Corona-Pandemie

USA: „Katastrophale Zustände” wegen Omikron erwartet

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Corona: Neue Virusvariante in Frankreich entdeckt

Corona: Neue Virusvariante in Frankreich entdeckt

In Südfrankreich haben Forscher eine Coronavirus-Variante nachgewiesen. Sie soll insgesamt 46 Mutationen aufweisen. Das ist bisher über die Virusvariante bekannt:

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Washington  Die Ausbreitung der Omikron-Variante des Coronavirus bringt das US-Gesundheitswesen an die Kapazitätsgrenze. Die Gründe und Folgen.

Im Wochenschnitt fangen sich in den USA gerade 3,5 Millionen Menschen das Coronavirus ein, berichtet die Johns Hopkins Universität. Tendenz steigend. Die sich rasend schnell verbreitende Omikron-Variante in der Corona-Pandemie bringt das US-Gesundheitswesen an die Kapazitätsgrenze.

Nach der neuen Rekordmarke von über einer Million Neuinfizierten am Montag (wobei die tatsächliche Zahl weitaus höher liegen dürfte, weil sechs Bundesstaaten ihre Infektionszahlen nicht gemeldet hatten) prognostizieren Regierungswissenschaftler in den nächsten Wochen bis zu 2,5 Millionen Neuinfektionen – alle 24 Stunden.

Eine „solide Versorgung” in den Kliniken sei dann nicht mehr zu gewährleisten, auch wenn Omikron nach vorläufigem Stand der Wissenschaft bisher vor allem milde Krankheitsverläufe auslöst, heißt es in Regierungskreisen.

Corona in den USA: Sorgenkind ist der Südosten

105.000 Amerikaner sind derzeit wegen Corona hospitalisiert; fast 30 Prozent mehr als vor einer Woche –Tendenz täglich steigend. Der bisherige Höchststand auf den Intensivstationen war mit rund 137.000 Mitte Januar 2021. In New York sind derzeit 5000 Patienten krankenhausbedürftig, mehr als der Höchststand vor einem Jahr, höher als zu jedem Zeitpunkt seit Mai 2020.

Größtes Sorgenkind wird im ersten Quartal dieses Jahres der Südosten der USA sein, sagen Epidemiologen. Republikanisch beherrschte Bundesstaaten wie Florida, Georgia, Louisiana und Mississippi, die traditionell die geringsten Impfquoten aufweisen und politisch aktiv gegen Vorsichtsmaßnahmen wie Maskentragen agitieren, melden bereits jetzt den steilsten Anstieg bei Krankenhauseinweisungen. In Georgia fiel in der vergangenen Woche jeder dritte Corona-Test positiv aus. In Florida wurden am Tag 43.000 Neuinfektionen registriert, fast doppelt so viele wie zum Höchststand bei der Delta-Variante im vergangenen Sommer.

Weil in diesen Südstaaten nur die Hälfte der Bevölkerung geimpft ist, erwarten Experten der Gesundheitsbehörde CDC dort gerade in den ländlichen Gebieten mit schlechter Krankenhausversorgung in den nächsten Wochen „katastrophale Zustände”. Auch interessant: Flurona: Was steckt hinter dem neuen Corona-Phänomen?

Experten erwarten in den USA teils „katastrophale Zustände”

Nicht weit davon entfernt sieht Dr. Craig Spencer die Lage im ehemaligen Corona-Hotsport New York City. Seit Beginn der Pandemie ist der Direktor der Notfall-Medizin der Presbyterian/Columbia Universitätsklinik täglich an der Front.

Auf seinem von 250.000 Interessierten verfolgten Twitter-Feed warnt er nahezu täglich davor, dass das System vor dem Kollaps steht, weil wachsende Patientenzahlen auf eine physisch und psychisch komplett ausgelaugte Belegschaft von Ärzten und Krankenschwestern träfen.

Empathisch warnt der zweifache Familienvater davor, sich auf milde(re) Krankheitsverläufe bei der Omikron-Virus-Mutation zu verlassen. „Selbst eine milde Variante wird mehr gleichzeitig mehr behandlungsbedürftige Patienten produzieren, als unser bereits jetzt überlastetes System handhaben kann.”

