Raumfahrt

Historischer Moment: So lief Bezos' erster Flug ins Weltall

Lesedauer: 7 Minuten
Amazon-Gründer Jeff Bezos im Weltall

Amazon-Gründer Jeff Bezos im Weltall

Am 20. Juli will Jeff Bezos einen Flug ins Weltall antreten. Mit an Bord ist eine ehemalige US-Pilotin und ein junger Mann. Einmal die älteste und einmal die jüngste Person, die jemals im Weltall waren.

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Washington.  Amazon-Chef Jeff Bezos ist zum ersten Mal ins Weltall geflogen. Mit ihm flog die älteste und die jüngste Person, die jemals im All war.

Zehn Minuten für die Geschichtsbücher: Am 52. Jahrestag der ersten Mondlandung von Apollo 11 erfüllte sich der mit 206 Milliarden Dollar Privatvermögen derzeit reichste Mann der Welt einen Kleinjungen-Traum. Amazon-Gründer Jeff Bezos erreichte mit einer Raumfähre seiner Firma „Blue Origin” in über 100 Kilometer Höhe die Unterkante des Weltalls und landete nach zehn Minuten gemeinsam mit drei Begleit-Passagieren wieder sicher auf der Erde.

Mit einem Cowboy-Hut auf dem kahlen Kopf stieg der Unternehmer aus der Raumkapsel, öffnete eine Flasche Champagner und sagte: „Da war der beste Tag aller Zeiten. Die Aussicht war phantastisch. Ein Traum ist wahr geworden.”

Weltraum: Jeff Bezos' erster Flug ins All

Gegen 15.15 Uhr mitteleuropäischer Zeit hob die wiederverwendbare Trägerrakete „New Shepard” von der Startrampe im Wüsten-Städtchen Van Horn im US-Bundesstaat Texas ab. Es war nach 15 Testflügen in sechs Jahren der erste bemannte Flug. Beschleunigt auf über 3500 Kilometer pro Stunde, löste sich durch eine Sprengladung nach knapp vier Minuten die sechssitzige Raumkapsel mit den großen Panorama-Fenstern.

Sie erreichte nach Angaben von „Blue Origin” in circa 105 Kilometer über Meeresspiegel ihren höchsten Punkt. US-Unternehmer Bezos und die pilotenlose Crew, alles wurde von Computern gesteuert, erlebten für wenige Minuten Schwerelosigkeit.

Dann trat die Kapsel wieder in die Erdatmosphäre ein. Abgebremst von drei großen Fallschirmen landete das Gerät zehn Minuten nach dem Start nach Plan in der texanischen Wüste. Die Rakete war bereits nach sieben Minuten, von Steuerdüsen gelenkt, wieder an der Abschussrampe gelandet. Alles lief nach Drehbuch ab - Pannen? Fehlanzeige.

Bei der anschließenden Presse-Konferenz sagte der sichtlich gelöste Bezos, seine Erwartungen seien „dramatisch übertroffen” worden. Schwerelosigkeit fühle sich „so friedlich und normal” an. Mit den eigenen Augen zu sehen, wie „fragil” die Erde sei, „hat mich profund beeindruckt”. Bezos bedankte sich ausdrücklich bei den Mitarbeitern und Kunden von Amazon. Aus diesem Geschäft hatte der Geschäftsmann seit Jahren Milliardensummen für den Aufbau von „Blue Origin" abgezweigt.

Für Mitfahrerin Wally Funk (82) hatte Bezos ein Küsschen übrig. „Ich hatte eine großartige Zeit. Ich will so schnell wie möglich noch mal nach oben”, sagte die 82-Jährige. Auf Videos aus der Raumkapsel waren unterdessen Bilder wie aus einer Kinderhüpfburg zu sehen. Bezos & Co. übten Rolle-vorwärts in der Schwerelosigkeit, staunten über den Blick auf die Erde. Kurzum: „Ich liebe es”, sagte Wally Funk.

Wally Funk: Bezos bringt 82-jährige ins Weltall

Erst vor wenigen Tagen hatte der britische Milliardär Richard Branson mit seinem Raumschiff „VSS Unity” erfolgreich einen Abstecher in 86 Kilometer Höhe absolviert und damit eine historische Premiere geschafft. Bezos, der ebenfalls auf das Zukunftsgeschäft Weltraumtourismus setzt, kommt mit anderen Rekorden zurück.

