"Diese Woche": Über die Grenzen des Sagbaren

Chefredakteur Armin Maus spricht im Podcast über Hate Speech im Internet, geistige Brandstiftung und Konsequenzen, die daraus folgen.

Eine Frau schaut sich auf dem Gendarmenmarkt eine Mauer mit Steinen aus Styropor an, auf die sogenannte "hate speech" gedruckt ist (Symbolbild).

Eine Frau schaut sich auf dem Gendarmenmarkt eine Mauer mit Steinen aus Styropor an, auf die sogenannte "hate speech" gedruckt ist (Symbolbild).

Foto: Foto: Britta Pedersen/zb/dpa

Je länger man vor der Tür zögert, desto fremder wird man. - Franz Kafka

Wir leben in einer Zeit, in der die Grenzen des Sagbaren weit verschoben sind. Das ist nichts, auf was wir stolz sein sollten. Sprache, die ein Mittel der Verständigung ist, wird in den Händen von Extremisten zu einem Schwert, das jeden Menschlichkeit, jede Differenzierung kurz und klein schlägt, das Gegensätze herstellt und Gräben aufreißt, wo die Suche nach dem Miteinander und der Brückenbau die einzig sinnvolle Antwort auf real existierende Probleme wären. Das Wort von der geistigen Brandstiftung war selten aktueller als heute.

Die Rede des Bundestagspräsidenten Philipp Jenninger vom 10. November 1988 liest sich heute wie die Blaupause, nach der die Verharmlosung des Rassismus und des Naziterrors bis heute funktioniert. Die „staunenerregenden Erfolge Hitlers“, die „eine nachträgliche Ohrfeige für das Weimarer System“ gewesen seien, die Beschwörung des antidemokratischen Klischees vom „Parteiengezänk“ – damals dachten manche noch, diese Formulierungen hätten nur die Wahrnehmung der Mitläufer zutreffend beschrieben. Sie irrten. Seit dieser Rede ist es in Deutschland möglich, Verständnis dafür zu äußern, dass eine Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger mörderischen Rassismus unterstützte. Seither scheint es legitim zu sein, über deutsche Geschichte zu sprechen und dabei die Ermordung von Millionen Juden, das Sterben von Soldaten und Zivilisten im Weltkrieg auszublenden. Jenninger trat zurück, der Dammbruch blieb. Heute werden im Bundestag, in den Landtagen, auf Versammlungen, auf Straßen und Plätzen Dinge gesagt, die vor 1988 nur verschämt, mit misstrauischen Blicken über die Schulter oder im privatesten Kreis geäußert worden wären.

Die Nazi-Ideologie lacht vom Müllhaufen der Geschichte herüber

„Aber ist das nicht einfach nur Ehrlichkeit“, werden Sie vielleicht fragen. Ist es nicht besser, wenn die Menschen sagen, was ihnen durch den Kopf geht? Nun: Das Falsche bleibt falsch, und wenn es von zu vielen zu oft wiederholt wird, gewinnt es eine Art Scheinrichtigkeit. Wir kennen dieses Phänomen als den Echokammer-Effekt der Social-Media-Plattformen. Wechselseitige Bestärkung, das Ausbleiben jedes Einwands führt fast zwangsläufig zu einer Spirale der Militanz. Die Gefährlichkeit dieses gruppendynamischen Prozesses ist schon lange sichtbar. Aber erst allmählich gehen Plattformbetreiber dagegen vor. So konnten die kruden, in Teilen eindeutig rechtsextremen Denunzierungen der QAnon-Anhänger seit 2016 durch Facebook geistern; erst jetzt reagiert das Unternehmen.

