Geschlechterrollen

So bekämpft Spanien jetzt sexistisches Kinder-Spielzeug

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Reklame für Puppen richtet sich meistens an Mädchen.

Reklame für Puppen richtet sich meistens an Mädchen.

Foto: YakobchukOlena / Getty Images / iStockphoto

Madrid.  Spanien verbannt stereotypes Kinderspielzeug und will Mädchen stärken. Immer mehr Länder machen Schluss mit „sexistischer Werbung“.

Glitzernde Puppen und rosafarbene Plüscheinhörner für die Mädchen, Autos und Actionfiguren für die Jungs – damit soll in Spanien Schluss sein. Spaniens Regierung, in der mehr Frauen als Männer sitzen und die zu Europas Vorreitern in der Gleichstellungspolitik zählt, hat zum Kampf gegen geschlechtsspezifisches Spielzeug aufgerufen.

Werbung, die sich nur an Mädchen oder nur an Jungen wendet, ist künftig verboten. Der Grund: Einseitige Werbung, in der Kindern eingeredet werde, es gebe typisch feminine oder maskuline Spielsachen, sei sexistisch.

Das findet Alberto Garzón, Spaniens Minister für Verbraucherschutz. Er sieht in stereotypem Spielzeug die Wurzel der Ungerechtigkeit zwischen den Geschlechtern. Das Spielzeug von heute, sagt er, präge die Gesellschaft von morgen.

Puppenwerbung soll auch Jungen ansprechen

„Spielen kennt kein Geschlecht“, so Garzón. Der 36-Jährige, selbst Vater zweier Töchter, schaffte es über sanften Druck, mit dem Dachverband der nationalen Spielwarenindustrie ein verbindliches Abkommen zu schließen. Die Hersteller verpflichten sich darin zu einer geschlechtsneutralen Produktwerbung. „Die Werbung wird in Zukunft zur Gleichstellung von Jungen und Mädchen beitragen“, verkündet Garzón.

Die wohl wichtigste Regel dieses Abkommens: „Die Unterscheidung von Spielsachen nur für Jungen oder nur für Mädchen ist verboten.“ In Spanien ist also Schluss mit pinken Lätzchen, auf denen „Prinzessin“ steht, und blauen mit der Aufschrift „kleines Genie“. Jegliches Spielzeug, egal ob es sich um einen Puppenwagen handelt oder um eine Autorennbahn, muss geschlechtsneutral beworben werden. Auch interessant:Spanien kämpft gegen Plastik – jetzt auch in Restaurants

Garzón denkt noch weiter. Auch die Sexualisierung von Spielsachen ist künftig verboten. Dazu gehört etwa eine als „sexy“ angepriesene Kleidung oder Aufmachung von Barbiepuppen. Gewaltverherrlichung bei der Bewerbung von Action-Spielfiguren ist ebenfalls nicht mehr erlaubt. Das Abkommen gilt für jede Spielzeugwerbung, die sich an Kinder unter 15 Jahren richtet.

Der Minister sagt, dass er handeln musste. Eine Erhebung des katalanischen Rundfunkrats hat ergeben: In 87 Prozent der Werbespots für Puppen tauchen ausschließlich Mädchen auf, während Jungs in der Werbung fast immer Entdecker, Abenteurer und Sieger sind.

Lego will Spielzeug nicht mehr kategorisieren

„Wenn wir den Mädchen über die Werbung vermitteln, dass ihre Spielsachen vor allem mit der Betreuung und Pflege zu tun haben, mit der häuslichen Welt, dann sagen wir ihnen letztlich als Gesellschaft, dass sie sich auch als Erwachsene diesen Aufgaben widmen müssen.“ Mit solchen Klischees werde nicht die Gleichstellung, sondern die klassische Rollenverteilung zwischen Mann und Frau gefördert.

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Nicht nur Spanien, immer mehr Länder und Unternehmen dulden keine klischeehaften Zuschreibungen mehr. Im US-BundesstaatKalifornien müssen Spielzeugläden ab einer bestimmten Größe Regale oder eine eigene Abteilung mit geschlechtsneutralen Produkten anbieten. Die dänische Firma Lego hat im vergangenen Herbst angekündigt, ihr Spielzeug weltweit nicht mehr nach Mädchen und Jungen kategorisieren zu wollen.

Der spanische Vorstoß ist in der Öffentlichkeit des früher so traditionellen Landes auf breite Zustimmung gestoßen. Spanien hat sich in den letzten Jahren unter dem sozialistischen Premier Pedro Sánchez zu einem Vorreiter im Kampf gegen die Diskriminierung der Frauen, gegen die Macho-Kultur und für die Gleichberechtigung entwickelt.

Minister Alberto Garzón, der während seiner Amtszeit schon gegen häufigen Fleischkonsum und zu viel Zucker ins Feld zog, weiß freilich, dass sein gut gemeintes Abkommen Schwächen hat. Denn es schließt nicht die elektronischen Video-, Konsolen- und Handyspiele mit ein, die in der Welt der Kinder und Jugendlichen eine immer größere Rolle spielen. Trotzdem sei die Absprache mit der nationalen Spielwarenindustrie richtungsweisend für Europa. Nur wenige Staaten, sagt er, seien bislang so konsequent wie Spanien.

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