Pandemie

Neue Omikron-Varianten: So schätzt Virologe Drosten sie ein

| Lesedauer: 4 Minuten
Drosten: Wegen Impflücke keine Entwarnung

Drosten: Wegen Impflücke keine Entwarnung

In Deutschland dringen viele auf Corona-Lockerungen trotz beispiellos vieler Neuansteckungen. Der Virologe Christian Drosten mahnt, blickt auf die neue Variante BA.2.

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Omikron-Untervarianten sorgen in Südafrika und den USA gerade für neue Wellen. Doch was steckt dahinter? Christian Drosten ordnet ein.

Das Coronavirus hört nicht auf, neue Mutationen auszubilden: Während die Delta-Variante zwar für schwerere Krankheitsverläufe sorgte, übertrug sie sich nicht so schnell wie die Omikron-Variante. Letztere bildet wohl auch wegen ihrer Verbreitung immer neue Untervarianten aus. BA.4 und BA.5 sind in Südafrika auf dem Vormarsch, der Omikron-Typ BA.2.12.1 lässt in den USA die Fallzahlen wieder steigen.

Richtig einschätzen lassen sich diese Varianten aber noch nicht – die WHO beobachtet die Virustypen und stuft sie als „besorgniserregend“ ein. Gleichzeitig gibt es bisher nur wenig Forschungsergebnisse über die Omikron-Mutationen. Der Berliner Virologe Christian Drosten meldete sich am Mittwoch aber auf Twitter zu Wort – und teilte erste Erkenntnisse.

Omikron-Subtypen: So schätzt Drosten die Corona-Varianten ein

„Dies sind Omikron-Varianten mit eigenem Ursprung“, schrieb Drosten über BA.4 und BA.5. Aus seiner Sicht stammen die Untervarianten nicht von den bisher bekannten Typen BA.1, .2 oder .3 ab, sondern vom „gemeinsamen Omikron-Vorläufer“. Sie hätten zu der Omikron-Mutation noch eine weitere Abänderung am Spike-Protein.

Christian Drosten hält die Varianten daher für ansteckender: „Immunescape ist wahrscheinlich“, schreibt der Virologe kurz. Gemeint ist, dass die Mutationen der Omikron-Subtypen es wahrscheinlicher machen, dass das Virus die Immunreaktion des Körpers, die nach einer Impfung oder Infektion bereits ausgebildet ist, umgehen kann.

Corona-Welle: Wie verbreiten sich die Untervarianten BA.4 und BA.5?

Die Entwicklung der aktuellen Welle in Südafrika wirft aber Fragen auf: Dort lässt sich seit Januar ein schleichender Anstieg der beiden Omikron-Subtypen beobachten. Erst ab Mitte April nehmen die Fälle aber plötzlich exponentiell zu.

Der Grund dafür ist aus Drostens Sicht einleuchtend: „Wahrscheinlich hat die Variante einen Immunescape-Vorteil in einer Bevölkerung, in der es (wie in Südafrika) keine BA.2-Welle gab. Die jetzt starke Beschleunigung der Inzidenzzunahme kommt naheliegenderweise durch den einsetzenden Verlust von Übertragungsimmunität nach der BA.1-Welle im Dezember.“

Corona: So erklärt Drosten die neue Welle in Südafrika

Durch die erste Omikron-Welle hat sich in der südafrikanischen Bevölkerung also höchstwahrscheinlich nur eine geringe Immunität ausgebildet. Denn bei milden oder asymptomatischen Verläufen einer Corona-Infektion – was bei Omikron-Fällen meist der Fall ist – werden nur wenige Antikörper vom Immunsystem gebildet. Auch ihre Konzentration nimmt schneller ab als bei schweren Verläufen oder Infektionen mit anderen Varianten.

Dies dürfte aus Drostens Sicht den starken Anstieg der Corona-Fallzahlen in den letzten Wochen erklären. Bisher würde es aber kaum Auswirkungen der Welle auf die Krankenhauseinweisungen zeigen – ob dies ein guten Zeichen sei, würde sich aber erst in den nächsten zwei Woche zeigen, so der Virologe.

Der Leiter der Virologie an der Berliner Charité ging in seinen Tweets auch noch auf das vermehrte Auftreten von BA-2-Stämmen mit zwei zusätzlichen Mutationen ein. Sie werden unter dem Titel BA.2.12.1 zusammengefasst. In den USA gibt es derzeit eine Zunahme von BA.2.12.1. Auch hier sei eine Virulenzerhöhung denkbar, sagt Drosten. Das würde bedeuten, dass BA.2.12.1 leichter übertragbar wäre als die ursprüngliche Omikron-Subvariante BA.2.

Omikron: Untervarianten bisher nur selten in Deutschland nachgewiesen

Mehrere der recht neuen Omikron-Sublinien und Mischvarianten sind nach Daten des Robert Koch-Instituts (RKI) bisher relativ selten oder gar nicht in Deutschland gefunden worden. Von der Linie BA.5 seien mit Stand 18. April insgesamt 25 Proben nachgewiesen, heißt es im RKI-Wochenbericht von Donnerstagabend. Der Anteil in einer Stichprobe betrug demnach vorletzte Woche 0,2 Prozent. Aktuellere Werte gibt es noch nicht.

BA.4 sei bislang nicht nachgewiesen worden. In Deutschland wird allerdings nur bei einem kleinen Anteil der positiven Proben das Erbgut entschlüsselt.

Corona in Deutschland: BA.2-Typ herrscht vor

Der in Deutschland vorherrschende Subtyp ist derzeit BA.2, in der Stichprobe gibt das RKI den Anteil für vorletzte Woche mit über 95 Prozent an. Er war – noch besser übertragbar – auf BA.1 gefolgt.

BA.4 und BA.5 sind erst kürzlich bekannt geworden und werden von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als Teil von Omikron als besorgniserregend einstuft. Nach WHO-Angaben kamen Nachweise aus Südafrika und einigen europäischen Ländern. Beide Sublinien wiesen teils andere Charakteristika als andere Omikron-Varianten auf, hieß es – aber Details sind noch offen. (bml mit dpa)

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.

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