Vernunft, Verzicht und Vertrauen

„Die in dieser Woche in Berlin beschlossenen strengeren Corona-Regeln allein werden nicht reichen, die rasante Ausbreitung des Virus zu bremsen. Wir brauchen einfach mehr Vernunft.“

„Der Eckstein der Gerechtigkeit ist die Gleichheit vor dem Gesetz.“
Robert Bosch

Wie geht es weiter? Wie schaffen wir es, die Infektionszahlen unter Kontrolle zu bringen? Schwer zu sagen momentan. Die Covid-19-Zahlen steigen und steigen, in den Nachbarländern genauso wie bei uns. Niedersachsen, lange Zeit so etwas wie ein Corona-Musterland unter den Bundesländern, wird sich wohl ebenfalls an deutlich höhere Infektionszahlen demnächst gewöhnen müssen.

Die in dieser Woche in Berlin beschlossenen strengeren Corona-Regeln allein werden nicht reichen, die rasante Ausbreitung des Virus zu bremsen. Wir brauchen einfach mehr Vernunft. Denn es gibt immer noch zu viele Leute, Familien und Gruppierungen, denen Verzicht schwer fällt, deren persönliche Interessen ihnen wichtiger sind. Dies gilt leider auch für viele junge Leute, die nicht aufs Feiern verzichten können. Dabei könnten sie nun mit gutem Beispiel vorangehen und dann im Gegenzug von der älteren Generation Verantwortung und Handeln beim Thema Klimaschutz einfordern. Nach dem Motto: Wir sorgen uns um euch, helft ihr genauso mit, den Klimawandel zu bremsen. Doch danach sieht es nicht aus. Mit der Folge: Jetzt wird es kritisch, denn zur coronesischen Sorglosigkeit kommt – erwartungsgemäß – die Problematik der kälteren Jahreszeit hinzu. Trara, die zweite Welle ist mit voller Wucht da!

Sorglosigkeit ist das Stichwort. Bei manchen sogar Gleichgültigkeit, die bei Pandemie-Leugnern in gefährliche Ignoranz und Weltverschwörungstheorien mündet. Und das, obwohl sich ein europäisches Land nach dem anderen wegen explodierender Infektionszahlen schon wieder in Teil-Lockdowns befindet. Angesichts dieser Tatsachen Leugner und Masken-Verweigerer zu verstehen, fällt immer schwerer. Passend dazu: Gelinde gesagt unseriös ist die Art und Weise, wie auch in Braunschweig Corona-Verharmloser von „Wir freien Menschen“ mit einem Fake-Flyer versuchen, die Menschen zu verunsichern. Bei der Gestaltung des Schreibens nahezu 1:1 so zu tun, als sei dieses „AHA“-Informationsschreiben von der Bundesregierung, ist unterste Schublade, hat aber Methode. „Angst ablegen, Hinterfragen, Austauschen“, so die AHA-Formel der selbst ernannten „freien Menschen“, klingt ja erst einmal nicht falsch. Bei genauerem Hinsehen wird klar: Es geht darum, Misstrauen zu verbreiten und dubiose Experten und Quellen als die wahren Fachleute ins Spiel zu bringen. Mit der Aufforderung des Flyers, Behauptungen grundsätzlich zu hinterfragen, schießen sich die „Freiheitsboten“ aber ein Eigentor. Daher: Hinterfragen Sie alle Aussagen der „freien Menschen“ und deren „Experten“, falls Sie einen solchen Flyer im Briefkasten finden!

Zur Wahrheit gehört nämlich eher, dass die Menschen in Niedersachsen in großer Zahl die Corona-Maßnahmen der Landesregierung in der aktuellen Pandemie für angemessen halten. Das gaben in einer Umfrage von Infratest Dimap im Auftrag des NDR 65 Prozent der Befragten an. 23 Prozent gehen die Regeln sogar nicht weit genug, sie würden sich offensichtlich noch schärfere Maßnahmen wünschen. Lediglich 11 Prozent der Befragten gehen die Corona-Einschränkungen zu weit. Dabei hat die Mehrzahl der Befragten auch nicht die Sorge geäußert, dass sie befürchten, dass ihre Grundrechte wegen der Corona-Pandemie längerfristig eingeschränkt bleiben. Auch dieser Punkt ist interessant, weil die Corona-Skeptiker ja auch gerne behaupten, die Bundesregierung nutze die nicht existierende Pandemie, um unsere Grundrechte dauerhaft einzuschränken. Ja, sogar von einer Merkelschen Diktatur ist bekanntlich die Rede. Es wirkt in diesen Tagen deshalb wie Balsam für die durch Covid-19 verängstigte Seele, dass die Mehrzahl der Menschen in Niedersachsen offenbar eine gewisse Herdenimmunität gegen den verbreiteten Unsinn der Corona-Leugner hat. Auch in der sogenannten Sonntagsfrage („Wenn am Sonntag Wahl wäre…“), spiegelt sich dieser Eindruck wider: 66 Prozent sind laut der vom NDR initiierten Umfrage mit der Arbeit der Landesregierung unter der Federführung von Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) zufrieden, weitere vier Prozent geben ihr sogar ein „sehr gut“. Und CDU und SPD haben in der Corona-Krise an Prozentpunkten dazugewonnen. Auch dies zeigt, dass man der Landespolitik vertraut.

Ebenfalls vertrauenserweckend ist, dass man sich auch in diesen ernsten Tagen auf die Justiz als eine der Säulen unserer Demokratie verlassen kann, dass Gerichte trotz Covid-19-Dramatik und immer weiter steigenden Infektionszahlen einen kühlen Kopf bewahren und unabhängig ihre Entscheidungen fällen. Im Falle des umstrittenen Beherbergungsverbots haben die Gerichte die Beschlüsse der Politik reihenweise gekippt und damit automatisch all diejenigen widerlegt, die immer wieder blödsinnigerweise behaupten, in Deutschland sei eine im Corona-Deckmantel verkleidete Diktatur ausgerufen worden, die auch die Gerichte und die Medien ummantelt hat. Die Entscheidungen der Gerichte in mehreren Bundesländern gegen die Beschlüsse der Regierungen, nun auch gegen die Sperrstunde in Berlin, müssten also eigentlich ein echter AHA-Moment für alle Anhänger dieser Verschwörungstheorien sein.

Übrigens haben die Medien, in diesem Fall das ZDF, in dieser Woche auch darüber berichtet, dass die Braunschweiger Virologin Melanie Brinkmann – aus wissenschaftlicher Sicht – auch nichts vom Beherbergungsverbot hält, weil es keinen Effekt habe und damit keinen Sinn mache. Zudem führe ein solches Verbot für Menschen aus Risikogebieten zu einer Stigmatisierung. Auch in diesem Punkt hat die Braunschweiger Virologin sicher recht. Was bleibt also? Wir müssen es zusammen schaffen, das Virus zu stoppen. Dies mutet angesichts der ansteigenden Infektionen und der Haupterkältungsjahreszeit zwar schwierig an. Dass die Mehrheit der Menschen in Niedersachsen hinter den Corona-Regeln steht, stimmt dagegen zuversichtlich. In der Tat: Es liegt jetzt an uns.

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