Medienunternehmer Jörg Hoppe will Krebs aus der Tabuzone holen

Braunschweig.  Jörg A. Hoppe erkrankte 2016 an Leukämie, später gründet er eine Selbsthilfe-App für Krebskranke. Er weiß: Mit Krebs umzugehen, erfordert Mut.

Medienunternehmer Jörg A. Hoppe mit Stefanie Giesinger bei der ersten Krebsconvention im September. Das Model unterstützt die Krebsinitiative Yeswecan!cer als Mutmacherin.

Medienunternehmer Jörg A. Hoppe mit Stefanie Giesinger bei der ersten Krebsconvention im September. Das Model unterstützt die Krebsinitiative Yeswecan!cer als Mutmacherin.

Foto: Peter Müller

Er entdeckte unter anderem Tim Mälzer, Steffen Henssler, Verona Feldbusch und Joko Winterscheidt für das deutsche Fernsehen, arbeitete als Manager von Bands wie Extrabreit, gründete den Musikkanal Viva und produzierte TV-Sendungen wie „Bauer sucht Frau“: Bis vor wenigen Jahren war Jörg A. Hoppe ein erfolgreicher Medienunternehmer. Im Jahr 2016 erhielt der 68-Jährige die Diagnose, die sein Leben veränderte: Leukämie. Eine Stammzelltransplantation im Februar 2017 verlief erfolgreich. Später gründete er die Initiative „Yeswecan!cer“, entwickelte mit anderen Mitstreitern eine Selbsthilfe-App für Krebserkrankte. Im Interview spricht Hoppe darüber, wie er mit der Krankheit umgegangen ist, was ihm Mut gemacht hat und wie die Idee zur App aufkam.

Herr Hoppe, 2016 sind Sie an Leukämie erkrankt. Was hat Ihnen in dieser Zeit Mut gemacht?

Leukämie war mir bis dahin nicht unbekannt. Erstens ist meine Mutter daran erkrankt und zweitens habe ich als Fernsehproduzent für die ARD jahrelang die José Carreras Gala produziert, die sich mit der Krankheit beschäftigt. Von daher war ich in gewisser Weise, denkt man, vorbereitet. Wenn man dann aber selbst so eine Diagnose bekommt, ist das noch einmal etwas anderes. Ich stand wie der Hase im Scheinwerferlicht, war völlig paralysiert. Im Dezember 2016 habe ich dann Chemos durchgemacht. Nach der zweiten Chemo habe ich gesagt: Ich mach’ das nicht weiter! Es war unvorstellbar für mich, dass ich mich von dieser Krankheit jemals erholen werde. Meine Freunde haben dann zu mir gesagt: Jörg wir schaffen das! Sie haben den Plural benutzt. Da kann man sich dann schwer herausziehen und sagen: Macht ihr mal, ich mache da nicht mit. Aus diesem Satz ist dann Yeswecan!cer entstanden. Zu Weihnachten 2016 habe ich ein T-Shirt mit dem Schriftzug gemacht und meinen Freunden geschenkt. Sie sind damit ins Krankenhaus gekommen. Andere Patienten und Ärzte fragten, woher man so ein Shirt bekommt. Ich habe gemerkt, was für eine Kraft mir das gegeben hat. Das wirklich ganz Entscheidende in dieser Zeit war für mich, ein Umfeld zu haben, das mich aufgefangen und durchgetragen hat durch das ganze Elend.

Welche Gedanken sind Ihnen nach der Diagnose durch den Kopf gegangen?

Viele Patienten haben Schuldgefühle und fragen sich: Was habe ich falsch gemacht? Habe ich falsch gelebt? Habe ich mich falsch ernährt? Hatte ich zu viel Stress? Hätte ich mit dem Rauchen aufhören sollen? Das ist völlig irrational, drängt sich aber sofort auf. Das war auch das Erste, das mir durch den Kopf gegangen ist. Für mich war es ein Prozess, damit umzugehen.

Wie wurden Sie diese Schuldgefühle wieder los?

Ich habe mir gesagt: Du musst nach vorne gucken, sonst schaffst du das nie. Das hat mir geholfen. Ich habe außerdem Kontakt zu anderen Patienten aufgenommen, die etwas weiter waren als ich. Ich habe eine Selbsthilfegruppe gesucht und dachte, dass das in Berlin relativ leicht ist. Es war aber gar nicht so einfach, bis ich eine hatte, die auch bei mir in der Nähe war.

Ein Problem war auch, dass sich die Selbsthilfegruppe nur alle drei Wochen getroffen hat. Ich hatte aber zwischendurch viele Fragen. Außerdem hatten die Teilnehmer zum Teil ganz andere Themen als ich. Da dachte ich: Mist, das bringt mich nicht weiter. Der nächste Gedanke war dann, dass es doch eine App geben muss, es gibt ja für jeden Kram eine App – für Sex, für Hundespaziergänge. Ich war erstaunt, dass es sowas in Deutschland nicht gab. Zusammen mit anderen Patienten habe ich dann die Yes!App entwickelt, aus dem Bedürfnis heraus, dass man sich unkompliziert mit anderen Patienten austauschen kann.

