Leitartikel

Corona-Krisenmanagement: Sicher in die nächste Welle

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Corona-Impfplicht: Was bedeutet das?

Corona-Impfplicht- Was bedeutet das?

Was bedeutet eine Impfpflicht konkret? Und ist eine solche Impfpflicht in Deutschland überhaupt rechtens? Antworten dazu gibt's im Video!

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Berlin.  Deutschland begibt sich in den pandemischen Blindflug, meint Julia Emmrich. Man müsse sich nach Omikron gegen Ypsilon und Omega rüsten.

In einer idealen Welt hätte Deutschland eine Impfquote von nahezu 100 Prozent. Dazu ein geschmeidig funktionierendes Gesundheitssystem, digital vernetzt, personell gut aufgestellt, mit brandaktuellen Daten, die jederzeit die Lage präzise beschreiben.

In einer idealen Welt würde das Land optimistisch in die Zukunft blicken: Die nächste Virusvariante? Die nächste Herbstwelle? Lass sie ruhig kommen, juckt uns nicht, wir sind vorbereitet.

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In der Pandemie zu langsam und von vorgestern

Keine Frage, das Personal in den Kliniken und Gesundheitsämtern wächst in dieser Pandemie über sich hinaus. Die Mehrheit der Bürger erträgt mit erstaunlicher Engelsgeduld die Einschränkungen. Kinder, Künstler, Kneipenwirte – sie alle leiden unter der Pandemie, zeigen sich aber in der ganz großen Mehrheit weiterhin bewundernswert solidarisch. Vieles andere aber ist noch massiv verbesserungsbedürftig. Oder, wie ein Intensivmediziner neulich befand, auf Brieftaubenniveau.

Nichts gegen Brieftauben, sie sind zuverlässig, treu und schneller als manche Sendung, die mit der Post unterwegs ist. In der Pandemie aber meint Brieftaubenniveau beides: zu langsam und von vorgestern. Bund und Länder wissen das seit Langem. Doch erst jetzt, in der anschwellenden Omikron-Welle, wird das ganze Ausmaß der Versäumnisse sichtbar.

Immer noch zu wenige Menschen mit vollem Impfschutz

Deutschland geht in diesen Tagen in den pandemischen Blindflug, weil es zu wenig hochwertige Tests, zu wenig Personal für die Kontaktverfolgung und die Quarantänekontrolle hat. Und immer noch zu wenige Menschen mit vollem Impfschutz. Im dritten Pandemiejahr haben wir kein Erkenntnisdefizit. Aber leider immer noch ein massives Handlungsdefizit.

Die Omikron-Welle wird in absehbarer Zeit wieder abflauen. Wenn es gut geht, kommen dann ein paar Monate relativer Entspannung mit hohen Temperaturen und niedrigen Inzidenzen. Doch nicht nur Gesundheitsminister Karl Lauterbach, in dem ja immer noch der nüchterne Epidemiologe steckt, warnt bereits vor neuen Varianten aus der Delta-Linie, vor einer wieder verschärften Lage im Herbst.

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Impfpflicht nicht erst im Spätsommer

Es wäre der dritte Corona-Herbst. Damit das Land kein Dé­jà-vu erlebt, mit vollen Kliniken, Lockdown-Debatten und Bund-Länder-Krach, müssen jetzt dringend die Weichen gestellt werden. Drei Dinge sind jetzt besonders wichtig. Erstens: Die Impfpflicht muss kommen, aber nicht erst im Spätsommer. Es wäre fatal, aus falscher Rücksichtnahme auf Ungeimpfte jetzt zu lange Übergangsfristen, Beratungsphasen und andere Verzögerungen einzubauen.

Sicher: Zwischen Inkrafttreten und Vollzug muss Zeit für die medizinisch notwendigen Fristen für die drei Impfdosen bleiben. Mehr aber auch nicht. Schließlich kommt die Impfpflicht nicht aus heiterem Himmel. Daran gewöhnen können sich Ungeimpfte im Prinzip jetzt schon.

Neidischer Blick auf die Datenfülle in anderen Ländern

Zweitens: Wir brauchen ein Impfregister und die elektronische Patientenakte – so schnell wie möglich. Es kann nicht sein, dass die Fachleute des Corona-Expertenrats neidisch auf die Datenfülle in anderen Ländern schauen, hier aber konstatieren müssen, dass wichtige Daten gar nicht oder nur mit erheblichem Zeitverzug für die wissenschaftliche Auswertung zur Verfügung stehen.

Drittens: Die Gesundheitsämter müssen endlich so weit ausgebaut werden, dass sie ihren Aufgaben auch in künftigen Krisen professionell nachgehen können. Ansprechbare, auskunftsfähige und verlässliche Ämter sind Garanten für die Akzeptanz von Krisenregeln.

Klar, für Omikron kommt das alles zu spät. Für Varianten, die im Herbst dann vielleicht Sigma, Ypsilon oder Omega heißen, kommt es aber vielleicht gerade noch rechtzeitig.

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