Intensivstationen: 20 Prozent weniger Personal seit Anfang 2020

Zudem gerieten viele Patienten mit anderen Kern-Erkrankungen schnell potenziell in Lebensgefahr, wenn zusätzliche noch eine Corona-Infektion komme. Corona-Patienten auf engstem Raum von den hochgradig geschwächten Immunsystemen von Krebskranken in Chemo-Therapie zu trennen, sei aber aufgrund der Überbelegung vieler Intensivstationen schwer. Lesen Sie auch: Corona: Forscher entdecken neue Virusvariante in Frankreich

Dort arbeiteten Ärzte und Schwestern längst über dem Limit. Seit Beginn der Pandemie Anfang 2020 habe der Gesundheitssektor landesweit knapp 20 Prozent Personal verloren. Zigtausende Ärzte und Krankenschwestern leiden unter „burn-out” oder erwägen den Ausstieg aus einem Job, der „trotz Schutzbrille, Maske und Handschuhen” enorme Risiken für die eigene Gesundheit beinhalte. Verständnis für nicht geimpfte Patienten, die mit Abstand den größten Anteil in den Krankenhäusern stellen, gehe dem medizinischen Personal zunehmend ab, sagt Spencer.

Dr. Anthony Fauci, der Chef-Epidemiologe der Regierung von Präsident Joe Biden, spricht von einer „beispiellosen Beschleunigung” des Infektionsgeschehens, das selbst bei geimpften und geboosterten Menschen nennenswerte Krankheitsverläufe auslösen kann.

Fauci fürchtet, dass wesentliche öffentliche Dienstleistungen künftig nicht mehr erbracht werden können, wenn Personal erkrankt. Als Symptom gilt die Lage bei den Fluggesellschaften, wo zuletzt tägliche Tausende Flüge storniert werden mussten, auch weil Piloten und Stewardessen erkrankten oder noch in Quarantäne waren.

In vielen Branchen ist Personal wegen Corona knapp

Nicht das einzige Beispiel für pandemiebedingte Personalknappheit. In New York mussten drei U-Bahn-Linien den Betrieb aufgeben, weil zu viele Angestellte der Transportbehörde MTA krank sind. In Cincinnati/Ohio ist die Feuerwehr so unterbesetzt, dass die Stadtspitze um die Sicherheit der Bürger fürchtet. In mehreren Bundesstaaten haben die Gouverneure medizinisch geschultes Personal in den Nationalgarden in die Krankenhäuser abkommandiert, um dort auszuhelfen. Ohnehin haben die meisten Hospitäler nicht unabdingbar notwendige Operationen für unbestimmte Zeit verschoben.

Dutzende Schulen, die eigentlich im neuen Jahr den Präsenz-Unterricht fortsetzen wollten, müssen auf Online-Programme umstellen, weil Lehrer infiziert sind. Viele große Konzerne haben die für diese Tage geplante General-Rückkehr in die Büros verschoben und die Homeoffice-Zeiten verlängert. Manchen Firmen legen ihren Belegschaften die Pflicht auf, sich „boostern" zu lassen. Nur zwei Impfungen zu haben, gilt inzwischen als Unsicherheitsfaktor, weil es durch Omikron immer wieder zu Impfdruchbrüchen kommt. Lesen Sie auch: Corona: Wie lange bleiben die Schulen noch geöffnet?

Wird die Isolationszeit für Infizierte ohne Symptome reduziert?

Die zugespitzte Lage führt zu umstrittenen Entscheidungen auf höchster Ebene. So hat die Gesundheitsbehörde CDC neulich erklärt, die Isolationszeit für Corona-Infizierte ohne Symptome könne von zehn auf fünf Tage reduziert werden. Damit sollte Bedenken der Wirtschaft Rechnung getragen werden, die punktuell über große Personal-Engpässe klagt. Auch interessant: Corona-Gipfel soll neue Quarantäne-Regeln beschließen

Andere Interessenverbände, etwa die Flugbegleiter, protestierten. Sie wittern ein Zwang, auch dann schneller an den Arbeitsplatz zurückkehren zu messen, wenn man noch nicht komplett genesen ist und dies durch einen PCR-Test nachweisen kann.

In den USA haben sich von etwa 330 Millionen Einwohnern bisher rund 57 Millionen mit dem Corona-Virus angesteckt. Rund 830.000 – weltweit beispiellos – sind bisher daran gestorben. 62 Prozent der Bevölkerung sind komplett geimpft, aber nur 33 Prozent haben bisher eine Auffrischungsimpfung bekommen.

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