Die App vernetzt Erkrankte auch mit Ärzten. Ein wissenschaftlicher Beirat wacht über die Seriosität der Plattform. Ihm gehören hochrangige Mediziner aus der Bundesrepublik an – unter anderem auch Professor Guido Schumacher vom Klinikum Braunschweig.

Für Krebspatienten ist das große Problem, dass zwischen den Krankenhausaufenthalten und Chemos die ärztliche Betreuung fehlt. Es entsteht ein Versorgungsloch, als Patient hängt man in der Luft. Wir wollen diese Versorgungslücke schließen und Zugang zu Fachleuten ermöglichen. Zum Beispiel können Erkrankte jeden Donnerstagabend Fachleute in der App oder über Social Media zu einem Thema befragen. Leute, die sich in der App angemeldet haben, haben die Garantie, dass sie eine Antwort bekommen. Wir wollen letztendlich dahin kommen, dass dieser unmittelbare Kontakt stattfindet. Dazu müssen wir ein Medizinprodukt werden. Den Weg dafür hat Bundesgesundheitsminister Spahn im letzten Jahr mit dem Digitalen Versorgungsgesetz freigemacht. Ärzte können jetzt Apps verschreiben.

In der App können sich auch Familienangehörige und Freunde anmelden und austauschen. Was bewegt Angehörige nach solch einer Diagnose?

Wir sagen immer, Betroffen sind nicht nur die Patienten, betroffen ist auch das Umfeld. Das Leben meiner Familie hat sich nach der Diagnose zum Beispiel komplett auf den Kopf gestellt. Auch das Leben meines Geschäftspartners hat sich verändert, weil ich plötzlich nicht mehr da war. Die Krankheit hat größere Auswirkungen als nur auf den Patienten. Deshalb ist es genauso wichtig, dass sich Freunde und Familienangehörige austauschen können. Das Angebot wird auch genutzt. Viele Angehörige nutzen die App zum Beispiel, obwohl der Patient selbst gar nicht angemeldet ist.

Sie sind über die App mit vielen anderen Krebskranken in Kontakt getreten. Welche Momente nehmen Sie selbst für sich mit?

Es gab Themen, über die ich mit niemandem reden konnte, die mich aber wahnsinnig beschäftigt haben. Mir wurden zum Beispiel Stammzellen transplantiert. Der Spender war mein Bruder. Ich bin ihm natürlich unendlich dankbar. Er hat mir das Leben gerettet. Dadurch hatte ich zu meinem Bruder plötzlich eine ganz andere Beziehung, wie ich sie eigentlich nie hatte in meinem Leben. Und dann hatte ich anschließend den größten Konflikt, den man sich überhaupt vorstellen kann. Über die App habe ich Kontakt zu einer Frau bekommen, die dieselbe Geschichte erzählt hat. Und alleine das hat mir unheimlich geholfen.

Ich habe durch die Chemotherapie auch Kollateralkrankheiten mit der Haut. Über die App habe ich Menschen gefunden, mit denen ich mich austauschen konnte, die gesagt haben: Das geht nach einiger Zeit wieder weg.

Was nehmen Sie aus der Krankheit mit?

Diese Krankheit war für mich der größte Lehrkurs meines Lebens. Ich habe vor allem mitgenommen, dass man die Zeit viel besser durchsteht, wenn man nicht alleine ist und ein intaktes Umfeld hat. Das ganz große Learning war, dass man darüber redet. Viele machen das nicht, denn Krebs macht Angst. Die Krankheit ist ein Tabuthema. Ich finde, es darf nicht sein, dass man nicht darüber redet, weil man Angst vor den Folgen hat, vor Diskriminierung oder Stigmatisierung.

2018 kam die Yes!App auf den Markt. Inzwischen nutzen mehr als 10.000 Userinnen und User die Plattform. Viele Prominente werben für „Yeswecan!cer“. Das zeigt, dass ein enormer Bedarf besteht. Was ist das für ein Gefühl?

Anfangs war das ja nur eine Idee im Kopf. Ich ahnte zwar, dass das eine gute Idee war, aber man fragt sich, bekomme ich das alles gewuppt? Am Anfang hatten wir das große Problem, das alle Community-Apps haben: Es ist ja keiner drin. Das war eine Riesenhürde für uns. Heute bin ich total glücklich, dass sich so viele Menschen gefunden haben, die die App nutzen und wir so viele Mitstreiter haben. Das ist das Beste, das mir hätte passieren können.

Virtuelles Leserforum: Seien Sie dabei!

Den Krebs aus der Tabuzone holen – das ist Ziel der Initiative „Yeswecan!cer“. Dazu veranstaltet unsere Zeitung am Mittwoch, 2. Dezember, ein virtuelles Leserforum. Die Veranstaltung beginnt um
18 Uhr und wird per Live-Stream auf www.braunschweiger-zeitung.de übertragen.

Leserinnen und Leser haben die Möglichkeit, während des Gesprächs ihre Fragen zu stellen an chefredaktion@bzv.de. Teilnehmen werden Medienunternehmer und Initiator Jörg A. Hoppe, Professor Guido Schumacher vom Klinikum Braunschweig, Tobias Korenke, Sprecher von „Yeswecan!cer“, sowie Alexandra von Korff, Brustkrebspatientin und Mutmacherin. Die Moderation der Veranstaltung übernimmt Armin Maus, Chefredakteur unserer Zeitung.

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