Der Bäcker sagt: Brexit ist Wahnsinn

Dumfries  Dumfries ist die Partnerstadt von Gifhorn in Schottland - und die letzte Station der „Brexit-Tour“. Das Land ist gegen den EU-Ausstieg.

„Schottland ist anders“, habe ich immer wieder zu hören bekommen, wenn ich mit Engländern über meine weitere Route sprach. „Wie anders?“ „You will see – Du wirst schon sehen.“ Jetzt also Dumfries, Partnerstadt Gifhorns seit 1994, es ist die letzte Station meiner Reise.

Ich erreiche die Stadt am späten Nachmittag, und da ich eine Internetverbindung brauche, gehe ich in den erstbesten Pub. Dort ist die Stimmung schon auf dem aufsteigenden Pfad. Die Bedienung, weiblich, Mitte 20, fragt in breitem schottisch, welches Bier ich wolle, und schlägt mir, als sie hört, dass ich noch fahren muss, einen Kaffee vor. Der ist schnell gemacht, das Internet funktioniert auch, als ich zahlen will, schüttelt sie den Kopf: „Never mind – vergiss es.“ Eine Minute später gibt es Unruhe unter den Gästen. Zwei sind in Streit geraten, die Situation droht aus dem Ruder zu laufen. Meine spendable Bedienung geht sofort dazwischen. Mit donnernder Lautstärke staucht sie die beiden zusammen. Die Flüche, die sie dabei benutzt, müssen ziemlich deftig sein – den Umstehenden steht erst der Mund offen, dann setzt verstohlenes Grinsen ein. Eine weitere Minute später ist alles wieder friedlich, jeder erhält ein frisches Bier, nichts passiert.

Schottland ist anders. Großzügig und lautstark, die englische Höflichkeit wird schon mal beiseite gelegt. Dabei trinkfest und mit einem großen Herzen. Das werde ich in den nächsten Tagen öfter erleben.

Ian Mitchell heißt der Mann, der die Verbindung Dumfries – Gifhorn auf schottischer Seite ganz wesentlich mit Leben erfüllt. Der frühere Feuerwehrmann ist ein Schotte wie aus dem Bilderbuch und außerdem ein Organisationstalent. Er versteht es – natürlich in Zusammenarbeit mit anderen – Geld locker zu machen und Dinge in Bewegung zu setzen. Und so kommt es, dass zwischen beiden Städten ein reger Pendelverkehr herrscht. Jugendgruppen, Pfadfinder, Chöre, Feuerwehrleute: Sie alle besuchen sich oft und gern, zu feiern gibt es schließlich immer irgendwas. Es gibt auch ungewöhnliche Formen der Zusammenarbeit: Eine Lehramts-Studentin verbrachte einen Monat als assistant teacher in Dumfries, und schottische Auszubildende konnten ein paar Wochen lang bei VW ein Praktikum machen.

Ian mag die Schwierigkeiten, die sich beim Organisieren der Partnerschaft ergeben. „Man muss sich was einfallen lassen und den Leuten auf die Nerven gehen“, betont er. Er steht mit allen Verantwortlichen in Dumfries und darüber hinaus in Kontakt, er ist Experte im Fundraising. Und auch deswegen ist er wie fast alle Schotten gegen den Brexit: „Es gibt finanzielle Hilfen von der EU. Man muss nur wissen, wie man da rankommt, und den Papierkram erledigen. Dieses Geld wird in Zukunft fehlen.“ Andere, wie Bäckermeister Kerr Little, den ich am nächsten Tag treffe, werden da deutlicher: „This is madness, bloody madness. Wir müssen mit einer Entscheidung leben, die wir nicht gewollt haben. Und bei den Verhandlungen sitzen wir nicht mit am Tisch.“

Aber von Schwierigkeiten, die in London produziert werden, haben sich Schotten noch nie beeindrucken lassen. „Wir kriegen das hin, auf unsere Weise“, ist Ian überzeugt. Beim Stadtrundgang mit ihm und Enid und John Welch – alle vom „Gifhorn Friend’s Club“ – ist der Stolz auf die lange Geschichte Dumfries‘ spürbar. Der große, verehrte Mann der Stadt ist Robert Burns, Nationaldichter Schottlands, der hier bis zu seinem Tode lebte. Er stammte aus ärmlichen Verhältnissen, musste ständig um seinen Lebensunterhalt kämpfen, war verheiratet, Vater von neun Kindern, heftiger Trinker, diverse außereheliche Verhältnisse. Er schrieb Gedichte, politische Texte und vor allem Lieder. Tod mit 37. Das „Globe“, einer der Pubs, in denen er sich aufhielt, gibt es seit 1610 und ist weiterhin täglich geöffnet. In einem Nebenzimmer ist ein kleines Burns-Museum, das der Wirt gern aufschließt und in dem das Bett steht, in dem der Dichter angeblich die Wirts-Tochter verführte. Geschichten, für die er neben seinen Versen geliebt wird.

Im Zentrum fallen viele leerstehende Ladenflächen auf. „Die kleinen Shops verschwinden“, erzählt Enid Welch, „die kommen gegen die Konkurrenz der Supermärkte vor der Stadt nicht an.“ Übrig bleiben Banken, Makler, Schnellrestaurants und Wettbüros. Dumfries hat schon bessere Tage gesehen. Aber deswegen lässt sich hier niemand die Laune verderben. „Das geht auch vorbei“, ist ein Satz, den ich immer wieder höre. Schotten denken in Jahrhunderten, da hat man schon viel kommen und gehen sehen.

Und bei der abendlichen Dart-Runde zählt sowieso nur, wer am besten die Scheibe trifft. Das ist schottische Lebensart: ein paar Pfeile werfen, ein paar Witze (vorzugsweise gegen Engländer) und das ein oder andere Pint. Slàinte mhath! (Gute Gesundheit).

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