Wie 20 Landwirte durch Grenzverletzung ihren Kredit verspielen

„Wer ängstlich ist, sollte diesen Beruf meiden. Guter Journalismus geht immer wieder dahin, wo es weh tut.“

Journalisten stehen im öffentlichen Leben. Sie berichten über alles, was ihre Leser bewegt – die hohe Politik und den gerichtsnotorischen Nachbarschaftsstreit, Kunst und Kultur, Schule oder Sport. Guter Journalismus bekämpft die blinden Flecke.

Die Erwartungen in die Qualität der Arbeit der Journalisten sind mit Recht hoch. Im freiheitlichen Rechtsstaat genießen sie ein hohes Maß an Freiheit, garantiert durch das Grundgesetz, gestärkt durch das Bundesverfassungsgericht. Sorgfalt, Fairness, Ausgewogenheit, Augenmaß und der Respekt vor den Rechten der Betroffenen gehören zu den grundlegenden Pflichten jedes Journalisten.

Wer ängstlich ist, sollte diesen Beruf meiden. Guter Journalismus geht immer wieder dahin, wo es weh tut. Konstruktiv-kritisch, mit einem klaren Blick auf Richtig und Falsch. Das Echo auf diese Pflichterfüllung fällt, korrespondierend mit dem Grad der Betroffenheit, nicht immer sachlich aus. Das muss ein Journalist aushalten. Wer etwas auf sich hält, der stellt sich der Diskussion.

Aber auch bei diesem Berufsstand gibt es Grenzen des Tolera-blen. Ein Mitglied unserer Redaktion musste am Sonntagmorgen erleben, wie diese Grenzen niedergerissen wurden.

Ohne jede Vorwarnung, unser Redakteur sitzt gerade mit seiner Familie beim Frühstück, stehen rund 20 Landwirte vor der Tür. Die Adresse haben sie sich mit einem Trick erschlichen; bei seiner früheren Anschrift sei ein Paket falsch zugestellt worden. Die Landwirte führen eine Schubkarre voll stinkendem Mist und ein Flugblatt mit sich. Darin wird dem Kollegen vorgeworfen, er habe sich „polemisch und fachlich sehr mangelhaft“ mit der Situation der Bauern auseinandergesetzt. Er wird aufgefordert, sich vor Ort ein Bild von der Arbeit der Bauern zu machen; man gebe ihm Informationen „über Dinge, die Leute wie Sie gern für ihre Negativ-Berichterstattung in der Öffentlichkeit nutzen“.

Die Landwirte haben auf dem Fußweg vor seiner Einfahrt Tische und Bierbänke aufgebaut, dorthin soll er kommen und mit den Landwirten diskutieren. Der Redakteur ist ein zutiefst integrer, selbstkritischer, fleißiger und fairer Vertreter unseres Berufes. Für die Leser ist er gerne da. Aber nicht unter solchen Vorzeichen. Das Eindringen in seine Privatsphäre lehnt er ab, außerdem muss er zum Sonntagsdienst in die Redaktion.

Die Landwirte bleiben, sie frühstücken demonstrativ vor der Einfahrt. Die Familie des Kollegen empfindet die Lage zunehmend als bedrohlich, wie eine Belagerung. Erst nach Aufforderung machen die Landwirte den Weg frei. Ihre Namen wollen sie nicht nennen.

Was hat bei ihnen zu dem Eindruck geführt, dass sie es mit einem Bauernfeind zu tun hätten? Wir stehen vor einem Rätsel. Der Redakteur lebt auf dem Land, kümmert sich um Anliegen der Landwirtschaft. In seinem Leitartikel, erschienen am 23. Oktober, zeigt der Redakteur Verständnis für die jüngsten Proteste. Er verweist aber auch auf die Pflicht, an Lösungen mitzuwirken. Es besteht kein Zweifel, dass dieser Meinungstext fair mit den Bauern umgeht. Sie können ihn auf dieser Seite noch einmal lesen.

Der Aufmarsch vor dem Privathaus ging offenbar aus dem Dunstkreis der Gruppe „3vor12“ hervor. Sie ist Teil der Bewegung, die den Protest im Oktober organisiert hatte, abseits der Strukturen des Bauernverbandes. Ihre Mailadresse steht auf dem Flugblatt.

Viele Bauern fühlen sich von der Politik mit immer neuen Vorschriften schikaniert, ihre Leistungen halten sie für unterbewertet. Beides ist nachvollziehbar. Und es ist ihr gutes Recht, auf ihre Anliegen hinzuweisen. Ein freies Land gibt den Bauern viele Möglichkeiten. Die Verletzung der Privatsphäre gehört nicht dazu. Wir haben von „3vor12“ eine Erklärung gefordert. Die Antwort steht aus.

Die organisierte Bauernschaft hat für die Aktion am Privathaus unseres Redakteurs kein Verständnis. Ulrich Löhr, Vorsitzender des Niedersächsischen Landvolkes Braunschweiger Land, bittet für den Übergriff um Entschuldigung. Dazu muss man wissen, dass Löhr unserer Redaktion in den vergangenen Jahren immer wieder kritisch begegnet ist – hart in der Sache, aber konstruktiv im Ton. Wir sind über diesen Dialog zu einer guten Zusammenarbeit gekommen. Auch unsere Redaktion weiß, dass unser Land ohne den Nährstand in Not geriete.

Wir nehmen für uns in Anspruch, ein wohlwollender, wenngleich notwendigerweise kritischer Begleiter zu sein. Unsere Redaktion ist unter vernünftigen Umständen immer zum Gespräch bereit. Das Eindringen in das Privatleben eines Journalisten werden wir nicht hinnehmen. Hier ist eine Grenze überschritten worden, die verteidigt werden muss.

Informationen

Der Kommentar „Protest ohne Ernte“ erschien am 23. Oktober auf unserer Seite „Debatte“:

„Nein, Buhmänner der Nation wollen die Landwirte nicht sein, wenn nun überall die ökologische Flagge hochgezogen wird. Sie wollen nicht allein verantwortlich sein für Nitratbelastungen im Grundwasser, sterbende Insekten und Klimaerwärmung. Denn so interpretieren sie nicht nur die Pläne in Berlin, sondern auch die öffentliche Meinung – das „Bauern-Bashing“ soll endlich aufhören! Man kann das sehr gut verstehen, dass die Landwirte auf die Barrikaden gehen. Es steckt aber natürlich mehr dahinter: Sie bestellen die Felder und füttern das Vieh nicht als Hobby, sondern sie sind Unternehmer. Und man ahnt es schon: Wenn der Bund mit Verboten kommt, dann sind die erlaubten Alternativen in Ackerbau und Tierhaltung meistens nicht nur aufwendiger und zeitraubender, sondern vor allem teurer. Verständlich, wenn die Landwirte auch deshalb aufbegehren. Aber vor diesem Argument sollten sie nicht die Augen verschließen: Ihr Gewinn bröselt nicht nur durch höhere Ausgaben, sondern auch durch schrumpfende Ernteerträge, wie sie mit weiteren Umweltsünden zu erwarten sind. Die Landwirte wollen als Experten ernst genommen werden, wollen mitreden. Das sollen sie auch, aber dann müssen sie auch etwas zu sagen haben: eben nicht nur klagen über Verbote und Verluste, sondern Lösungsvorschläge machen – jetzt und nicht erst in fünf Fruchtwechselperioden. Ein weiterer Blühstreifen am Ackerrand reicht nicht. Die Bauern sind nicht allein schuld an den Umweltmiseren, aber unbeteiligt eben auch nicht.“

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