Interview

Lauterbach: "Leute rufen regelmäßig zu meiner Ermordung auf"

| Lesedauer: 10 Minuten
Lauterbach empfiehlt vierte Corona-Impfung auch Unter-60-Jährigen

Lauterbach empfiehlt vierte Corona-Impfung auch Unter-60-Jährigen

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) empfiehlt auch Menschen unter 60 Jahren eine vierte Corona-Impfung. Damit geht er über die Empfehlungen von EU und Ständiger Impfkommission hinaus.

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Berlin.  Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) spricht im Interview über den Corona-Herbst, die Anti-Covid-Pille Paxlovid und Morddrohungen.

Karl Lauterbach kommt nicht allein zum Interview. Seine Tochter ist dabei, die Teenagerin hat gerade Schulferien. Sie setzt sich mit an den großen Tisch im Ministerbüro und hört aufmerksam zu, was ihr Vater sagt – über den Corona-Herbst, die unterschätzte Wirkung der Anti-Covid-Pille Paxlovid – und über die Morddrohungen, die der SPD-Politiker bekommt.

Herr Lauterbach, Leute wie Sie gehören inzwischen zu einer Minderheit. Wie haben Sie es geschafft, sich bis heute nicht zu infizieren?

Karl Lauterbach: Ich bin sehr, sehr vorsichtig. Ich trage fast immer FFP2-Masken und bin viermal geimpft. Hier im Ministerium testen wir uns jeden Tag, und wir tragen weiterhin Masken. Bei Sitzungen nehme ich die Maske meistens nur dann ab, wenn ich spreche. Trotzdem kann es mich täglich treffen bei den vielen Kontakten.

Trauen Sie den Schnelltests?

Lauterbach: Schnelltests funktionieren relativ gut, wenn die Viruslast hoch ist. Schnelltests sind also gut geeignet, um herauszufinden, ob jemand sehr ansteckend ist. Bei Geimpften ist der Schnelltest nach einer Infektion gerade am Anfang aber oft noch negativ.

Wie hart wird der Corona-Herbst?

Lauterbach: Der Herbst wird vermutlich sehr schwierig. Wahrscheinlich wird weiterhin die Omikron-BA.5-Variante vorherrschend sein. Es ist die bisher ansteckendste Variante. Sie setzt sich über die bisherigen Impfungen und überstandene Infektionen hinweg. Selbst diejenigen, die viermal mit den bisherigen Impfstoffen geimpft wurden, haben gegenüber BA.5 nur einen Schutz vor Infektion von weniger als 40 Prozent. Die Wahrscheinlichkeit, ins Krankenhaus zu kommen, ist höher als bei der BA.1- oder BA.2-Variante, aber für Geimpfte viel geringer. Wir werden deswegen aus zwei Gründen im Herbst in Bedrängnis kommen: Es wird sehr viele Ausfälle beim Klinikpersonal geben, gleichzeitig wird die Zahl der Covid-Patienten auf den Normal- und Intensivstationen deutlich steigen. Ich befürchte, dass es zu Überlastungen der kritischen Infrastruktur und der Krankenhäuser kommen kann.

Es gibt viele, die genervt sind von Ihren Warnungen.

Lauterbach: Ich erlebe öfter etwas Anderes: Wenn ich Menschen auf der Straße treffe, bedanken sich viele bei mir. Auch dafür, dass ich eine realistische Einschätzung der Lage liefere. Neulich war ich mit meiner Tochter in einem Geschäft in Berlin-Mitte, da bildete sich eine Traube von Leuten, die sich bedanken wollten.

Aber es gibt auch sehr feindselige Begegnungen...

Lauterbach: Jeden Tag wird in den sozialen Netzwerken zu Gewalt gegen mich aufgerufen, Leute rufen regelmäßig – teilweise sogar mit Klarnamen – zu meiner Ermordung auf.

