verhalten im Straßenverkehr – kann man dieses Phänomen in Zahlen fassen?

Wenn man Leute nach Konfliktsituationen fragt, erfährt man, dass etwa 10 bis 20 Prozent der Menschen innerhalb der letzten zwei Wochen andere Verkehrsteilnehmer als aggressiv und negativ erlebt haben. Aber die Situationen, die die Leute dann schildern, sind ganz unterschiedlich. Dass jemand aus seinem Auto aussteigt und den anderen beschimpft oder ihm gar Tätlichkeiten androht, scheint nach wie vor die Ausnahme zu sein.

Die Bandbreite von Aggressivität im Verkehr ist ja riesig. Gibt es so etwas wie den typischen Fall?

Aggressiv wird man dann, wenn man sich daran gehindert fühlt, zu tun, was man gerne tun möchte. Auslöser kann der langsame Fahrer vor mir sein, der mich ausbremst oder an der Ampel nicht rechtzeitig losfährt. Ein zweiter Punkt, an dem man aggressiv reagiert, ist, wenn Regeln gebrochen werden und man selbst der Leidtragende ist. Zum Beispiel wenn uns die Vorfahrt genommen wird. Und drittens: in Situationen, in denen man sich bedroht fühlt – etwa wenn man erschrickt, weil der Hintermann schnell angeschossen kommt. Zunächst hat man da vor allem Angst. Sauer wird man erst im zweiten Schritt, wenn man fragt: Warum hat der mich so in Gefahr gebracht?

Erfahrungsgemäß ist oft eher Unachtsamkeit als Absicht im Spiel.

Das stimmt. Fahrer, die solche Situationen auslösen, tun das in der Regel nicht, weil sie einen Konflikt wünschen. Dahinter steckt selten ein böser Wille. Eine Rolle spielt auch: Wenn man schon gereizt ist, reagiert man aggressiver. Wer dagegen entspannt ist, sieht vielleicht: Da sitzt ein Fahranfänger oder ein Senior am Steuer – und reagiert entsprechend gelassen.

Schon in Heinz Erhardt-Filmen der fünfziger Jahre wird der Straßenverkehr als Kampfplatz dargestellt. Hat sich die Qualität oder Häufigkeit von aggressivem Verhalten dennoch verändert?

Definitiv hat die Verkehrsdichte stark zugenommen. Und in der Folge treten kritische Situationen vermehrt auf – etwa durch unterschiedliche Fahrgeschwindigkeiten. In den Neunziger- und frühen Nullerjahren hatten wir dadurch sehr viele Drängler, viel dichtes Auffahren, viel Lichthupen. Aber die Polizei hat aus meiner Sicht sehr gut reagiert, indem sie die Abstände der Fahrzeuge kontrolliert und zu dichtes Auffahren geahndet hat. Auch wenn es heute zu mehr Staus kommt, habe ich den Eindruck, dass auf der Autobahn gleichmäßiger gefahren wird.

Welche Faktoren für aggressives Verhalten im Verkehr haben sich noch verändert?

Die Mischung der Verkehrsteilnehmer – in Städten etwa das Reizthema des Gegensatzes von Fahrrad- und Autofahrern. Manche Autofahrer meinen, die Straße gehört ihnen allein und reagieren gereizt auf Radfahrer, an denen sie nicht vorbeikommen. Radfahrer wiederum fühlen sich bedroht, wenn sie eng überholt werden und sind dann sauer auf die Autofahrer. Durch die aus umweltpolitischer Sicht begrüßenswerte Zunahme des Radverkehrs sind solche Konflikte häufiger geworden. Entschärfen lässt sich das nur, wenn man Auto- und Radverkehr vernünftig trennt.

In Braunschweig wurden mancherorts Fahrradstraßen eingerichtet. Reicht das?

An einigen Stellen haben Städtebauer Radfahrer ganz gezielt auf die Straße geleitet, um den Verkehr zu beruhigen. Das mag gut gemeint sein und auch dazu führen, dass Radfahrer besser gesehen werden. Aber gleichzeitig entstehen Situationen, in denen sich beide Seiten unwohl fühlen.

Ebenfalls in Braunschweig zu finden sind Radfahrstreifen, die per Markierung von der Fahrbahn abgetrennt sind. Was halten Sie von denen?

