Besteht Film-Deutschland aus Kleinstädten?

Salzgitter.  Das mediale Bild deutscher Städte wandelt sich im Verlauf der letzten Jahre. Exportschlager spielen nicht mehr in Berlin, sondern in Provinzstädten.

Louis Hofmann in einer Szene der deutschen Netflix-Serie „Dark“ 

Louis Hofmann in einer Szene der deutschen Netflix-Serie „Dark“ 

Foto: Julia Terjung / dpa

Wie werde ich am schnellsten online Drogen los? Diese Frage stellte sich Ende 2013 der junge Maximilian S. in seinem Kinderzimmer in Leipzig. Unter dem Decknamen „Shiny Flakes“ startete er damals einen Drogenhandel. Auf dieser Geschichte basiert eine der erfolgreichsten deutschen Produktionen für den Streamingdienst Netflix. Die Serie „How To Sell Drugs Online (Fast)“ startete im Jahr 2016 und wird von der „bildundtonfabrik“ produziert.

Handlungsort nicht die Großstadt

Nur: Sie spielt nicht in einer Großstadt wie Leipzig, sondern im fiktiven Rinseln. Einer kleinen Provinzstadt mit 50.000 Einwohnern. Diese Adaption einer wahren Geschichte ist nach Angaben des Streaminganbieters in Deutschland ein großer Erfolg –Netflix veröffentlicht keine konkreten Zuschauerzahlen – ist sie in zwei Ländern beliebter als bei uns: in Russland und den USA.

Das hat das Analyseunternehmen „parrot analytics“ errechnet. Das Unternehmen analysiert beispielsweise Suchanfragen und Erwähnungen in sozialen Medien, wie hoch die Nachfrage nach einer Serie in einem bestimmten Markt ist. Dabei setzt das Start-up Serien in den Genrekontext und stellt dar, wie beliebt eine Serie im Vergleich zur anderen ist.

Ein noch viel größerer Exportschlager ist eine weitere deutsche Netflix-Produktion: Die Science-Fiction-Serie „Dark“ ist 2017 gestartet und seitdem ein absoluter Erfolg. Haupthandlungsort? Winden. Eine weitere Kleinstadt mit rund 20.000 Einwohnern.

Keine konkreten Zahlen von Netflix

Auch hier hat Netflix keine konkreten Zahlen veröffentlicht. Aber der Streamingdienst versicherte, dass „Dark“ eine der am meisten gesehenen nicht-englischen Serien ist. 93 Prozent aller Zuschauer kämen nicht aus Deutschland sondern beispielsweise den USA, Brasilien und Ländern Asiens. In Südkorea und Japan schauten die meisten die Serie sogar auf Deutsch mit Untertiteln. Warum genau eine deutsche Serie international mehr durchschlage als eine andere, sei schwer zu beantworten.

Das sagt Marcel Franze, Kommunikationswissenschaftler und wissenschaftlicher Mitarbeitet an der Ostfalia Hochschule in Salzgitter-Calbecht. „Es ist anzunehmen, dass sie durch die Machart und hohe Qualität ein breites internationales Publikum anspricht und dahinter gutes Marketing steckt. Umgekehrt ist das bei uns in Deutschland mit amerikanischen Produktionen ja auch die Regel.“

Zahlen dienen auch dem Werbezweck

Hier ist allerdings wichtig zu erwähnen, dass die von Netflix fragmentarisch veröffentlichten Zahlen auch einem Werbezweck dienen. Es stimmt zwar, dass „Dark” international viel gesehen wird. Aber 95 Prozent aller Netflix-Nutzer kommen auch nicht aus Deutschland. Dementsprechend ist das internationale Publikum viel größer.

Obwohl es sich bei „Dark“ und „How To Sell Drugs Online (Fast)“ um zwei komplett unterschiedliche Serien handelt, haben sich beide Produzententeams eine provinzielle Kleinstadt als Handlungsorte ausgesucht.

Das war für deutsche Produktionen durchaus nicht immer so. Ein Beispiel dazu ist „Berlin Alexanderplatz“, das mehrfach neu produziert wurde.

„Victoria“ vermittelt Großstadtatmosphäre

Auch der Film „Victoria“ von 2015 spielt durchgehend in Berlin. Komplett mit Großstadtatmosphäre durch Nachtleben in Clubs und natürlich Berliner Eigenkultur wie „Spätis“. Eher bekannt für seine revolutionäre Filmweise – der ganze Film wurde in einer Kameraeinstellung gedreht – ist er dennoch international rezipiert und hat einige Deutsche Filmpreise eingebracht.

Wandel über „Nation Branding“

Frühere deutsche Produktionen zeigen vor allem die Großstadt. Nun scheint es einen Wandel zu geben. Einen Wandel, der auch international das Bild Deutschlands beeinflussen könnte: Franze spricht hierbei von „Nation Branding“. „Unter ‘Nation Branding’ versteht man die Anwendung von Marketingtechniken auf Länder. Man versucht, im Prinzip einem Land durch gesteuerte Kommunikation ein gewünschtes Image zu verschaffen. Filme können hierbei ein Mittel sein“, sagt Franze. „Welche Strahlkraft sie haben können, sieht man beispielsweise daran, dass Leute an die Drehorte von ‘Herr der Ringe‘ nach Neuseeland pilgern.“

Die komplette internationale Wahrnehmung werde durch ein oder zwei Serien allerdings nicht beeinflusst, sagt Franze. Das Bild eines Landes bestehe aus vielen Komponenten, von denen Medien nur eine seien. Er könne sich allerdings gut vorstellen, dass gerade bei jungen Leuten und Personen, die wenig Vorwissen zu Deutschland haben, eine veränderte Wahrnehmung messbar sei. Forschung zu den beiden genannten Serien existiere allerdings noch nicht. Fakt aus anderen Erhebungen sei allerdings: Darstellungen in Film und Serien können nationale Vorurteile durchaus mitformen oder mit abbauen.

Kleinstadt kann idyllisch aber auch strukturschwach dargestellt werden

„How To Sell Drugs Online(Fast) stellt die Kleinstadt eher idyllisch dar. Es gibt Restaurants mit eigenen Themen und eine Indoor-Ski Strecke. Die Stadt Winden aus „Dark“ hingegen zeigt die stereotypisch negativen Seiten einer Kleinstadt auf. Jeder in der kleinen Gemeinde hat irgend ein dunkles Geheimnis. Ein Atomkraftwerk thront über dem Ort und infrastrukturell bietet die Stadt nur ein altes Landhaus und eine noch ältere Kirche.

Filme und Serien zeigen verkürzte Darstellungen

Was bleibt also? Franze meint: „Es liegt in der Natur eines Films und einer Serie, dass Personen, Länder oder geschichtliche Ereignisse verkürzt dargestellt werden. Das begünstigt die Schaffung von negativen Stereotypen und verhindert die Schaffung positiver.“

Beides sei nicht ideal, da Medien auch zur Wissensaneignung verwendet werden. Wichtig sei also auch beim Schauen von Filmen und Serien kritisch, zu bleiben und zu hinterfragen, ob das Dargestellte für voll genommen werden sollte.

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