Eine österreichische Ärztin wurde jetzt durch solche Drohungen offenbar in den Tod getrieben. Schützt der Staat die Ärzte ausreichend?

Lauterbach: Ich selbst erfahre ungefähr die höchste Sicherheitsstufe, die es für Politiker in Deutschland überhaupt gibt. Ich fahre immer mit zwei gepanzerten Fahrzeugen vor. Das gab es für einen Gesundheitsminister wahrscheinlich noch nie. Ich bin also sehr gut geschützt. Die österreichische Kollegin dagegen musste den Schutz selbst bezahlen und konnte sich das nicht mehr leisten. Ich verachte und verabscheue die Hetzer im Netz, die diese Frau in den Tod getrieben haben. Exponierte Ärztinnen und Ärzte müssen von den Bundesländern ausreichend geschützt werden.

In vielen anderen europäischen Ländern ist die Isolationspflicht abgeschafft. Wie lange wird Deutschland daran festhalten? Solange es das Virus gibt?

Lauterbach: Man muss folgendes Szenario bedenken: Im Herbst wird die BA.5-Variante eine große Rolle spielen. Wenn die Zulassung schnell erfolgt, werden wir Ende September die neuen, an Omikron angepassten Impfstoffe haben. Dann wird sich möglicherweise eine bessere Immunisierung in der Bevölkerung aufbauen, weil diese Impfstoffe gut wirken. Die Lage würde sich entspannen, wenn es bei Omikron-Varianten zunächst bliebe. Das weiß aber niemand bisher. Und jetzt gilt: Ohne Isolationspflicht würden mehr Menschen sterben, mehr Menschen würden chronisch krank. Es gibt epidemiologisch keinen Grund, darauf zu verzichten.

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Wie viele Impfstoffe kommen im Herbst neu dazu?

Lauterbach: Es gibt wahrscheinlich dann vier neue Impfstoffe. Zwei Impfstoffe von Biontech und Moderna, die an den Subtyp BA.1 angepasst sind und zwei, die speziell gegen den Subtyp BA.5 wirken. Sie werden nicht nur gegen schwere Verläufe schützen, sondern auch in hohem Maße gegen eine Infektion.

Was passiert mit den alten Impfstoffen?

Lauterbach: Sobald bessere Impfstoffe auf dem Markt sind, werden die anderen mehr oder weniger wertlos. Auch die ärmeren Länder werden diese Dosen nicht übernehmen. Wir müssen dann Impfstoffdosen, die noch von der letzten Regierung bestellt worden waren, vernichten.

Wochenlang haben Sie mit Justizminister Marco Buschmann um neue Regeln im Infektionsschutzgesetz gerungen. Jetzt steht der Kompromiss. Geht Deutschland diesmal gut vorbereitet in den Herbst?

Lauterbach: Ich glaube, dass das Paket sehr gut ist. Wir sind für den Herbst gerüstet. Es schützt uns gleichzeitig vor einer Überlastung durch zu viele Covid-Patienten und einer kritischen Lage durch Personalausfälle.

Wie messen wir künftig die pandemische Lage?

Lauterbach: Wir setzen auf eine Kombination aus Inzidenz, Einweisungen in die Kliniken und Abwasseruntersuchungen. Wir werden dazu im Herbst aus jeder Klinik tagesaktuell die Zahlen der mit Corona-Patienten belegten und die freien Betten haben. In ausgewählten Krankenhäusern soll zudem erhoben werden, wer mit und wer wegen Corona in die Klinik kommt. Darüber hinaus werden wir die Abwasserdaten flächendeckend haben. Es wird genug Standorte geben, um zu sagen, wie sich die Pandemie entwickelt, ob die Kurve hoch oder runter geht. Wir streben dazu Standorte in allen Bundesländern an. Oberstes Ziel muss es sein, die Zahl der Corona-Opfer zu senken. Was nützt es, wenn die Kliniken nie überlastet waren, aber ein großer Teil der Pflegeheimbewohner gestorben ist.

