Lengeder Teiche – alle Vögel sind längst nicht mehr da

Lengede.  Das Gebiet droht seinen EU-Schutzstatus zu verlieren. Die Austrocknung und Verlandung ist weiter vorangeschritten, auch in Wierthe.

Der vordere der Lengeder Teiche (wenn man vom Vallstedter Weg hoch kommt) hat nur noch eine grüne Bewuchsfläche, wo früher mal Wasser war.

Der vordere der Lengeder Teiche (wenn man vom Vallstedter Weg hoch kommt) hat nur noch eine grüne Bewuchsfläche, wo früher mal Wasser war.

Foto: Arne Grohmann

Seit vielen Jahren engagiert sich Prof. Ulrich Reimers mit der Landesfachgruppe AviSON des NABU für die Lengeder Teiche. Zuletzt konnte er dort vor allen Dingen nur noch „viele ausgetrocknete Teiche fotografieren“. Das ist nicht gut, besonders für die diversen geschützten Vogelarten, die dort sonst zuhause waren. Eine aktuelle Untersuchung bestätigt den drastischen Wandel des Teichgebietes, das seinen EU-Schutzstatus verlieren könnte.

Ulrich Reimers verweist auf die ornithologische Zeitschrift „AVES Braunschweig“ der Arbeitsgruppe Avifauna Süd-Ost-Niedersachsen (AviSON, 11/2020), die soeben erschienen ist. Darin geht es unter anderem um die „Brutvogelerfassung 2019 im EU-Vogelschutzgebiet V50 Lengeder Teiche“. Der Aufsatz fasse die Ergebnisse einer vom Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) offiziell beauftragten Studie zusammen und dokumentiere den im Vergleich zum Zeitpunkt der Ausweisung des Gebietes als Naturschutzgebiet dramatisch verschlechterten Zustand. Besonders die Folgen der Trockenheit der vergangenen Jahre seien sichtbar.

Nur noch Grün statt Wasser

Wer vom Vallstedter Weg in Lengede hoch zu den Teichen geht, bekommt gleich an der ersten „Sichtschneise“ des ersten Teiches links erstmal einen grünen Schock: Es ist nun nicht einmal mehr eine Schlammfläche da, auf der sich zuletzt ab und zu noch Regenwasser sammelte. Zu sehen ist nur noch die Umrandung mit Schilf und anderen Pflanzen, die eigentliche Wasserfläche ist komplett flach zugewachsen.

Auch in Wierthe sieht es schlecht aus

Und es sieht danach aus, dass die Verlandung nun immer schneller voranschreitet. Ideen, den Lengeder Teichen Wasser zuzuführen, erteilt Ulrich Reimers eine Absage. Er verweist auf die ähnlich leidenden Teiche bei Wierthe. Dort habe er etwa 6000 Liter pro Stunde pumpen können. „Ich musste mich dann doch geschlagen geben, die Wassermenge reichte nicht mal für einen Teich.“

Pumpen stoßen an ihre Grenzen

„Hier hat die Trockenheit alle Teiche, die nicht mit Folien ausgestattet sind, zu Pappelplantagen etc. umgewandelt. Ausgetrocknet sind die vier ehemals besonders wertvollen Wasserflächen“, sagt Ulrich Reimers. Die Folienteiche in Wierthe hätten den Charakter von Wasserbecken. Der einstmals größte Teich existiere nicht mehr. „Die Brunnenpumpe, mit der es möglich war, in diesem Teich so viel Wasser einzubringen, dass die für die rastenden Vögel besonders bedeutenden Schlammflächen erhalten werden konnten, musste ich (wohl für immer) abstellen. Sie schaffte es nicht mehr“, so der Experte weiter.

Befürchtungen bestätigt

Mit der jüngsten Erhebung der Gutachter zu den Lengeder Teichen steht nun nach einer anerkannten Untersuchungsmethode fest, dass die Beobachtungen der vergangenen Jahre, dass zunehmend geschützte Vogelarten nicht mehr nach Lengede kommen, absolut berechtigt waren.

Andreas Hugo und Gotthard Steiner fassen das in ihrem Aufsatz zu der Brutvogelerfassung im Frühjahr und Sommer 2019 auf mehreren Seiten zusammen. Gleich zu Beginn erwähnen sie, dass die früheren Klärteiche aus dem Bergbau ausschließlich durch Niederschlagswasser gespeist werden und die Wasserstände schwanken und besonders im Sommer stark absinken können. Sie seien (bisher) Brut- und Rastgebiet für zahlreiche im Bestand gefährdete Vogelarten gewesen.

Es ging um eine Revierkartierung durch sechs Begehungen zwischen Anfang April und Mitte Juli, zwei davon nachts. Der Schwerpunkt lag auf den Wasser- und Röhrichtbereichen, denn dort halten/hielten sich viele der Vögel auf, die maßgebend für den EU-Schutzstatus der Lengeder Teiche sind.

