Ukraine

Urlaub in Odessa: Darum kommen Touristen mitten im Krieg

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Präsident Selenskyj besucht erstmals Frontlinie in der Südukraine

Präsident Selenskyj besucht erstmals Frontlinie in der Südukraine

Zum ersten Mal seit Beginn des russischen Angriffskriegs hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj die Frontlinie in der Südukraine besucht. Er inspizierte ein beschädigtes Gebäude der Regionaladministration in Mykolaijiw und reiste anschließend in die Region Odessa weiter.

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Odessa.  Vier Millionen Touristen besuchten 2021 die schöne Hafenstadt. Russlands Invasion hat alles verändert. Warum trotzdem Besucher kommen.

Die Sonne taucht das prächtige neobarocke Gebäude der Oper Odessas an diesem warmen Juni-Tag in ihr gleißendes Licht. Aus einem geöffneten Fenster weht die Stimme eines Sängers, er übt für bessere Zeiten. Es riecht nach dem Meer, das nur wenige Meter entfernt, aber unerreichbar ist, weil der Hafen der Stadt von Soldaten der Ukraine gesichert wird.

Vor den Sandsack-Wällen macht eine junge Frau in einem eleganten Kleid ein Selfie. Ein paar Meter lehnt eine Frau am Rahmen eines der purpurroten, achtsitzigen und offenen Elektro-Mobile. Sie trägt eine gelbe Baseballkappe, eine große Sonnenbrille, Shorts und T-Shirt und unterhält sich mit dem Fahrer. Ludmilla wartet auf Touristen.

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Ukraine: Vor dem Krieg kamen vier Millionen Touristen nach Odessa

Odessa, die Perle am Schwarzen Meer. Gegründet Ende des 18. Jahrhunderts, gewachsen als eine multikulturelle Stadt, in der Menschen aus Dutzenden Nationen zusammenlebten, eine Stadt, von der der russische Nationaldichter Alexander Puschkin einmal sagte: „Hier atmet man ganz Europa.“ Die Patina des Verfalls hat sich über viele der Bürgerhäuser, Residenzen und Hotels im Zentrum Odessas gelegt, dennoch zog der mediterrane Charme der Stadt vor dem Krieg viele Touristen aus aller Welt an. Fast vier Millionen waren es im vergangenen Jahr.

Der Krieg hat das Geschäft mit dem Tourismus einbrechen lassen. Ein Flötist spielt vor der Oper gegen den übenden Sänger an. Vor einem Jahr hätte man hier kaum laufen können, so voll sei es gewesen. „Damals“, sagt Alexej, „habe ich umgerechnet zehn Dollar am Tag verdient, jetzt sind es 1,5.“ Schlecht für den Umsatz ist auch, dass die Restaurants abends um zehn Uhr schließen, weil dann die Ausgangssperre gilt, er kann jetzt nicht mehr von Tisch zu Tisch tingeln.

Bootstouren sind unmöglich - wegen der Minen

Auf einem Schild bei dem Elektromobil, vor dem Ludmilla steht, werden die Touren angepriesen. Die Bootsfahrt durch den Hafen. Das Absteigen in die Unterwelt Odessas mit ihren sagenumwobenen Katakomben. Das Eintauchen in die reichhaltige jüdische Geschichte der Stadt. Der Besuch der Orte, an denen sich die legendären Gangster der Stadt ein Stelldichein gaben, Mischka Yaponchik, der „Robin Hood Odessas“ oder Sofia Blyuvshtein, die als „Sonja, die goldene Hand“ zur Verbrecherkönigin der Stadt aufstieg.

Ludmilla sagt, vieles sei jetzt nicht mehr möglich, es herrscht eben Krieg. Bootstouren sowieso nicht, da draußen sind Minen. Die Potemkinsche Brücke, der Touristenmagnet schlechthin, die vom Hafen hinauf über 192 Stufen in die Innenstadt führt und die Sergei Eisenstein mit seinem Film „Panzerkreuzer Potemkin“ weltberühmt gemacht hat, ist zurzeit nicht begehbar. Eine Tour mit dem Elektromobil, die sei aber drin. Sie bietet einen Rabatt an. 150 Hrywnja statt der üblichen 200, das sind umgerechnet etwa fünf Euro.

Das kleine Mobil zuckelt los, mit an Bord sind Vlada, eine Stadtführerin, zwei etwas verschlossene junge Frauen und Anatoliy und ein Freund. Die beiden kommen aus Kramatorsk fast 1000 Kilometer weiter östlich im Donbass, wo der Krieg jetzt alles zerstört. „Wir sind zum ersten Mal in Odessa, wir mögen es sehr“, sagt Anatoliy, die beiden nutzen die kurze Fahrt, um gefühlt Tausend Fotos zu schießen.

Ukraine- Krieg: Die Katastrophe blieb der Hafenstadt vorerst erspart

„Wir haben vielleicht noch zehn Prozent der Zahl der Touristen, die wir vor dem Krieg hatten. Die meisten, die jetzt kommen, sind Flüchtlinge aus anderen Teilen unseres Landes“, erzählt Andrej, der Fahrer. Irgendwie halte er sich aber über Wasser. „Wer das Leben liebt, macht weiter.“ Das ist ein Spruch, wie er nicht typischer sein könnte für einen Einwohner Odessas. Die Stadt gilt als ein Zentrum der Leichtigkeit, des Lachens, des Humors.

