Auf den Intensivstationen beginnt ein Kampf gegen die Zeit

Berlin.  Um die Krankenhäuser für Tausende neue Corona-Patienten zu rüsten, könnte bald jede dritte OP verschoben werden. Die Notfallszenarien.

Coronavirus: Das sollten Sie zu Intensivstationen wissen

Die Versorgung mit Intensiv-Betten in Deutschland ist gut. Doch sie soll für Coronavirus-Erkrankte weiter ausgebaut werden. Der Bund beschafft außerdem neue Beatmungsgeräte für Krankenhäuser. Die Fakten im Überblick.

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Mitte Oktober hatten die Kliniken noch Luft, die Corona-Lage auf den Intensivstationen war vergleichsweise entspannt: Bundesweit mussten 655 Patienten mit schwerer Covid-19-Erkrankung behandelt werden. Vier Wochen später hat sich die Zahl verfünffacht und liegt jetzt bei knapp 3500 Intensivpatienten .

Und nun? Experten rechnen mit bis zu 6000 Schwerstkranken Anfang Dezember, mit massiven Engpässen auf den Stationen, jede dritte OP muss möglicherweise verschoben werden. Die Kliniken bereiten sich auf einen harten Winter vor – und spielen konkrete Notfallszenarien durch.

Wie ist die Lage in den Kliniken?

Am nächsten Mittwoch wollen die Kanzlerin und die Länderchefs die Lage nach drei Wochen Teil-Lockdown bewerten und entscheiden, mit welchen Corona-Regeln Deutschland durch den Winter gehen soll. Die drohende Überlastung der Kliniken ist dabei ein wichtiger Maßstab.

Aktuell sind 75 Prozent der bundesweit rund 28.000 Intensivbetten belegt – darunter waren zuletzt 3436 Covid-19-Patienten. Weil sich hohe Neuinfektionszahlen erst mit einer Verzögerung von mehreren Wochen auf den Intensivstationen niederschlagen, dürfte der Anteil der Covid-19-Patienten noch deutlich steigen. Mehr zum Thema: Mehr Covid-19-Fälle: Wann wird es in den Kliniken eng?

Selbst dann, wenn die Kurve nicht mehr exponentiell steigt: „Wenn es gut läuft, wird sich die Zahl der Neuinfektionen in den kommenden Wochen auf dem jetzigen Niveau mit täglich knapp unter 20.000 Fällen im Wochenschnitt stabilisieren“, sagte Gerald Gaß , Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), unserer Redaktion.

In der Folge hieße das: „Wir werden Mitte Dezember bis zu 6000 Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen haben. Die Zahl der Corona-Patienten auf den Normalstationen ist vierfach so hoch und dürfte dann bei mehr als 20.000 Patienten liegen.“ Eine solche Lage sei für die Krankenhäuser gerade noch verkraftbar. Aber nur unter der Voraussetzung, dass planbare Eingriffe deutlich reduziert würden.

Sind planbare Operationen noch möglich?

„Stagnieren die Zahlen auf dem aktuellen Niveau, werden die Kliniken bundesweit im Schnitt maximal 70 Prozent der Regelversorgung leisten können“, so DKG-Chef Gaß. Das heißt: Mindestens jeder dritte planbare Eingriff wird nicht stattfinden können. Und zwar bis weit ins nächste Jahr: „Bleibt die Zahl der Neuinfektionen auf dem aktuellen Niveau, werden wir bis zum nächsten Frühjahr massive Einschränkungen bei den planbaren Eingriffen haben.“

Eine schnelle Rückkehr zur üblichen Regelversorgung ist nicht in Sicht: Dazu müsste die Zahl der Neuinfektionen über längere Zeit deutlich zurückgehen und dann stabil niedrig bleiben.

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Welche Notfallpläne gibt es?

Sollte die Zahl der Neuinfektionen wieder stark steigen, müssten die Kliniken die Regelversorgung in wenigen Wochen noch weiter einschränken. „Sollte auch das nicht reichen, müssen flächendeckend Normalstationen geschlossen werden und Patienten , dort wo es vertretbar ist, vorzeitig entlassen werden“, so Gaß.

Nur so würde genug Personal zur Verfügung stehen, um die Versorgung der Intensivpatienten zu leisten. „Das wäre der absolute Ausnahmezustand.“

In einer solchen Lage könnten die Kliniken zu den bisherigen 28.000 Intensivbetten noch weitere 12.000 Betten aus der Notfallreserve bereitstellen. Auch hier gilt: Weil das dafür benötigte intensivmedizinische Personal fehlt, müssten die Krankenhäuser improvisieren. Um diese Betten zu betreiben, wäre es nötig, Personal aus anderen Bereichen abzuziehen, wofür wiederum die Häuser aus dem Regelbetrieb genommen werden müssten, heißt es bei der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi).

In einer extremen Notlage wäre es zudem möglich, dass infizierte, aber symptomfreie Fachkräfte eingesetzt werden. Beim Robert-Koch-Institut heißt es dazu: „In absoluten Ausnahmefällen ist die Versorgung nur von Covid-19-Patientinnen und -Patienten denkbar.“ Die Gewerkschaft Verdi kritisiert, dass infizierte Pflegekräfte bereits jetzt nicht nur in Einzelfällen zur Arbeit kommen müssten.

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Wie werden die Kliniken entlastet?

Wenn Kliniken Intensivbetten für Covid-19-Patienten frei halten und dafür planbare Eingriffe absagen, sollen sie vom Bund entschädigt werden: An diesem Mittwoch soll die neue Regelung für sogenannte Freihaltepauschalen von Bundestag und Bundesrat beschlossen werden. „Krankenhäuser brauchen die Flexibilität, um sich auf steigende Patientenzahlen in der Pandemie vorzubereiten“, sagte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) unserer Redaktion. Lesen Sie hier: Corona: Immer mehr Intensivpatienten – Ärzte warnen

„Deshalb geben wir ihnen die Sicherheit, dass Corona kein Verlustgeschäft wird.“ Weil nicht alle Krankenhäuser gleichermaßen in die regionale Versorgung der Covid-19-Patienten eingebunden sind, sollen auch nicht alle Anspruch auf die Pauschale haben: „Nicht alle Kliniken werden Operationen verschieben müssen. Wir helfen gezielt denen, die in besonders betroffenen Gebieten liegen, deren Intensivkapazitäten zur Neige gehen und die fachlich die Richtigen sind, um Covid-19-Patienten zu behandeln“, so Spahn.

Anspruch auf die Pauschale sollen Kliniken künftig dann haben, wenn die Sieben-Tage-Inzidenz in ihrem Land- oder Stadtkreis über 70 Fällen je 100.000 Einwohner liegt und in der jeweiligen Region weniger als 25 Prozent freie, betreibbare Intensivbetten vorhanden sind. Laut Gesundheitsministerium könnten dabei insbesondere Krankenhäuser profitieren, die in besonderem Maße für intensivmedizinische Behandlung geeignet sind.

Außerdem sollen Reha-Einrichtungen bis zum 31. Januar 2021 wieder als Ersatzkrankenhäuser genutzt werden können, um Covid-19-Patienten bei Abklingen der Symptome oder andere Patienten zu übernehmen und damit Intensivstationen zu entlasten. Für die Finanzierung der Freihaltepauschalen stehen zwei Milliarden Euro aus dem Bundeshaushalt zur Verfügung.

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