Mit der prominenten Ex-Pilotin Wally Funk und dem niederländischen Investment-Banker-Sohn Oliver Daemen (18) hatte er neben seinem Bruder Mark (55) zugleich den ältesten und den jüngsten Menschen, die jemals ins Weltall geflogen sind, an Bord der futuristischen Raum-Kapsel „New Shephard”.

Funk war schon vor 60 Jahren in einem Raumfahrt-Vorbereitungsprogramm der Nasa aktiv, kam aber nie zum Zug. Daemen wird in wenigen Wochen an der Universität Utrecht Physik studieren. Was Papa Daemen für das Ticket seines Sohnes gezahlt hat, ist bisher nicht bekannt. Ein Unbekannter, der sich gemeinsam mit 6000 anderen Menschen aus 143 Ländern an einer Lotterie beteiligt und 28 Millionen § bezahlt hatte, war kurz vor dem Jungfernflug abgesprungen.

Jeff Bezos: Kritik am Wettlauf ins All

Bezos' Start war flankiert von kritischen Stimmen, die in der Aktion - und in der von Branson zuvor - das Spektakel von Superreichen sehen, denen die Erde für ihre Eitelkeitswettbewerbe zu klein geworden sei.

Bernie Sanders, Ex-Präsidentschaftskandidat der Demokraten, fuhr grundsätzliches Geschütz auf. „Im reichsten Land der Welt” (USA) litten viele Menschen Hunger, weil sie nicht genug Geld zum Essen hätten. „Aber hey, die reichsten Menschen der Welt reisen ins Weltall!” Sanders wie auch der frühere Sozialminister Robert Reich nahmen den Abflug in Texas zum Anlass, ihre Forderungen nach gerechterer Besteuerung von Superreichen Nachdruck zu verleihen.

„Es ist ein Zeichen von grotesker Ungerechtigkeit, die es einigen wenigen erlaubt, die Erde zu verlassen, während der Rest der Menschheit leidet”, bilanzierte Reich den Flug. David Beasley, Chef des UN-Welternährungsprogramms, mahnte an, dass sich Bezos auch für die Hunger leidenden Menschen auf der Erde einsetzen möge.

Unterdessen wiesen Umweltschützer auf den Öko-Fußabdruck hin, den Bezos und seine vier Begleiter in der Raumkapsel hinterlassen. Danach sei es geradezu absurd, dass Bezos & Co. ausgerechnet mitten in der forcierten Debatte um die Reduzierung schädlicher Treibhausgase pro Kopf tonnenweise CO2 erzeugten für knapp zehn Minuten Abenteuer im All.

Bezos spendet 200 Millionen Dollar an Museum

„Blue Origin”, das vor 20 Jahren gegründete Raumfahrt-Unternehmens des kürzlich aus dem operativen Geschäft ausgeschiedenen Amazon-Gründers, erklärte, die wiederverwendbare Rakete nebst Raumkapsel werde mit flüssigem Wasserstoff und flüssigem Sauerstoff angetrieben, sei somit sauber. Fachleute kontern: Die Herstellung von flüssigem Wasserstoff bringt große Menge CO2 mit sich.

Bezos kam den Vorwürfen vor dem Start entgegen. Auf die Frage einer CNN-Reporterin, ob diese „Lustreisen für Wohlhabende” nicht zurückstehen müssten für die Beseitigung irdischer Missstände, sagt der 57-Jährige, seine Kritikern hätten „im weitesten Sinne recht”. Man müsse beides tun. Probleme auf der Erde lösen - und im Sinne der Menschheit „in die Zukunft schauen”. Hier versteht sich sich Bezos als jemand, der „Brücken ins Weltall baut für künftige Generationen”, die dort „unglaubliche Dinge tun können”.

In der US-Hauptstadt Washington, wo ihm die gleichnamige führende Zeitung, die „Post” gehört, setzte der Bezos vor der Reise ins All noch ein Ausrufezeichen. Das berühmte Luft- und Raumfahrtmuseum bekam mit 200 Millionen Dollar die höchste Einzelspende seiner über 170-jährigen Geschichte.

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