Nachfolge

CDU-Vorsitz: Wer hat die besten Chancen im Dreikampf?

| Lesedauer: 6 Minuten
Wollen die CDU anführen (von links): Norbert Röttgen, Friedrich Merz und Helge Braun.

Wollen die CDU anführen (von links): Norbert Röttgen, Friedrich Merz und Helge Braun.

Foto: Michael Kappeler / dpa

Drei Politiker bewerben sich um die Nachfolge von Armin Laschet als CDU-Vorsitzender. Was man über die drei Kandidaten wissen muss.

Die CDU will nach dem historisch schlechten Abschneiden bei der Bundestagswahl ihren neuen Parteivorsitzenden im Dezember erstmals durch die Mitglieder bestimmen lassen. Drei Männer stehen zur Wahl. Wer von ihnen hat die besten Chancen?

Friedrich Merz, 66 Jahre alt

Karriere: Merz war schon als Schüler in der Jungen Union aktiv. Seine politische Karriere begann der Jurist im Europäischen Parlament (1989–94), bevor er 1994 erstmals in den Bundestag gewählt wurde. 2000 wurde er Fraktionsvorsitzender, löste mit seiner Forderung nach einer „deutschen Leitkultur“ heftige Debatten aus. 2002 nahm Angela Merkel ihm den Fraktionsvorsitz ab. 2009 verließ Merz die Politik, wurde Aufsichtsratschef beim Vermögensverwalter Blackrock. Nach dem angekündigten Rückzug von CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer 2020 überraschte er mit seiner ersten Bewerbung um den Parteivorsitz.

Stärken: Der 1,98 Meter große Merz verfügt über ein unerschütterliches Selbstbewusstsein und kann ein brillanter Redner sein. Mehr als jeder andere verkörpert er den Anspruch, die CDU wieder zu alter Stärke zurückzuführen. Mit seinem konservativen und wirtschaftsliberalen Profil könnte Merz nach rechts verlorene Wähler zurückholen. Außenpolitisch ist er ein erfahrener Transatlantiker.

Schwächen: Durch seine lange Abwesenheit fehlt Merz eine aktuelle Erfahrung in politischen Spitzenämtern. Er ist leicht kränkbar, tritt mitunter arrogant auf und gilt als nachtragend. Bei männlichen CDU-Wählern kommt er mit seinem Stil besser an als bei den Frauen.

Freunde: Die Südwest-CDU, fast alle Ost-Verbände, die Junge Union, der Wirtschaftsflügel sowie alle, die mit Merkel unzufrieden waren.

Gegner: Große Teile des moderaten Laschet-Lagers sowie die Anhänger von Angela Merkel. Auch CSU-Chef Markus Söder ist kein Fan von Merz.

Privat: Seit 1981 ist Merz mit Charlotte Merz verheiratet, Richterin am Amtsgericht in Arnsberg (Nordrhein-Westfalen). Das Paar hat drei erwachsene Kinder, vier Enkel und eine gemeinsame Stiftung, die sozial benachteiligte Kinder fördert. Merz ist begeisterter Hobbypilot, hat zwei Flugzeuge. In seiner Freizeit fährt er außerdem gern Rad.

Siegchance: Groß, weil Merz bei der Basis immer beliebt war.

Helge Braun, 49 Jahre alt

Karriere: Der promovierte Mediziner (mit Einser-Abitur) und Narkosearzt aus Hessen zog 2002 erstmals in den Bundestag ein, flog drei Jahre später nach Verlust des Direktmandats allerdings wieder raus. Nach erneutem Wiedereinzug machte er Karriere, erst als Staatssekretär im Bildungsministerium (2009–2013), ab 2013 dann im Kanzleramt als Staatsminister für Bürokratieabbau und die Bund-Länder-Koordinierung. Seit 2018 ist er Kanzleramtschef, folgte in dieser Position dem Saarländer Peter Altmaier nach, organisierte maßgeblich die Corona-Politik mit. Braun wird auch als Nachfolger des hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier gehandelt.

