Vulkanausbruch

La Palma: Tausende Menschen flüchten vor Lava und Erdbeben

| Lesedauer: 6 Minuten
La Palma: Lava verschlingt ganze Landstriche

La Palma: Lava verschlingt ganze Landstriche

Auf La Palma gibt der Vulkan Cumbre Vieja keine Ruhe. Lavamassen verschlingen auf dem Weg Richtung Meer Dörfer und Plantagen.

Beschreibung anzeigen

La Palma  Auf La Palma werden immer mehr Menschen wegen der Lavaströme evakuiert. Touristen flüchten von der Insel. So ist die aktuelle Lage.

„Wir können nur hoffen, dass dieser Albtraum bald zu Ende ist“, sagt der Sprecher des Krisenstabs, als er den täglichen Lagebericht gibt. Doch diese Hoffnung scheint sich nicht zu erfüllen: Der Vulkan auf der spanischen Ferieninsel La Palma, der vor fast vier Wochen ausbrach, spuckt pausenlos Lava, welche die Westflanke zur besiedelten Küste hinunterfließt. Immer mehr Bewohner ergreifen die Flucht. Inzwischen sind bereits 7000 Menschen, fast zehn Prozent der Inselbevölkerung, evakuiert worden.

„Bitte verlassen Sie ihre Häuser“, tönt aus den Lautsprechern der Polizeiwagen, die mit Sirenen durch den Ort La Laguna fahren. „Bis 19 Uhr müssen sie den Ort verlassen haben.“ Die Warnung gilt 800 Menschen, deren Häuser von einer neuen Lavawalze erreicht werden könnten, die vom Vulkangebirge Cumbre Vieja herunterkommt und alles verschlingt. La Laguna liegt oberhalb des Ferien- und Küstenortes Tazacorte, der das nächste Opfer werden könnte.

Situation auf La Palma spitzt sich auch wegen Erdbeben zu

Wegen näherrückender Lava haben die Behörden am Donnerstag die Evakuierung von rund 300 weiteren Menschen angeordnet. Doch nicht nur die Lava gefährdert die Inselbevölkerung. Zugleich seien weitere etwa 100 leichte bis mittlere Erdbeben registriert worden. Eines habe die Stärke von 4,5 gehabt und sei damit das heftigste seit dem Ausbruch des Vulkans am 19. September gewesen. Lesen Sie auch: „Gran Cratere“: Droht ein Vulkanausbruch auf Vulcano?

Seit die Nordflanke des Vulkankegels am vergangenen Samstag zusammengebrochen ist, verstärkte sich der Lavafluss durch bewohnte Gebiete Richtung Meer. Auch war die austretende Lava mit rund 1200 Grad heißer als zuvor und damit dünnflüssiger und etwas schneller.

Vulkanausbruch auf La Palma - Menschen müssen in Windeseile flüchten

Autos werden in Windeseile vollgepackt. Auf der Ladefläche eines Lastwagens stapeln sich Kleinmöbel, Matratzen und Kisten. Was nimmt man mit, wenn man weiß, dass nur wenig Zeit ist, um das Nötigste zusammenzuraffen? „Vor allem Dokumente, Fotoalben und Wäsche“, sagt eine Frau mit Tränen in den Augen im Insel-TV. Sie hat ihren Geländewagen bis unters Dach vollgestopft. „Das Schlimmste ist, dass ich nicht weiß, ob ich mein Heim jemals wiedersehen werde.“

Die Schäden des Vulkanausbruchs werden immer größer: Bisher wurden 1548 Gebäude von der Lava zerstört und eine Fläche von 680 Hektar von Lava und Asche bedeckt. Das entspricht etwa 950 Fußballfeldern. Zu Schaden kam bisher niemand.

Immer mehr landwirtschaftliche Plantagen werden von den flüssigen Vulkanmassen begraben. Ascheregen bedroht die Ernte auch auf jenen Feldern, die bisher von der Lava verschont blieben. Auf der Insel wachsen vor allem Bananen, Wein und Avocados. Die Landwirtschaft ist zusammen mit dem Tourismus die größte Einnahmequelle der Insel im Atlantik.

