Terror-Prozess: IS-Rückkehrerin belastet Kronzeugen

Celle.  Im Abu-Walaa-Prozess will eine Frau aus Vechta nicht aussagen. Doch eine BKA-Beamtin hat sie vor ihrer Abschiebung aus der Türkei befragt.

Ende vorigen Jahres hat die Türkei mehrere IS-Anhänger nach Deutschland abgeschoben. Das Bild zeigt einige Frauen, die am Flughafen Berlin-Tegel von der Polizei in Empfang genommen werden. Auch die 30-jährige Lorin I. aus Vechta wurde im Dezember abgeschoben. Gegen sie läuft in Deutschland ein Verfahren wegen Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung

Ende vorigen Jahres hat die Türkei mehrere IS-Anhänger nach Deutschland abgeschoben. Das Bild zeigt einige Frauen, die am Flughafen Berlin-Tegel von der Polizei in Empfang genommen werden. Auch die 30-jährige Lorin I. aus Vechta wurde im Dezember abgeschoben. Gegen sie läuft in Deutschland ein Verfahren wegen Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung

Foto: Christoph Soeder / picture alliance/dpa

Am 8. November vorigen Jahres, gut einen Monat bevor Lorin I. aus der Türkei nach Deutschland abgeschoben wird, sitzt sie in Istanbul einer Beamtin des Bundeskriminalamtes gegenüber. In den Räumen des deutschen Generalkonsulats muss sich die IS-Rückkehrerin unbequemen Fragen stellen. Es geht vor allem darum zu beurteilen, wie gefährlich die Deutsch-Syrerin noch ist – oder ob sie etwas über mögliche Anschlagspläne weiß. Dafür wird die BKA-Beamtin keine Anhaltspunkte finden. Aber in dem rund zweistündigen Gespräch kommen auch Personen und Ereignisse zur Sprache, die in dem Verfahren gegen den Hildesheimer Prediger Abu Walaa und vier weitere Angeklagte vor dem Oberlandesgericht in Celle eine Rolle spielen.

Es geht um viel: Der Prozess in Celle ist das derzeit größte Verfahren gegen die islamistische Szene in Deutschland. Die 30-Jährige war nach islamischem Recht die zweite Ehefrau des Kronzeugen, Anil O., auf dessen Aussage die Anklage maßgeblich fußt. Abu Walaa und seine mutmaßlichen Helfer sollen unter anderem für den IS geworben, auch Anil O. 2015 bei der Ausreise in den IS geholfen haben. Laut Anil O. ist der Prediger der „Repräsentant des Islamischen Staates in Deutschland“, der Kopf eines bundesweiten Rekrutierungs-Netzwerkes für den IS.

Über ihren „Ex-Mann“ verliert Lorin I, in dem Gespräch kein gutes Wort. Sie sei sehr aufgebracht gewesen, als die Sprache auf Anil O. kam, erinnert sich die BKA-Beamtin, die am Mittwoch als Zeugin vor Gericht aussagt. „Er sei manipulativ“, erzähle Geschichten, die nicht der Wahrheit entsprechen, schiebe andere Menschen vor, um seine eigene Rolle in den Hintergrund zu drängen. In der Ehe sei er aggressiv gewesen, habe sie sogar einmal mit dem Messer bedroht.

Die Verteidiger sehen sich bestätigt: Sie zweifeln an der Glaubwürdigkeit des Kronzeugen und sind überzeugt, dass sich der IS-Rückkehrer durch seine Aussage gegen die Angeklagten ein mildes Urteil herausgehandelt hat. 2017 war Anil O. wegen Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt worden und befindet sich seitdem im Zeugenschutz.

Lorin I. war selbst als Zeugin im Celler Prozess geladen und hatte wohl auch signalisiert, dass sie aussagen wolle. Doch Anfang der Woche machte sie noch einen Rückzieher, berief sich auf ihr Auskunfts-Verweigerungsrecht. Die vierfache Mutter sitzt in Untersuchungshaft. Gegen sie läuft bei der Generalstaatsanwaltschaft in Celle ein Verfahren wegen Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung: Sie soll als Mitglied eines „Schwesternnetzwerks“ von Syrien aus Frauen aus Deutschland zum IS gelotst und die Heirat mit Kämpfern vermittelt haben.

Zu diesen Vorwürfen äußert sich Lorin I. bei ihrer Vernehmung durch die BKA-Beamtin nicht. Darum sei es in der Befragung aber auch nicht gegangen, sagt die Kriminalhauptkommissarin, sondern eben hauptsächlich um eine Gefährdungsanalyse. „Ich hatte den Eindruck, dass sie einiges loswerden wollte, aber einige Punkte ausspart – vielleicht weil sie wusste, worauf sie achten muss. Sie wollte sich ja nicht selbst belasten.“

Während des Prozesses war längst bekannt geworden, dass Lorin I. die Frau des Mitangeklagten Hasan C. kennt, der wiederum in seinem Duisburger Reisebüro junge Gläubige für den IS geworben haben soll. Hasan C. soll es auch gewesen sein, der sie mit Anil O. verheiratet, zumindest aber die Ehe der beiden wieder aufgelöst hat, nachdem es Unstimmigkeiten gab. Später heiratet Lorin I. den Berliner Soner A. Zusammen reisen sie 2014 über die Türkei nach Syrien aus – laut Bundesanwaltschaft mit Hilfe von Hasan C. und Abu Walaa.

Doch der Kontakt zu Anil O. reißt auch danach nicht ab. Nach Angaben der BKA-Beamtin hat die Ehefrau von Anil O. Lorin I. in Syrien kontaktiert und um die Vermittlung eines Schleusers gebeten. Lorin I. will sie aber vor einer Ausreise gewarnt haben. 2015 steht das Paar dann bei ihr in Rakka vor der Tür: Kurz nach ihrer Ankunft im IS-Gebiet denkt es schon wieder an die Flucht und erkundigt sich über einen sicheren Weg. Weil Lorin I. die entsprechenden Kontakte hatte? Die Beamtin hakt nicht nach.

Auch die Rolle ihres Ehemannes Soner A. im IS bleibt unklar. Laut Lorin. I. war er in einer Glaubensschule tätig, soll dort Übersetzungsdienste geleistet haben. Die Bundesanwaltschaft geht dagegen davon aus, dass er sich einer IS-Kampfgruppe angeschlossen hatte. 2017 kommt er unbestätigten Berichten zufolge ums Leben. Nicht alle Widersprüche werden sich im Prozess aufklären lassen. Der Vorsitzende Richter, Frank Rosenow, plant, die Beweisaufnahme möglichst noch im Januar abzuschließen.

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