Stärken: Braun gilt als fleißig, gut organisiert und stressresistent. Digitalisierung ist für ihn nicht nur ein politisches Schlagwort, sondern ein Thema, für das er seit Jahren mit Leidenschaft wirbt. Im Gegensatz zu seinen beiden Konkurrenten tritt er zum ersten Mal an.

Schwächen: Seine Diskretion und bedingungslose Loyalität gegenüber Angela Merkel – Voraussetzung für den Posten des Kanzleramtschefs – haben dazu geführt, dass Braun kaum ein eigenes politisches Profil entwickelt hat. Auch mit einem Führungsanspruch oder Gedanken zur Zukunft der CDU ist er bislang nicht aufgefallen. Seinen im Januar 2021 geäußerten Vorschlag, die Schuldenbremse auszusetzen, zog er nach Protesten aus der CDU schnell wieder zurück.

Freunde: Das Merkel-Lager, die hessische CDU, viele bisherige Unterstützer von Armin Laschet und die Kritiker von Merz und Röttgen.

Gegner: Alle, die finden, dass die CDU einen Bruch mit der Merkel-Ära braucht.

Privat: Der Katholik Braun ist ein echter „Schlammbeiser“, wie gebürtige Gießener genannt werden (nach dem Arbeitswerkzeug Schlamp-Eisen der früheren Kanalreiniger). Mit seiner Frau Katja, die er bei der Jungen Union kennenlernte, teilt er die Leidenschaft für Gartenarbeit und Kochen.

Siegchance: Nur Außenseiterchancen, weil er sich keine Machtbasis in der Partei aufgebaut hat.

Norbert Röttgen, 56 Jahre alt

Karriere: Röttgen trat als 17-Jähriger in die CDU ein und engagierte sich in der Jungen Union. Seit 1994 sitzt er im Bundestag. Von 2009 bis 2012 war er Umweltminister – bis ihn Angela Merkel entließ, weil er sich weigerte, sein Landtagsmandat nach der verlorenen NRW-Landtagswahl anzunehmen, wo er als Spitzenkandidat verloren hatte. 2020 bewarb er sich als erster Kandidat um die Nachfolge von CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer.

Stärken: Röttgen ist promovierter Jurist, ein guter Redner und hat durch den Vorsitz des Auswärtigen Ausschusses außenpolitische Erfahrung. Da er als liberaler CDU-Mann gilt, kann er in der Mitte der CDU punkten. Röttgen ist smart und trittsicher beim Auftritt in Medien. Wegen seiner Sachkompetenz hieß er hinter vorgehaltener Hand „Muttis Klügster“. Norbert Blüm sagte über ihn: „Er ist aus einem Holz geschnitzt, aus dem Kanzler gemacht sind.“

Schwächen: Röttgen ist ausgerechnet in seinem Heimatland NRW bei etlichen Parteifunktionären unbeliebt, weil er nach der Wahlniederlage 2012 keine Verantwortung übernehmen wollte. Der intellektuelle Röttgen fremdelt mit bodenständigen Auftritten im Bierzelt, wählt rhetorisch eher den Degen als den populären Knüppel.

Freunde: Als verlässliche Röttgen-Unterstützer gelten u. a. CSU-Chef Markus Söder und die Chefin der einflussreichen Frauenunion, Annette Widmann-Mauz.

Gegner: Seit dem Rauswurf als Minister ist das Verhältnis Röttgens zu Angela Merkel stark belastet. Auch Armin Laschet, der neue NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst und Friedrich Merz gelten als Gegner.

Privat: Röttgen ist Katholik und seit 1994 verheiratet mit der Arbeitsrechtlerin Ebba Herfs-Röttgen. Mit ihr hat er drei erwachsene Kinder, die er aus den Medien heraushält. Röttgen liebt klassische Anzüge und violette Krawatten. Sein Aussehen brachte ihm den Spitznamen „George Clooney von Meckenheim“ ein. Die Freizeit verbringt er gerne bei langen Spaziergängen mit Sennenhund „Crissy“.

Siegchance: Eher mittelmäßig, er ist nicht Favorit.

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