Die Rohrdommel ist weg

Einige der Ergebnisse der jüngsten Untersuchung: Die Rohrdommel ist als Brutvogel verschwunden. Der Brutbestand der Rohrweihe ist von fünf im Jahr 1999 auf eins eingebrochen. Statt 18 Nachtigallen brüten noch 3.

Insgesamt 72 Vogelarten wurden gesichtet, davon 55 als Brutvögel. Einige sind sogar neu hinzugekommen, aber insgesamt gehen die nachweisbaren Bestände an den Lengeder Teichen zurück. Die Rede ist unter anderem von „Durchzüglern“, „Brutverdachten“ oder nur „Beobachtungen“. Es gibt Zusammenfassungen zu jeder Vogelart. Bei den Beständen geht es um abnehmend, stagnierend oder zunehmend.

Beutegreifer und Nesträuber haben es nun leichter

In dem Aufsatz werden auch die Gefährdungen des EU-Schutzgebietes erläutert. Sinkende Wasserstände

durch Trockenheit haben Auswirkungen: Wer bisher, vom Wasser umgeben, im dichten Schilf brütete, kann nun auf dem Landweg erreicht werden - auch von Beutegreifern und Nesträubern. Und das sich immer mehr ausbreitende Grün ziehe auch wieder eigenes Wasser, beschreibt Ulrich Reimers die Abwärtsspirale.

Besonders Wildschweine machen sich in den Röhrichtbereichen breit, heißt es weiter in dem Artikel. Das störe die brütenden Vögel. Das Verschwinden der Rohrdommel und anderer Arten könne eine Folge eines zu hohen Wildschweinbestandes sein. Auch ein Waschbär sei gesichtet worden.

Störungen der Brutvögel durch Spaziergänger, Jogger oder Radfahrer werden „als gering“ eingeschätzt, da die Uferzonen quasi kaum zu erreichen seien. Die noch vorhandenen Sichtschneisen an den Wegen um die Teiche seien positiv, da sie wenigstens hier und da den Blick auf einen der Teiche möglich machen und so Menschen womöglich davon abhielten, die sensiblen Uferzonen zu betreten.

Brunnen nicht möglich wegen des Bergbaus

„Es gibt im östlichen Gebietsteil, wie im westlichen, eigentlich nur noch ein Gewässer, alles andere ist weg“, sagt Ulrich Reimers über die Lengeder Teiche. Und auch die Idee, Brunnen zu bohren, um die Teiche mit Grundwasser aufzufüllen, sei verworfen worden. Viel zu gefährlich! Wegen der Hohlräume und Stollen aus der Bergbauzeit.

Am vorderen Teich steht inzwischen auch ein Schild, das auf die „Einsinkgefahr“ hinweist, damit die frühere Wasserfläche nicht betreten wird – zu gefährlich!

NLWKN sieht keine Gefährdung des EU-Schutzstatus

Das NLWKN teilte am Freitag zur Anfrage unserer Zeitung zu den Lengeder Teichen zunächst allgemein mit: „Das EU-Vogelschutzgebiet V50 Lengeder Teiche ist als EU-Vogelschutzgebiet an die EU gemeldet. Ein Verlust dieses Status steht nicht in Rede und ist auch nicht zu befürchten, da ein EU-Vogelschutzgebiet nicht einfach ohne Weiteres gelöscht werden kann. Dafür wäre ein umfangreiches Verfahren nötig, das weder im Interesse der EU noch des Landes ist.“

Mit der Meldung sei das Land Niedersachsen vielmehr die Verpflichtung eingegangen, die dort maßgeblichen Schutzobjekte (ausgewählte Vogelarten) in einem günstigen Erhaltungszustand zu erhalten/ dahin zu entwickeln und dafür ggf. bestimmte Maßnahmen durchzuführen (z.B. rechtliche Sicherung, Aufstellen von Managementplanungen mit Maßnahmenformulierungen). In Niedersachsen seien dafür jeweils die unteren Naturschutzbehörden (hier beim Landkreis Peine) zuständig.

Landkreis Peine für Maßnahmen zuständig

Der Landkreis Peine kündigte bereits an, die Anfrage unserer Zeitung im Laufe der nächsten Woche zu beantworten. In früheren Stellungnahmen war von der Naturschutzbehörde bereits darauf hingewiesen worden, das ursprünglich die Verlandung der Lengeder (Klär-) Teiche von Anfang an vorgesehen oder erwartet worden war.

Von der Gemeinde Lengede gab es bisher keine Antwort auf die Anfrage unserer Zeitung zu Zustand und Zukunft der Lengeder Teiche.

Das Heft „AVES Braunschweig“ gibt es in Braunschweig bei der Buchhandlung Graff, es kostet 6 Euro.

So hatten wir zuletzt über die Lengeder Teiche berichtet:

Lengeder Teiche – Bürger in Sorge wegen des Klärschlamms

Abschied vom ersten der Lengeder Teiche

Ein Lengeder Ausflugsziel verschwindet

EU-Schutzstatus der Lengeder Teiche wird erst 2019 überprüft

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