Kanaren-Urlaub: Auswärtiges Amt rät Deutschen von Reisen nach La Palma ab

Auch die Tourismuswirtschaft steht zunehmend still. Die Zuspitzung der Katastrophe, die sich im Südwesten der Insel abspielt, verschreckt die Gäste, die sich bisher im Norden und Osten La Palmas noch halbwegs sicher fühlen konnten. In den ersten Tagen nach dem Vulkanausbruch am 19. September hatten sich die Hotels mit abenteuerlustigen Touristen gefüllt, die den feuerspuckenden Berg aus der Nähe sehen wollten. Diese Zeiten sind vorerst vorbei.

„Die Hotels haben sich geleert“, sagt bedauernd ein örtlicher Tourismussprecher. Nur noch 15 bis 20 Prozent aller Betten seien belegt. Und dies vor allem mit Helfern, Wissenschaftlern und evakuierten Inselbewohnern. Die Nachrichten über gesundheitsschädliche Asche- und Schadstoffwolken, geräumte Ferienunterkünfte und einen gestörten Airportbetrieb verunsichern. Viele internationale Flugverbindungen wurden abgesagt. Auch die meisten Kreuzfahrtschiffe meiden derzeit La Palma.

Deutschland, der wichtigste Reisemarkt der naturreichen Wanderinsel, empfiehlt mittlerweile den Urlaubern, die Vulkaninsel zu meiden: „Von nicht notwendigen Reisen nach La Palma wird derzeit abgeraten“, erklärt das Außenministerium in Berlin in seinen Reisehinweisen. Auch Österreichs Regierung mahnt zur Vorsicht: „Bei Reiseplänen nach La Palma muss das Risiko einer sich rasch ändernden Reisesituation im Hinblick auf An- und Abreiseverkehr sowie Unterkunft berücksichtigt werden.“

Der Flughafen der Insel war nach Angaben des Betreibers Aena weiter betriebsbereit, wurde aber nur von wenigen Fluggesellschaften wie Binter angeflogen. Der Flugverkehr zu den anderen großen Touristeninseln der Kanaren - Teneriffa, Fuerteventura, Gran Canaria oder Lanzarote - lief normal.

Neuer Lavastrom am Cumbre Vieja auf La Palma
Neuer Lavastrom am Cumbre Vieja auf La Palma

Haustiere in Gefahr werden aus der Luft versorgt

Ein kleiner Lichtblick in diesem Drama ist, dass einige Haustiere, die seit Tagen in der Nähe des Ortes Todoque von der Lava eingekesselt sind, seit Dienstag aus der Luft mit Futterrationen und Wasser versorgt werden. Bei den Tieren handelt es sich um mehrere Hunde und Katzen, die bei der Räumung des 1000-Seelen-Dorfes Todoque nicht evakuiert werden konnten. Das Dorf wurde inzwischen weitgehend von der Lava begraben. Nur ein kleiner Flecken Land blieb verschont und wurde zum Zufluchtsort dieser Tiere.

Auf einem Video, das die Inselregierung veröffentlichte, sieht man mehrere Hunde, die abgemagert auf dieser Insel inmitten der Lava ausharren. Der Flecken ist mit Asche bedeckt ist, aus der einige vertrocknete Halme ragen. Wenigstens zwei der Vierbeiner befinden sich in einem ausgetrockneten Teich – das Wasser verdunstete wegen der großen Hitze. Auf dem Video, das von einer Drohne aus der Luft gemacht wurde, sieht man neben dem Becken einen dritten Hund liegen.

Wie lange die Tiere unter diesen Bedingungen überleben können, und ob sie gerettet werden können, ist unklar. Die Behörden teilten mit, „dass es auf dem Landweg wegen der hohen Temperaturen nicht möglich ist, diese Zone zu erreichen“. Auch eine Rettung per Hubschrauber, so hört man aus dem Krisenstab, sei derzeit wegen der Hitzeentwicklung und vom Himmel regnenden Vulkansteinen lebensgefährlich.

Fragen zum Artikel? Mailen Sie uns: redaktion.online-bzv@funkemedien.de

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder