Attentat

USA: 18-Jähriger erschießt zehn Menschen im Supermarkt

| Lesedauer: 7 Minuten
Die Polizei sichert die Umgebung nach Schüssen in einem Supermarkt in Buffalo.

Die Polizei sichert die Umgebung nach Schüssen in einem Supermarkt in Buffalo.

Foto: Derek Gee/The Buffalo News/AP/dpa

Washington.  Mutmaßlich aus rassistischen Motiven hat ein weißer Angreifer im US-Bundesstaat New York zehn Menschen erschossen und drei verletzt.

Die „Tops”-Supermarkt-Kette, die in US-Bundesstaaten New York, Vermont und Pennsylvania 150 Mal vertreten ist, trägt ausdrücklich das Prädikat „freundlich” im Namen. Am Samstagnachmittag machte die Filiale an der Jefferson Avenue im schwarzen Teil von Buffalo Bekanntschaft mit dem, was Bezirks-Sheriff John Garcia mit bebender Stimme „das reine Böse” nannte.

Payton Gendron, ein 18-jähriger, weißer Student der Ingenieurwissenschaft, erschoss dort bei einem offenbar minutiös vorbereiteten Massaker zehn Menschen und verletzte weitere drei. Elf Opfer sind Afro-Amerikaner. Viele Details deuten auf eine lupenreine Nachahmungstat hin.

Tote im Supermarkt: Staatsanwaltschaft geht von Hassverbrechen aus

Der aus dem dreieinhalb Autostunden südlich gelegenen Conklin bei New York City stammende Täter, der gemeinsam mit zwei Brüdern bei seinen Eltern gemeldet war, ist ausweislich eines von ihm im Internet verbreiteten 180-seitigen Pamphlets Faschist, Neonazi, Antisemit und Anhänger der Lehre von der „Vorherrschaft der Weißen” – white supremacy.

FBI und Staatsanwaltschaft gehen von einem „Hassverbrechen” und „rassistisch motiviertem gewalttätigen Extremismus” aus. Prominente Politiker in Washington bis hin zu Präsident Joe Biden zeigten sich „entsetzt”.

Gendron plädierte nach seiner Festnahme vor dem Haftrichter in der Stadt in der Nähe der Niagara-Fälle auf unschuldig. Ihm droht Haft bis ans Lebensende.

Schüsse in Buffalo wurden live übertragen

Gendron hatte den bislang folgenschwersten Massenmord dieses Jahres in Amerika mit einer GoPro-Kamera am militärischen Schutzhelm live auf „Twitch" übertragen. Der Streaming-Dienst gehört zu Amazon und wird vorwiegend von Videospiel-Fans frequentiert. Schon Stephan Balliet, der Doppelmörder von Halle 2019, nutzte die Plattform in gleicher Angelegenheit.

Unter der inzwischen gelöschten Kennung „jimboboiii” dokumentierte der in Militär-Camouflage gekleidete Gendron bereits seine Anfahrt im Auto auf den Supermarkt in einem von Schwarzen dominierten Stadtteil Buffalos. Gut zu sehen: das halbautomatische Schnellfeuergewehr auf dem Beifahrersitz.

Wenig später steigt Gendron aus und beginnt auf dem Parkplatz vor dem Eingang des am Samstagnachmittag von vielen Wochenend-Einkäufern besuchten Geschäfts zu schießen. Mindestens drei Menschen sterben hier; auch durch Kopfschüsse.

Polizei stellt sich am Tatort ein „Horror-Film“ dar

Nach Betreten des Supermarktes legt er laut Polizei wahllos auf Kunden und Angestellte an. Unter den Toten ist auch ein ehemaliger Cop, der sich nach der Pensionierung hier als Security Guard verdingt hatte. Sein Schuss auf den Todesschützen prallt von dessen schusssicherer Weste ab.

Als die Polizei wenig später am Tatort eintrifft, stellt sich ihnen ein „Horror-Film” dar - „nur, dass alles echt ist”.

Gendron hält sich eine Waffe an den Hals und droht damit, sich zu erschießen. Die Beamten überreden ihn zur Aufgabe. Augenzeugen berichten Reportern später, dass der Todesschütze „in aller Seelenruhe Waffe und Teile seiner militärischen Ausrüstung ablegte, sich hinkniete und widerstandslos festnehmen ließ”.

USA: 18-Jähriger berichtet über Radikalisierung

In seinem „Manifest” bekundete Gendron neben vielen akribisch aufgelisteten Details über die Vorbereitung der Tat, dass er durch die schon bei vielen Gewaltverbrechen auffällig gewordene Rechtsaußen-Internetforum „4chan” radikalisiert wurde und sich insbesondere durch Brenton Tarrant „inspiriert” fühlte.