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Gegen einen schweren Corona-Verlauf helfen Impfungen – aber auch das antivirale Medikament Paxlovid. Es ist seit Januar in der EU zugelassen. Vor zwei Monaten hat der Expertenrat einen breiteren Einsatz angemahnt. Warum wird die Anti-Covid-Pille in Deutschland so selten eingesetzt?

Lauterbach: Das hat mehrere Gründe. In der Bevölkerung, aber auch in der Ärzteschaft halten leider viele eine Infektion mit der Omikron-Variante für nicht gefährlicher als eine Grippe. Dementsprechend halten sie ein starkes Medikament wie Paxlovid nicht für nötig. Viele unterschätzen zudem, wie stark Paxlovid die Sterblichkeit senkt. Und drittens ist Paxlovid schwer einzusetzen, weil das Prozedere der Abgabe im Moment noch zu kompliziert ist.

In den USA ist das anders…

Lauterbach: In den USA werden pro Tag rund 40.000 Menschen mit Paxlovid behandelt. Bei uns ein paar hundert. Wir haben bislang weniger Paxlovid eingesetzt als die USA an einem Tag einsetzen. Obwohl wir mehr als eine Millionen Dosen eingekauft haben.

Viele haben Angst vor Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten.

Lauterbach: Es gibt Ärzte, die setzen Paxlovid nicht ein, weil sie innerhalb der fünf Tage, in denen das Medikament gegeben wird, andere Medikamente absetzen müssen. Der mögliche Nachteil, den sie damit eingehen, wird aber mehrfach aufgewogen durch die Vorteile von Paxlovid: Je mehr Risikofaktoren jemand hat, desto stärker senkt Paxlovid die Sterblichkeit. Wenn jemand älter ist, an Diabetes leidet und schon mal einen Schlaganfall hatte, dann sinkt die Sterblichkeit um bis zu 90 Prozent. Für Ältere ist Paxlovid lebensrettend, wenn es schnell eingesetzt wird.

Was soll sich jetzt ändern?

Lauterbach: Wir wollen, dass Risikopatienten und Menschen über 60 Jahre schneller mit Paxlovid versorgt werden. Ab nächster Woche wird deswegen die Abgabe neu geregelt: Die Hausärzte dürfen das Medikament künftig selbst an die Patienten abgeben, ohne den Umweg über die Apotheke. Der Arzt darf also die Therapie direkt in seiner Praxis beginnen. Daneben werden in Zukunft alle Pflegeeinrichtungen Paxlovid für den Notfall vorrätig haben. Wir haben mit dem Infektiologen Leif Erik Sander und dem Intensivmediziner Christian Karagiannidis eine Liste erarbeitet, für welche Patienten Paxlovid sinnvoll ist, damit es schnell und unbürokratisch angewendet werden kann. Künftig gilt: Wer über 60 Jahre alt ist und einen positiven PCR-Test hat, bekommt jetzt zusammen mit dem Befund den Hinweis auf Paxlovid. Wer zu Hause einen positiven Schnelltest hat, kann künftig den Hausarzt anrufen, bekommt von diesem Paxlovid verschrieben und von der Apotheke geliefert.

US-Präsident Joe Biden hat Paxlovid bekommen – und war nach ein paar Tagen erneut positiv. Wie kann das sein?

Lauterbach: Er ist nicht ein zweites Mal erkrankt. Die Viruslast ist wahrscheinlich wieder angestiegen, nachdem er das Medikament abgesetzt hatte. Das ist in einzelnen Fällen möglich. Sein Risiko ist dadurch aber nicht wieder gestiegen.

Hilft Paxlovid auch gegen Long Covid?

Lauterbach: Ältere mit schweren Verläufen haben ein besonders hohes Long-Covid-Risiko. Daher schützt Paxlovid wahrscheinlich diese Menschen. Aber eine Studie dazu gibt es noch nicht.

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.

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