Ukraine-Krieg

Wie ein herzkranker Kommandeur die Ukraine verteidigt

| Lesedauer: 9 Minuten
Das sind Panzerhaubitzen 2000

Das sind Panzerhaubitzen 2000

Deutschland unterstützt die Ukraine im Krieg gegen Russland mit einer Lieferung von sieben Panzerhaubitzen 2000. Die Geschütze sind Standard beider Bundeswehr.

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Charkiw.  Er war Kinderpsychologe und hat einen Herzfehler. Seine Kompanie ist einer der Gründe, warum Putins Offensiven in der Ukraine stocken.

Im Stab habe man ihm gesagt, seine Soldaten sollten filmen, wie sie kämpften. „Unsere Filme sehen so aus: Gras, Beine, du hörst den Beschuss und schweres Atmen, dann siehst du wieder Beine. Das war der ganze Kampf“, sagt der ukrainische Kommandeur und lächelt, die Oberreihe seiner Schneidezähne leuchtet golden auf.

Die im Stab in Kiew seien unzufrieden. „Wir sollten was Schönes filmen, sagen sie, vor den Panzern posieren, die wir in Brand geschossen haben.“ Aber wenn sie feindliche Fahrzeuge unter Feuer genommen hätten, gelte es, die Beine in die Hand zu nehmen, der Feind schieße schließlich zurück: „Babbaaach!“, sagt er. „Manchmal sehen wir noch schwarzen Rauch, dann wissen wir, dass wir getroffen haben.“

Ukraine: Jaranzews Truppe geriet in einen russischen Feuerüberfall

Vorher hat Jewgeni Jaranzew (54), Codename Barett, seine Kompanie zum Appell antreten lassen. Oder das, was von ihr übrig geblieben ist. Gut 40 Leute in zwei Reihen auf einem Kiewer Kasernenhof. „Ausrichten, alle auf einer Linie!“, ruft Jaranzew. Jemand schiebt sich vor, jemand macht einen Schritt zurück, aber die Front bleibt kurvig. „Gerade, Leute, schaut auf eure Schatten!“ Wieder machen einige Krieger Trippelschritte. Sie geben sich nicht wirklich Mühe, schneidig zu wirken, manchen scheinen die hellgrün-grün gefleckten Kampfanzüge eine Nummer zu groß zu sein.

Aber Jaranzews Truppe ist einer der 1000 Gründe dafür, dass Russlands Offensiven in der Ukraine klemmen. Die „11. Separate Kompanie der 112. Brigade der Territorialverteidigung Kiews“ besteht aus Aufklärern und Einzelkämpfern, eine der ukrainischen Einheiten, die es gewohnt sind, noch vor der vordersten Front zu kämpfen.

Die Kompanie hat im April an den erbitterten Kämpfen um das Städtchen Lyman an der Nordflanke der Donbass-Front schwere Verluste erlitten: 17 Tote, einen Gefangenen und 24 Verwundete, fast die Hälfte ihrer Soldaten. „Gerade als wir ankamen, begann die russische Großoffensive“, erzählt Jaranzew. „Wir hatten noch keine Stellungen bezogen und gerieten in einen Feuerüberfall.“ Acht der Pkw, zur Hälfte Privatautos, zur Hälfte aus Spenden gekaufte Gebrauchtwagen, in der seine Kämpfer saßen, brannten aus. „Unsere sind mitverbrannt“, erzählt Jaranzew.

Jewgenis Sohn lebt in Deutschland

Der schmale Streifen mit Ordensabzeichen an seiner Brust wirkt unscheinbar neben dem schwarzen Aufnäher: „Head Hunters“. Das Sternchen eines Unterleutnants auf der Stoffklappe dazwischen wirkt noch unscheinbarer. „Vom Alter her müsste ich Major sein, also kommandiere ich.“ Wieder grinst er. Jewgeni Jaranzew ist gelernter Kinderpsychologe, aber er arbeitete früher als Chefredakteur der Zeitschrift „Kurortnye Westi“ im Badeort Feodossija auf der damals noch ukrainischen Krim. Er ist seit 30 Jahren verheiratet, sein erwachsener Sohn lebt in Deutschland.

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Jaranzew hat einen russischen Pass, seine Schwester lebt in St. Petersburg, vor der Krim-Krise arbeitete er mit einer Druckerei in Kursk zusammen. „Einmal, nach einem Putin-Fernsehauftritt, habe ich die Setzer gefragt: ,Na, was erzählt euer Glatzkopf?‘“ Sie hätten sich mit verzerrten Gesichtern abgewandt. „Für die Russen war Putin schon damals sakral.“ Russen bräuchten einen Chef, der sie anbrülle und erniedrige. Die Ukrainer aber hätten schon vor Hunderten Jahren als Saporoger Kosaken Mehrheitsentscheidungen gefällt. Jetzt lebten sie wieder 30 Jahre ohne Obrigkeit, sie seien es gewohnt, selbstständig zu denken.

Viele Ukrainer führen auch Krieg wie Kosaken. Dezentral, aber mit Feuereifer. Nachdem Russland 2014 die Krim besetzte, kämpfte Jaranzew im Freiwilligenbataillon Aidar gegen die hybride russische Invasion im Donbass, landete nach der Kesselschlacht um Debalzewe im Hospital. „Danach haben sie mich nach Hause geschickt. Ich stand in Kiew auf der Straße und wusste nicht wohin.“ Er organisierte mit anderen Donbass-Kämpfern einen Veteranenverband.