Der gebürtige Australier hatte 2019 in Christchurch/Neuseeland, ebenfalls live gestreamt, in zwei Moscheen 51 Menschen umgebracht und ebenso viele verletzt.

Tarrant hatte in seinem Bekennerschreiben direkt Bezug genommen auf eine in rechtsterroristischen Kreisen weltweit als Bibel geltende Schrift des französischen Autors Renaud Camus, der auch die rechtsextremen „Identitären” in Deutschland ideologisch aufgeladen hat.

„Grand Remplacement“: Darum geht es bei der Verschwörungstheorie

In „Grand Remplacement“ (Großer Bevölkerungsaustausch) wird die Verschwörungs-These formuliert, dass in den USA wie in Europa linke Eliten die Vorherrschaft der Weißen durch Immigration gezielt zerstören wollten, so dass weiße „Einheimische“ schrittweise durch Zugewanderte ersetzt würden. Es ist das Leit- und Angstmotiv rechtsextremer Kreise schlechthin.

Gendron macht in den USA „hoch fruchtbare Einwanderer” aus, die das demographische Gefüge völlig aushebelten. Sich gegen den „Genozid” an den Weißen zu stellen, empfinde er als seine Pflicht. Dass Gendron gezielt eine überwiegend von Afro-Amerikanern bewohnte Gegend ins Visier nahm, folgt seinem rassistischen Weltbild: „Alle schwarzen Menschen sind nur Platzeinehmer („replacer”), allein weil sie in weißen Ländern existieren.”

Neben Tarrant bezieht sich Gendron namentlich auf weitere Massenmörder, die weltweit Schlagzeilen geschrieben haben:

  • Auf den weißen Rassisten Dylan Roof, der 2015 in Charleston, South Carolina, neun schwarze Kirchgänger erschoss.
  • Auf den Neonazi Robert Bowers, der 2018 in der Pittsburgher Tree-of-Life-Synagoge elf Menschen tötete und sieben weitere verletzte.
  • Auf Patrick Wood Crusius, der 2019 im Alter von 21 Jahren in El Paso/Texas in einem Walmart-Supermarkt gezielt auf Latinos Jagd machte und 23 Menschenleben auslöschte.
  • Auf den norwegischen Rechtsextremisten Anders Breivik berief, der 2011 in Oslo und auf der Insel Utøya 77 Menschen tötete.

Alle werden in einschlägigen Foren des Internets als Helden verehrt.

USA: „White Replacement“-Bewegung im politischen Mainstream

J.J. MacNab vom bekannten Extremismus-Programm der George Washington Universität in der amerikanischen Hauptstadt weist darauf hin, dass viele Versatzstücke der „White Replacement”-Bewegung längst Eingang gefunden haben in den politischen Mainstream. So reden diverse republikanische Kongress-Abgeordnete, die sich Ex-Präsident Donald Trump ideologisch nahe fühlen, seit Langem davon, dass die Demokraten die weiße Mehrheit gegen Muslime oder nichtweiße Einwanderer (Latinos etc.) austauschen wollten. Darum, behaupten sie wahrheitswidrig, sei die Grenze zu Mexiko quasi „offen”.

In fast deckungsgleicher Wortwahl äußert sich regelmäßig mit Tucker Carlson einer der wirkungsmächtigsten TV-Moderatoren des Senders Fox News. „Um zu gewinnen und an der Macht zu bleiben, planen die Demokraten die Bevölkerung dieses Landes zu ändern”, sagte der Multi-Millionär in einer Sendung im vergangenen Jahr und schwadronierte davon, dass die Partei Joe Bidens „bewusst obrigkeitshörige Wähler aus der Dritten Welt importiert, um das bestehende Wahlvolk auszutauschen”. Die Bürgerrechts-Organisation „Anti-Defamation League” (ADL) forderte damals vergebens den Rauswurf von Carlson.

MacNab und andere geben Carlson und weiteren Stichwortgebern im rechtspopulistischen Lager Mitschuld an Katastrophen wie in Buffalo: „Die, die solche Ideen verbreiten, sind zu tadeln, nicht nur jene, die den Abzug betätigen.” Dass Payton Gendron dies übrigens im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte tat, beteuert er selbst. „Bei mir wurde nie eine mentale Störung diagnostiziert”, schreibt er, „ich glaube, ich bin vollkommen zurechnungsfähig.“ Katy Hochul, die Gouverneurin des Bundesstaates New York, nennt Gendron einen „rechtsextremistischen Terroristen”, der für immer weggesperrt gehöre.

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de

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