Die sind Unsinn. Wir haben Studien im Simulator dazu gemacht. Da zeigt sich: Ohne die Streifen halten die Autofahrer größere Abstände. Die Streifen dagegen wirken wie eine Wand, an die die Autofahrer dicht heranfahren. So erreicht man das genaue Gegenteil von dem, was eigentlich gewünscht war.

Gibt es neben dem Wandel des Verkehrs auch gesellschaftliche Ursachen für neue Konflikte?

Durchaus möglich, aber das ist unheimlich schwer zu sagen. Vielleicht flippte man früher weniger schnell aus. Aber die Belege dafür, dass etwa Internet, Fernsehen oder Videospiele zu einer Verrohung führen, sind mehr als dünn.

Das heißt: Dass wir aggressiver fahren als frühere Generationen, lässt sich kaum belegen?

Ja. Den Eindruck, dass der Verkehr aggressiver wird, hatte man schon immer. Schon in den sechziger Jahren gab es die Kampagne „Kavalier der Straße“, die einer Verrohung entgegenwirken sollte. Den Eindruck, dass früher alles besser gewesen sei, gibt es ja in vielen Bereichen der Gesellschaft. Aber das zu belegen, ist meist ziemlich schwierig.

Fest steht aber: Beim Thema Mobilität liegen die Nerven schnell blank. Wer mit seinem Essen in einem Lokal unzufrieden ist, hält sich oft dezent zurück, statt sich zu beschweren. Warum nicht auch auf der Straße?

Natürlich sind beim Essen und Trinken viel grundlegendere Bedürfnisse berührt. Aber bei Ihrem Beispiel wird dem Menschen das Essen ja nicht weggenommen. Das ist zwar unangenehm, aber keine direkte Bedrohung. Schlechtes Essen ist besser als kein Essen. Die Mobilität ist vielleicht ein weniger starkes Bedürfnis. Aber sie ist ein zunehmend wichtiger Bereich, wo das Grundbedürfnis, Ziele zu verfolgen und zu erreichen, ganz massiv eingeschränkt werden kann. Und darauf reagieren wir ausgesprochen emotional. Diese Emotionen können uns neue Energien verschaffen – etwa um andere Wege zum Ziel zu finden. Aber wenn dies, wie oft heute, nicht gelingt, bleibt leider nur die aggressive Schiene.

Apropos Schiene: Auch der Ärger von Bahnfahrern bei Verspätungen ist oft groß.

Schon, aber diese Frustration ist etwas anderes. Denn im Zug sitzen Sie als Passagier. Um sich von anderen behindert zu fühlen, muss man selbst aktiv am Verkehr teilnehmen. Und erst dann entsteht diese Aggression, über die wir sprechen.

Könnte das autonome Fahren die Sache entschärfen?

Absolut. Erstens verlässt man diese leidige Frustrationskette. Zweitens werden diese Fahrzeuge von sich aus deutlich sicherheitsbewusster und defensiver fahren als Menschen heute. Das wird den Verkehr deutlich beruhigen.

Und die Kehrseite davon?

Die werden etwa Radfahrer spüren. Sie empfinden Einschränkungen noch deutlich stärker als Autofahrer. Wenn ich als Radfahrer anhalten und absteigen muss, weil vor mir ein autonomes Fahrzeug einparkt, nervt das sehr, weil jedes neue Anfahren anstrengt. Entsprechend ungehalten reagiert man dann.

Stichwort Tempolimit: Warum fällt uns die Selbstbeschränkung so schwer?

Gute Frage. Mein Eindruck ist aber auch, dass der Widerstand gegen ein Tempolimit ziemlich hochgespielt wird. Die meisten Umfragen zeigen, dass eine Mehrheit der Deutschen dafür ist. Mir scheint, wir haben es hier mit einer besonders lauten Minderheit zu tun.

Würde ein Tempolimit zu einer Entspannung, zu weniger Aggressivität beitragen?

Ja, und die Erfahrungen in Frankreich und Italien finde ich faszinierend. Früher waren diese Länder bei Deutschen wegen der schnellen und aggressiven Fahrweise dort gefürchtet. Heute haben beide Nationen überhaupt kein Problem, mit dem Tempolimit zurechtzukommen. Und der Verkehr hat sich deutlich entspannt – auch wenn in Italien immer noch oft zu schnell gefahren wird .

Sie plädieren also klar für ein Tempolimit hierzulande?

