Schulen sollen den Stundenausfall genau erfassen

Hannover.  Die AfD-Landtagsfraktion greift eine alte Forderung auf und verweist auf das Vorbild Nordrhein-Westfalen.

Eine junge Lehrerin in Hannover schreibt an einer Schultafel. Vor dem Hintergrund des Lehrermangels appelliert der Landeselternrat an die Pädagogen, ihren Beruf positiver zu sehen.

Eine junge Lehrerin in Hannover schreibt an einer Schultafel. Vor dem Hintergrund des Lehrermangels appelliert der Landeselternrat an die Pädagogen, ihren Beruf positiver zu sehen.

Foto: Foto: Julian Stratenschulte / dpa

Bildungspolitisch machte die AfD-Fraktion im niedersächsischen Landtag vor allem durch ihr umstrittenes Lehrer-Meldeportal von sich reden. Dort soll sich melden, wer die AfD im Unterricht diskriminiert sieht. Nun legte der AfD-Bildungspolitiker Harm Rykena eine andere Forderung auf den Tisch: Die Fraktion fordert ein „verpflichtendes Dokumentationssystem zur Ermittlung des Unterrichtsausfalls“.

„Die Landesregierung befindet sich in einem Blindflug“, sagt der Landtagsabgeordnete Rykena. Bis heute seien Niedersachsens Schulen nicht verpflichtet, Stundenausfall systematisch zu dokumentieren. „Schüler, Eltern und auch Lehrer haben ein Recht zu erfahren, wieviel Unterricht in Niedersachsen tatsächlich ausfällt“, heißt es in einem AfD-Antrag an den Landtag. Nur dann sei aber angemessene Personalsteuerung möglich. Die Fraktion verweist auf Nordrhein-Westfalen, das ein solches System bereits eingeführt hat.

Die AfD betritt aber auch in Niedersachsen kein Neuland. „Es ist an der Zeit , parallel zur statistischen Unterrichtsversorgung endlich auch die tatsächliche Unterrichtsversorgung zu erfassen, denn nur die ist für den Schulalltag wirklich relevant“, hatte der FDP-Landtagsabgeordnete Björn Försterling im April 2016 erklärt. Der Deutsche Philologenverband hatte zuvor die Länder aufgefordert, zum Stundenausfall endlich realistische Zahlen zu erheben. Die Statistik dreht sich um Soll- und Ist-Stunden, also um Bedarf und tatsächliche Zuweisungen. Um kurzfristigen Ausfall etwa durch Krankheit geht es nicht. Immer wieder hatte es daher eigene Zählungen von Elternvertretern gegeben. Rykena wies denn auch auf das „Fehlstundenportal Niedersachsen“ (www.fehlstunden-nds.de) hin. „Mit Besorgnis habe ich heute gehört, dass an der Schule meiner Töchter der Mathe-Unterricht von Beginn des Schuljahres an bis Mitte November ersatzlos ausfallen wird“, lautet ein Eintrag. Gegründet hatte es eine Mutter aus der Wedemark bei Hannover nach Schleswig-Holsteiner Vorbild. Knapp 10 000 Stunden fielen nach der Bilanz im Schuljahr 2017/2018 aus. FDP-Mann Försterling geht von ganz anderen Zahlen aus. Zum planmäßigen Ausfall Dwegen Lehrermangels rechnet er noch 6 Prozent krankheitsbedingten Ausfall drauf. „Dann kommt man auf 100.000 Stunden pro Woche, die ausfallen“, sagt er. Seit 2005 sei die Zahl der Schüler gesunken, die der Lehrer aber um mehr als 6700 gestiegen, heißt es in einem Info-Blatt der AfD-Landtagsfraktion. Wieso verbessere sich die Unterrichtsversorgung nicht? Eine Antwort gibt Rykena selbst: Die sogenannten Zusatzbedarfe, also Lehrerstunden beispielsweise für Inklusion oder den Ganztag, schlagen immer mehr zu Buche. Sie aber sind politisch gewollt.

„Ab dem Schuljahr 2018/19 wird der Unterrichtsausfall an Schulen in Nordrhein-Westfalen landesweit, digital schulscharf erfasst“, hatte das dortige Ministerium für Schule und Bildung am 3. Juli 2018 erklärt. „Wir sorgen für Transparenz und schaffen die Voraussetzung für eine gezielte und wirksame Bekämpfung von Unterrichtsausfall“, betonte Ministerin Yvonne Gebauer (FDP). Den Schulen wurde nicht nur Software zugesagt, sondern auch Entlastungsstunden. Försterling hält auch eine Schlüsselziffer für sinnvoll, die Ursache des Ausfalls festhält. „Die Einführung der Dokumentationspflicht in NRW hat unseren Informationen nach einen Bedarf von mehr als 150 zusätzlichen Stellen an den Schulen und in der Schulaufsicht erforderlich gemacht“, sagt Sebastian Schumacher, Sprecher des Kultusministeriums in Hannover. Erste Ergebnisse hat man in NRW schon. Der landesweite Unterrichtsausfall im ersten Schulhalbjahr 2018/19 betrug demnach 4,8 Prozent. Darin enthalten waren sowohl ersatzlos ausgefallene Unterrichtsstunden (3,3 Prozent) als auch das Eigenverantwortliche Arbeiten (1,5 Prozent), hieß es im März 2019. Ein Großteil des Unterrichtsausfalls resultiere aus der angespannten Lage auf dem Lehrerarbeitsmarkt, dem lange nur halbherzig entgegengesteuert worden sei, so die Ministerin. „Wir arbeiten an guten Einstellungsverfahren“, erklärte Schumacher. Dokumentation bringe keinen Unterricht und belaste die Schulen.

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