"Diese Woche"-Podcast: Verhindern wir den Lockdown!

Braunschweig  Chefredakteur Armin Maus spricht über die aktuellen Entwicklungen der Corona-Pandemie und die uneinheitlichen Maßnahmen innerhalb Deutschlands.

 Eine Kundin verpackt in einem Lebensmittelgeschäft ihre Einkäufe an der Kasse und trägt eine Maske als Mund- und Nasenschutz (Symbolbild).

Eine Kundin verpackt in einem Lebensmittelgeschäft ihre Einkäufe an der Kasse und trägt eine Maske als Mund- und Nasenschutz (Symbolbild).

Foto: Tobias Hase/dpa

"Ich bin nicht sehr krank, ich kann noch darüber reden." - William Shakespeare, Cymbeline

Nun hat es auch Jens Spahn erwischt. Ausgerechnet den Bundesgesundheitsminister – neben der Bundeskanzlerin das wichtigste Gesicht des Kampfes gegen die Pandemie. Er sitzt mit einer Corona-Infektion in häuslicher Quarantäne. Bisher geht es ihm gut. Möge es so bleiben. Der Patient Spahn ist einer von über 11.000 Bürgerinnen und Bürgern, die sich aktuell täglich neu infizieren. Bis Anfang Oktober waren es deutlich weniger als 3000. Die Zahlen schießen in die Höhe, sicher nicht in erster Linie, weil mehr getestet wird.

Mahnende Stimmen sagen seit Wochen, man dürfe Corona nicht mit Angstmacherei bekämpfen. Aber diese Entwicklung macht Angst. Man kann es in Gesprächen hören, man kann es in den Gesichtern sehen. Corona verdunkelt die Gemüter. Erstaunlicherweise sind immer noch einige wenige unterwegs, die uns einreden wollen, Corona sei eine Ausgeburt der Hysterie oder ein Freiheitsdemontage-Werkzeug in den Händen machthungriger Politiker. Die Emanzipation von der Realität ist bei diesen Menschen weit fortgeschritten.

Stabile Entwicklung im Sommer

Ob die Pandemie in Deutschland außer Kontrolle gerät? Das Robert-Koch-Institut hält die Verlangsamung jetzt noch für möglich. Sein Präsident Lothar Wieler mahnt eindringlich: Wir alle müssten uns dringend und mit aller Konsequenz an die Corona-Regeln halten. Abstand halten, Hände waschen, Maske tragen.

Auf den ersten Blick passen weder die Mahnung noch die Infektionszahlen zum allgemeinen Eindruck. Wohin das Auge schweift, sieht man Menschen, die sich erstaunlich diszipliniert verhalten. Im Supermarkt, in der Firma, auf der Straße, im Restaurant regiert die Vernunft. Ohne diese Disziplin wäre die stabile Entwicklung im Sommer nicht denkbar.

Aber es gibt eine Wahrheit, die man nicht auf der Straße sieht. Wir können sie die Gleichzeitigkeit von Verantwortungsbewusstsein und Fahrlässigkeit nennen. Dieselben Menschen, die am Gemüseregal noch Abstand halten und Maske tragen, lassen im Privaten alle Vorsicht fahren. Das wirkt, als glaubten sie, Verwandtschaft oder gute Freundschaft würden vor der Virus-Übertragung schützen.

Teilung der Klassen wird herausgezögert

Im Allgemeinen verantwortungsbewusste Menschen sind im Sommer munter in alle Welt gereist, zum Teil sogar in solche Länder, die schon zu diesem Zeitpunkt Risikogebiete waren. Niemand weiß, wie viele davon sich nach ihrer Rückkehr testen ließen und wie viele sich an die vorsorgliche Quarantäne hielten.

Viele politische Entscheidungen zeigen dieselbe seltsame Unentschlossenheit. Maskenpflicht und Abstand fordern alle. Alle rufen zu größter Vorsicht auf. Aber vor angemessen drakonischen, geschweige denn einheitlichen Maßnahmen schrecken Bund, Länder und Kommunen bisher zurück. Beispiele:

Weil Homeschooling furchtbar schlecht funktioniert hat und eine erneute Schließung der Schulen berufstätigen Eltern große Probleme bereiten würde, bleiben die Schulen und Kitas offen, bis es gar nicht mehr anders geht. Selbst die Teilung der Klassen wird so lange herausgezögert, dass man nach dem Sinn fragen muss – bei 30 Kindern in einem Klassenraum wird auch die beste Lüftung nur beschränkte Wirkung haben.

Alkoholverkauf an Tankstelle geht weiter

Weil die Sehnsucht nach Normalität größer ist als die Einsicht, wird Kontaktsport erlaubt und getrieben. Wirtschaftliche Not und Fan-Leidenschaft verbünden sich; zwischendurch hätte die Deutsche Fußball-Liga die Stadien am liebsten wieder zu 20 Prozent gefüllt. Nur gut, dass die meisten Kommunen vorsichtiger sind. Ohnehin ist die Arbeit der kommunalen Behörden bei der Corona-Bekämpfung gar nicht hoch genug zu schätzen.

Weil viele Betreiber von Bussen und Bahnen offenbar den Appell für ein ausreichendes Mittel der Seuchenbekämpfung halten, fahren Schüler und ältere Fahrgäste immer wieder dicht an dicht; es häufen sich Berichte von Bahn-Fahrgästen, die sogar wie eh und je dichtgepackt auf dem Gang saßen, weil der Zug so voll war.

Kneipen bekommen vernünftigerweise längere Sperrzeiten aufgebrummt, weil unkontrollierte, alkoholselige Geselligkeit dem Virus Tür und Tor öffnet – aber der Alkoholverkauf an der Tankstelle geht nachts munter weiter.

Durcheinander durch Rechtsprechung

Wer aus einem Risikogebiet kommt, läuft in Hamburg Gefahr, wegen des Beherbergungsverbots im Auto übernachten zu müssen – ins Restaurant darf er aber ebenso selbstverständlich wie in den Laden. Dabei ist die Hansestadt noch konsequenter als viele andere. Niedersachsen geht mit seinen Hotspots wesentlicher lässiger um als Bayern, das in Berchtesgaden sehr resolut die Notbremse zog. Die fehlende Linie gefährdet den Erfolg bei der Pandemie-Bekämpfung und schadet der Akzeptanz bei den Bürgern.

Dazu kommt das Durcheinander, das durch Rechtsprechung entsteht. Deutsche Gerichte haben vergleichbare Tatbestände im Corona-Zusammenhang so unterschiedlich beurteilt, dass von Rechtssicherheit immer weniger die Rede sein kann. Die Liste der Dinge, die wir besser machen müssten, ließe sich fortsetzen.

Deutlich konsequenter handeln

Wie lange können wir uns die Inkonsequenz noch leisten? Alle wollen den zweiten Lockdown vermeiden, weil der wirtschaftliche Schaden endgültig an die Substanz gehen würde. Alle wollen gesund bleiben. Aber wenn wir den Lockdown wirklich verhindern möchten, wenn Schulen, Firmen, Handel und Gastronomie, Kultur- und Messebetriebe weiter arbeiten sollen, dann wird jeder Einzelne, dann werden die politischen Entscheider deutlich konsequenter handeln müssen.

Die Gefahr ist groß, dass wir Weihnachten unter Umständen verbringen müssen, die sich niemand wünscht. „Stille Nacht, heilige Nacht“ sehr gerne – aber bitte nicht die Stille des Lockdown!

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