Im März schien es, als könne der Krieg alsbald dieser Leichtigkeit ein Ende bereiten. Die russische Armee stand kurz vor Mykolajiw etwa 140 Kilometer weiter östlich, es war die Rede von einem bevorstehenden Zangenangriff auf Odessa, aus dem Norden, aus dem Osten, von der See aus, die von Russland annektierte Krim liegt wenige hundert Kilometer im Südosten. Selbst vor einem drohenden Angriff aus dem Westen wurde gewarnt, aus dem moldawischen Separatistengebiet Transnistrien heraus, in dem 1400 russische Soldaten stationiert sind, und von dem aus es gerade einmal zwei Stunden Autofahrt bis Odessa sind.

Die Katastrophe blieb der Hafenstadt vorerst erspart. Jedoch ertönt auch hier immer wieder Luftalarm. Hin und wieder übt die ukrainische Luftabwehr in der Nacht, dann rollt der Geschützdonner über das Meer, und in der Dunkelheit ploppen rote Sterne von Explosionen auf. Tagsüber aber ist etwas von dem Zauber der Stadt zurückgekehrt.

Ukraine: Soldaten schauen misstrauisch aus den Sandsack-Burgen

Das Elektromobil fährt langsam durch die Straßen der Altstadt, die von mächtigen Ahornbäumen gesäumt werden, es quält sich über die Straßenbahnschienen, auf denen die alten Trams fahren, es passiert Cafés, in denen Menschen sitzen und entspannt plaudern. Stadtführerin Vlada preist ihre Stadt an, erzählt von dem Scheich, der einst in einem der palastartigen Gebäude mit seinem 40-köpfigen Harem lebte, von der Kuchenbäckerei, die früher im mintgrünen „Haus Ligmann“ untergebracht war, von dem englischen Club, der einmal dort war, wo heute das Museum der Handelsflotte ist.

Manche der Straßenschilder sind verhüllt, das haben sie gemacht, um die Russen zu verwirren, sollten sie in ihre Stadt kommen. Soldaten schauen etwas misstrauisch aus den Sandsack-Burgen vor den öffentlichen Gebäuden heraus, viele Passanten lächeln beim Anblick des Touristenmobils.

Schließlich rumpelt es über das Kopfsteinpflaster der Derybasivska, der Flaniermeile, die ihren Namen von Admiral José De Ribas hat, einem spanischen Offizier in russischen Diensten, der Odessa gegründet hatte. Die Derybasivska ist gesäumt von Eisbuden, von Imbisstuben, Restaurants und Souvenir-Läden. Viele sind geschlossen und verbrettert, etliche warten aber auf Kundschaft.

In den Souvenir-Shops verkaufen sich in diesen Tagen besonders gut die T-Shirts und Tassen mit dem Aufdruck eines Bildes, das einen ukrainischen Soldaten zeigt, der einem russischen Kriegsschiff den Mittelfinger zeigt. Es ist die Moskwa, das Flaggschiff der russischen Schwarzmeer-Flotte, das im April vor Odessa versenkt wurde.

Odessa: Leute in Hasenkostümen verkaufen Umarmungen

Im Stadtgarten, an dem die Derybasivska entlangführt, blühen die Rosen und erfüllen die Luft mit ihrem betörenden Duft. Gegenüber spielt ein Geiger „Smells Like Teen Spirit“ von Nirvana. Auf den Bänken um den Fontänenbrunnen sitzen zahlreiche Menschen, blinzeln in die Sonne oder unterhalten sich angeregt. Eine Gruppe arabischsprechender Touristen macht Fotos mit den Leuten, die sich in Hasenkostüme gezwängt haben und Umarmungen verkaufen. „Wir kommen aus Saudi-Arabien“, sagt Aziz, ein Mittzwanziger. Eigentlich seien sie nur für Geschäfte hier, aber sie wollten die Gelegenheit nutzen, sich die Stadt anzuschauen. „Odessa ist ja zurzeit sicher, wir haben keine Angst. Es ist eine wunderschöne Stadt“, schwärmt Aziz.

In Sauvignon einige Kilometer außerhalb des Stadtzentrums sitzen Olga Luashenko und Nastia Danchuk im Sand eines kleinen Strandes vor einem Ensemble hölzerner Ferienhäuser und machen fröhlich lachend Selfies von sich, das Schwarze Meer im Hintergrund. Die beiden kommen aus Cherson, einer Stadt westlich von Odessa, die von den Russen im März erobert wurden.

Im April sind die beiden aus der besetzten Stadt geflohen. Sie sind bei Bekannten und Verwandten untergekommen. „Ich bin das erste Mal hier am Strand, ich mag das Meer, ich mag die Ruhe“, erzählt Nastia. Sie ist 25, ihr Ehemann ist Soldat. „Ich wünsche mir von den Deutschen, dass sie mehr Waffen liefern. Am besten Scharfschützengewehre, damit mein Mann mehr Russen töten kann.“ Dann umarmt Nastia ihre Freundin und die beiden lachen und posieren für ein Foto.

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