Jetzt kämpfen auch die russischen Soldaten erbittert

Auch die Hälfte seiner Männer kämpfte 2014/15 bei Aidar. Und als am 24. Februar Putins Krieg gegen die ganze Ukraine begann und russische Truppen auf dem Flughafen Hostomel bei Kiew landeten, telefonierten sie sich zusammen, um die Feinde zu bekämpfen. Ein junger Aidar-Veteran kam mit seiner Freundin im Pkw, eine russische Panzergranate tötete beide. Jaranzew selbst hatte drei Wochen vorher eine Herzklappenoperation überstanden, konnte wegen heftiger Brustschmerzen beim Rückstoß kein Sturmgewehr benutzen, er begnügte sich mit einer Pistole und Handgranaten.

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Die zusammengewürfelten ukrainischen Kämpfer jagten die russischen Fallschirmjäger damals in die Wälder. Zu Kriegsbeginn hätten die Russen unentschlossen gewirkt, sagt Jaranzew, jetzt aber kämpften auch sie erbittert. „Viele ihrer Kameraden wurden getötet, die wollen sie rächen.“ Das Dorf Nowe, das seine Kompanie an der Donbass-Front verteidigte, habe dreimal den Besitzer gewechselt.

Der Krieg sei ganz anders als 2014/15, erklärt er, es gebe viel mehr Panzer und Kampfdrohnen, vor allem viel mehr schwere Geschütze. Auch die Ukraine habe normale Artillerie, beide Seiten setzten ihre Luftwaffe ein. Allerdings flögen die russischen Flugzeuge inzwischen sehr hoch, aus Angst vor den Stinger-Raketen der Ukrainer. Auch die Panzersoldaten beider Seiten seien nervös geworden.

Ukrainer in der Kompanie sind zwischen 17 und 67 Jahren

Jaranzews Männer besitzen jetzt panzerbrechende Waffen im Überfluss, allerdings die verschiedensten Modelle. Amerikanische Javelin-Systeme und britische Nlaws, deren Raketen sich selbst ins Ziel steuern, oder schwedische Carl-Gustav-Granatwerfer. Die deutsche Panzerfaust 3 sei unpraktischer als die sowjetische RPG-Panzerbüchse. Vor jedem Schuss müsse man den Verschluss abschrauben. „Das haben wir erst gemerkt, als wir auf Youtube studierten, wie man so eine Panzerfaust bedient.“

In der Kiewer Vorstadt Moschtschun seien sie vor einigen Wochen auf einen feindlichen Schützenpanzer gestoßen. Zuerst habe ein Kämpfer, ein 67-jähriger Brillenträger, eine Panzerfaust 3 auf ihn abgefeuert, zu kurz, danach ein 30-Jähriger aus kürzerer Distanz noch eine Panzerfaust 3, wieder zu kurz. „Aber zwischen den Schüssen sind die Fallschirmjäger, die drin saßen, davongerannt.“

Jaranzew sagt, der 67-Jährige sei der Älteste, ein 17-Jähriger der Jüngste in ihrer Kompanie. Die Armee habe inzwischen beide wegen ihres Alters entlassen, jetzt kämen sie inoffiziell zu Fronteinsätzen mit. „Unsere Kompanie ist wie das ganze Volk: ein Drittel jung, ein Drittel erwachsen, ein Drittel Opas.“

Jaranzew: Millionen werden vor Hungersnot nach Europa fliehen

Auch in anderen Einheiten finden sich ganze Teams von Großstadtukrainern, die in den vergangenen acht Jahren auf eigene Faust ins Kriegsgebiet gefahren sind, um dort als Späh- und Stoßtrupps zu kämpfen. Viele sind über 50, offenbar fühlen sich viele angesichts des Todes wieder jung. Aber auch die regulären Truppen agieren oft in Kleinkampftruppen von drei bis acht Soldaten.

Als Kundschafter, Scharfschützen oder Panzerjäger setzen sie den Russen böse zu. Angst? „Als Kommandeur hast du herumzulaufen und zu brüllen, für Angst bleibt keine Zeit“, erklärt Jaranzew. Und wegen seiner Herzklappe müsse er täglich das blutverdünnende Mittel Warfarin einnehmen. „Deshalb trage ich keine Schutzweste.“ Die Weste schützt den Rumpf. Für ihn aber sei auch eine verletzte Schlagader an Arm oder Bein tödlich.

Aber lieber redet er über die Zukunft dieses Krieges: Die Russen würden im Sommer versuchen, die ukrainische Getreideernte noch auf den Feldern zu verbrennen. „Das gibt eine Hungersnot in Nordafrika, Millionen werden davor nach Europa fliehen, das ist es, was Putin will.“ Abgesehen davon ist Jaranzew vom Sieg der Ukraine gegen Russland überzeugt.

50.000 Dollar für feindliche Überläufer mit Fahrzeug

Bei Lyman hat es ihn am Bein erwischt, er ist glimpflich davongekommen, humpelt am Stock in den Hinterhof, zeigt einen neu erbeuteten BTR-82-Schützenpanzerwagen und die russischen Fahrzeugpapiere dazu. „Feindlichen Überläufern verspricht die Regierung 50.000 Dollar für jedes mitgebrachte Fahrzeug, das wären für unsere Kompanie 1000 Dollar pro Soldat.

Aber wir haben schon zwei Beute-Schützenpanzer abgeliefert und kein Geld gesehen. Der ist 300.000 Dollar wert.“ Er sei neu, habe keine 1000 Kilometer auf dem Tacho. „Jetzt klären wir das erst mal mit der Prämie.“ Dass er doch kein Überläufer aus Russland sei, ist für ihn kein Argument. „Ich habe doch auch einen russischen Pass.“ Diesmal wollen Jaranzew und seine Kosaken ihre gepanzerte Beute nicht so einfach hergeben.

Dieser Artikel erschien zuerst auf waz.de.

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