Ja. Aber man muss auch ehrlich sagen: Für die Sicherheit bringt ein Tempolimit nichts. Unsere Autobahnen sind schon heute sicher. Das Argument der Entspannung ist das gewichtigere. Unsere Autobahnen sind heute so dicht mit Fahrzeugen besetzt, dass es immer wieder zu Staus kommt. Auch das ließe sich entschärfen, wenn die Differenz zwischen den Geschwindigkeiten geringer wäre. Gegen ein Tempolimit zu argumentieren, ist völlig irrational.

Unumstritten ist, dass im Ort maximal Tempo 50 gilt. Zwei Raser, die sich in Berlin ein illegales Autorennen lieferten und dabei einen Mann töteten, wurden wegen Mordes verurteilt. Wie ordnen sie solche Verhaltensweisen ein?

Früher ging es bestenfalls darum, an der Ampel auszutesten, wer als erster mit quietschenden Reifen losfährt. Aber diese Autorennen sind ein eigenes Phänomen. Auch wenn ich nicht beurteilen kann, wie stark ihre Häufigkeit zugenommen hat, scheint hier etwas Neues passiert zu sein. Und das wird gesellschaftlich-kulturell bedingt sein. Es liegt nahe, dass sich die Täter von Rennen in anderen Städten haben anregen lassen. Und, auch wenn ich Autorennen im Fernsehen furchtbar langweilig finde: Für Teile der Bevölkerung übt diese Geschwindigkeit eine Riesenfaszination aus, die man selbst erleben möchte. Das im Stadtverkehr zu tun, scheint für manche Leute Teil des Kicks zu sein. Zum Glück ist das eine ziemlich kleine Gruppe.

Wer ist besonders anfällig?

Die Risikogruppe im Verkehr sind vor allem junge Männer. Nach wie vor haben wir viele junge Fahrer, die viel zu schnell und viel zu alkoholisiert nachts unterwegs sind und extrem viele Unfälle bauen. Da passieren tragische Sachen. Ursächlich sind hierbei sicherlich der Spaß am Kick, Selbstüberschätzung und Unverletzlichkeitsgefühle. All das mag auch bei den illegalen Rennen eine Rolle spielen.

Wenn wir über unsere Mobilitätskultur sprechen, kommt man am Reizthema SUV nicht vorbei. Kaum ein anderes Verkehrsmittel spaltet so sehr die Gemüter.

Für die Fahrer scheint hier vor allem ein erhöhtes Sicherheitsgefühl zu zählen – weil man erhöht sitzt und einen besseren Überblick hat. Außerdem der direkte Schutz: Wenn man in einem SUV angefahren wird, wird des Fahrzeug seinem Ruf als Panzer durchaus gerecht. Hinzu kommt der Status, der mit den Sportgeländewagen verbunden ist. Diese Fahrzeuge scheinen das Status- und Schutzbedürfnis mancher Leute genau zu treffen. Das ist schon spannend, auch wenn ich es persönlich überhaupt nicht nachvollziehen kann.

Nicht erst seit der Klimadebatte sind diese Sportgeländewagen für manche ein rotes Tuch. Auf der anderen Seite wird über „Kampfradler“ geschimpft. Spielen Feindbilder eine stärkere Rolle als früher?

Auch wenn sie im Einzelfall stimmen mögen – Symbolfiguren wie der „Kampfradler“ sind immer auch Mythen. Und die gab es immer schon. Ich erinnere an das alte Klischee von der unfähigen „Frau am Steuer“. Hier ging es weniger um die Realität als um die Zuweisung von Geschlechterrollen. Heute wissen wir, dass viele gefährliche Verhaltensweisen im Verkehr bei Frauen seltener sind als bei Männern.

Können Sie mit Ihrer Forschung dazu beitragen, Aggressionen im Straßenverkehr zu verringern?

Ein Ansatz, um Konflikte zu minimieren, ist es, weniger Berührungspunkte zu schaffen. Eine Lösung dafür ist die konsequente Trennung von Auto- und Radverkehr, wie es sie in den Niederlanden schon gibt. Darüber forschen wir. Ein anderer Ansatz besteht darin, positive Emotionen im Verkehr einzubringen. Hier erforschen wir etwa, wie technische Lösungen, etwa Lichtsignale, die Kommunikation zwischen Verkehrsteilnehmern verbessern. Auch das kann letztlich zu einem besseren Gefühl beitragen.

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