Irrationales, von Vorurteilen und Hass geschwängertes Denken vernebelt die Sicht, es kostet unsere Gesellschaft Diskursfähigkeit, zerstört die Basis für ein konstruktives, nach der Lösung suchendes Gespräch. Beispiel: Die Frage nach der Belastung einer Gesellschaft durch Zuwanderung zu stellen, ist legitim. Integrationsmöglichkeiten ebenso auszublenden wie die Bereicherung, die neu hinzukommende Menschen im kulturellen wie im ökonomischen Sinn bedeuten, bedeutet Verhärtung. Und wenn Menschen entlang ihrer Herkunft zwischen anständig und kriminell geschieden werden, lacht die Nazi-Ideologie vom Müllhaufen der Geschichte herüber.

Sprache kann tödlich sein

Die Konstruktion einer Volksgemeinschaft, der nur Menschen einer bestimmten Abstammung angehören dürfen und die die besseren, „höherwertigen“ Menschen versammelt, kriecht in die Diskussionen. Kampfvokabeln wie „Bevölkerungsaustausch“ gehören zum Alltagswortschatz derer, die Einwanderung zur Bedrohung, sogar zum Teil einer Weltverschwörung erklären. Viele, die die Grenzen des Sagbaren lüstern testen, sind sich nicht darüber im Klaren, wie nahe sie nationalsozialistischer Herrenmenschen-Ideologie sind.

Sprache kann tödlich sein. Diese Woche ist ein Verdächtiger aus der Haft entlassen wollen, der der Mittäterschaft bei der Ermordung des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke verdächtig ist. Und diese Woche jährt sich der versuchte Massenmord in Halle. Beide Taten sind nicht vorstellbar ohne einen Sumpf aus Vorurteilen, Hass und Demagogie, aus dem Gewalt aufsteigt wie eine giftige, stinkende Blase. Wie weit ist es von Hatespeeches im Internet zur physischen Gewalt auf der Straße?

Die Macht von alten weißen Männern

Wie kann ein Präsident Trump ruhig schlafen, angesichts des Hasses, den er jeden Tag aufs Neue sät? Vor einer Woche hat unser Feuilleton-Chef Martin Jasper unter dem Eindruck von Trumps Wahlkampfdebatte eine beißende, ätzende, brutale Satire geschrieben. Was wäre, wenn Trump und Biden unter dem Einfluss von immer mehr Whisky auch noch die letzten Grenzen des Anstands überschritten? Seine Absicht war es, die Schamlosigkeit der Entgrenzung dadurch zu entlarven, dass er sie noch ein klein wenig weitertreibt. Ihre ganze Amoralität offenlegt. So, dass niemand mehr sie übergehen kann. Nein, dieser Text war nicht witzig gemeint. Er tritt auch nicht nach unten, wie ein kritischer Leser schrieb. Dieser Text ist ein Empörungsschrei gegen diejenigen, die alles für legitim halten, was zum Gewinn und zur Erhaltung ihrer Macht dient.

Diese Satire hat mit ihrer Massierung sexistischer und rassistischer Klischees eine ganze Reihe von Leserinnen und Lesern abgestoßen. Wir haben als Redaktion kontrovers über den Text diskutiert. Wir verstehen, dass er als Verstärker furchtbarer Verirrungen verstanden werden kann. Und wir bedauern, dass er Menschen verletzt hat. Es lohnt sich aber, ihn ein zweites Mal zu lesen. Dann wird deutlich, dass die ganze Ungeheuerlichkeit auf eine Klimax hinausläuft: Alles, was da gesagt wurde (und es wird auch in der Realität gesagt, zu oft öffentlich, mit Unschuldsmiene) entspringt dem letzten Aufbäumen eines Systems, das die Macht bei alten weißen Männern versammelt. Kann es nicht sein, dass wir uns schon gewöhnt hatten an die Ungeheuerlichkeiten eines Donald Trump und seiner Geistesverwandten? Kann es sein, dass wir einen Aufreger wie diesen brauchen, um zu erkennen, dass wir uns wehren müssen gegen die Hetzer und Denunzianten, gegen die geistigen Mordbrenner?

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