"Diese Woche"-Podcast: Fußballspiele und unnötige Corona-Risiken

Braunschweig.   Chefredakteur Armin Maus spricht im Podcast über das Spiel FC Bayern München gegen FC Sevilla, den zukünftigen Umgang mit Corona und Verantwortung.

Bei dem Spiel Bayern München gegen Sevilla waren mehr als 15.000 Zuschauer anwesend.

Bei dem Spiel Bayern München gegen Sevilla waren mehr als 15.000 Zuschauer anwesend.

Foto: Tibor Ilyes/EPA Pool/AP/dpa

Vor „nicht notwendigen, touristischen Reisen in die Hauptstadt Budapest wird derzeit aufgrund hoher Infektionszahlen gewarnt“. So klar und simpel steht es in der Reisewarnung des deutschen Außenministeriums. Budapest, die Kapitale Ungarns, ist Risikogebiet, die Infektionsrate liegt jenseits 50 pro 100000 Einwohner in sieben Tagen. Der FC Bayern München und der FC Sevilla mussten dennoch hin.

Das Duell des Champions League Gewinners und des Siegers in der Europa League ist eine der Begegnungen, die weltweit beachtet werden. Die Austragung wäre vielleicht selbst im Risikogebiet vertretbar gewesen, so lange die Spieler unter sich und die strengen Testregimes gewahrt blieben. Aber so war es nicht. Mehr als 15.000 Fans durften ins Stadion, die Puskás Aréna, die regulär mehr als 67000 Plätze bietet. Darunter waren natürlich auch welche des FC Bayern München, die weder das Risiko einer schweren Erkrankung noch Testpflicht und Quarantäne scheuten.

Gerichtsverfahren gegen das Land Tirol

Man kann feststellen, dass nach inzwischen über 30 Millionen festgestellten Infektionen und fast einer Million Toten noch immer nicht jeder verstanden hat, um was es geht. Die Sender Sky und DAZN sind da schon so etwas wie Oasen der Vernunft – sie verzichteten darauf, ihre Mitarbeiter dem Risiko vor Ort auszusetzen. Die Kommentatoren machten ihre Arbeit am Fernsehbildschirm. Es wird auch von Fans berichtet, die unter dem Eindruck der Reisewarnung einen Rückzieher machten. Alle anderen, auch die Union der europäischen Fußballverbände, die UEFA, müssen sich fragen lassen, ob sie noch bei Sinnen sind.

Schon ganz am Anfang der Corona-Ausbreitung in Europa stand unverantwortlicher Leichtsinn. Über den Corona-Hotspot Ischgl konnte sich das Virus verbreiten, weil die Behörden die Interessen der Tourismus-Branche ganz offensichtlich wichtiger nahmen als den Gesundheitsschutz. Diese Woche informierte ein österreichischer Verbraucherschutzverein die Öffentlichkeit, dass er gegen die Republik Österreich und das Land Tirol vor Gericht ziehen wird – im Namen von rund 1000 Urlaubern. Die staatlichen Stellen hätten zu spät und nicht nachdrücklich genug vor der Gefahr gewarnt.

Russisches Roulette mit der Gesundheit der Mitmenschen

An der Berechtigung des Vorwurfes gibt es keinen ernsthaften Zweifel. Dieses Verfahren wird die Verantwortung der Behörden ausleuchten. Und es wird zeigen, was Corona mit Menschen machen kann. Jene Corona-Skeptiker, die die ganze Pandemie für eine Ausgeburt der Hysterie halten, sollten sich die Aussagen derer anhören, die nach Ischgl gefahren waren, um Ski zu fahren und es sich auch sonst gut gehen zu lassen und jetzt fürs Leben gezeichnet sind. Todesfälle, schwere Lungenschäden mit unabsehbaren Folgen für die Lebenserwartung, kompletter Verlust des Geschmacks- und Geruchssinnes sind die nachgewiesenen Folgen eines schweren Verlaufs von Covid-19.

Natürlich gibt es auch zahlreiche Infektionen, die gänzlich ohne Symptome verlaufen. Viele Infektionen verlaufen undramatisch. Aber darf man das als Entwarnung deuten, angesichts einer in keiner Weise vorhersehbaren, potenziell tödlichen Krankheit? Wer mit solcher Bedrohung leichtfertig umgeht, muss wissen, dass er mit seiner und der Gesundheit seiner Mitmenschen Russisches Roulette spielt.

Höchste Neuverschuldung in der Geschichte der Bundesrepublik

Und er spielt mit unserer wirtschaftlichen Zukunft. Sechs Monate nach dem Lockdown wissen wir, welchen hohen Preis wir für die Eindämmung der Pandemie bezahlt haben und weiter bezahlen. Freiberufler, Kulturschaffende, ganze Branchen liegen wirtschaftlich am Boden. Wir stehen vor einem Herbst und Winter, in dem mit Massenentlassungen selbst in solchen Bereichen zu rechnen ist, die vor Corona in Bestform waren.

Um diesen Aderlass zu begrenzen, haben Bundesregierung und Bundestag in diesem Jahr die höchste Neuverschuldung in der Geschichte der Bundesrepublik beschlossen. Für nächstes Jahr soll es nach dem Entwurf von Finanzminister Scholz die zweithöchste werden. Und wie diese Schulden finanziert werden sollen, weiß er selbst nicht. In seinem Entwurf steht der euphemistische Begriff „Handlungsbedarf“ – was nichts anderes ist als die Verschleierung der tatsächlichen Ratlosigkeit. Die Länder stehen vor derselben Situation.

Auf das Notwendige konzentrieren

Eine zweite massive Infektionswelle dürfen wir nicht zulassen, einen zweiten Lockdown können wir uns nicht leisten. Deshalb kann es nur einen Weg geben. Wir müssen uns an die Vorsichtsmaßnahmen halten. Bei denen, die es nicht einsehen, müssen die Corona-Regeln durchgesetzt werden – nicht von Schaffnern und Busfahrern, sondern von den Ordnungskräften des Staates. Und wir müssen uns auf das wirklich Notwendige konzentrieren.

Das oberste Ziel muss sein, Schulen, Universitäten und Unternehmen arbeitsfähig zu halten. Alles andere hat dahinter zurückzutreten, so schmerzhaft es ist. Wenn in einer Region die Infektionszahlen deutlich steigen, darf vieles nicht mehr möglich sein. Das gilt für die Zulassung von immer mehr Fußballfans im Stadion genauso wie für alle anderen Bereiche, die schön, aber nicht lebensnotwendig sind.

Sport schafft kein Vergnügen mehr

Es hat auch keinen Sinn, den Breitensport auszuklammern. Kontaktsportarten sind nun einmal mit erheblichen Infektionsrisiken verbunden. Wenn in immer mehr Ligen, in immer mehr Staffeln Spiele ausfallen, weil es Corona-Verdachtsfälle gibt, schafft auch der Sport nicht mehr Vergnügen, sondern schlaflose Nächte und schlimmstenfalls größte Probleme für alle. Das ist selbst die schönste Nebensache der Welt nicht wert.

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