Einbruchsopfer aus Salzgitter: „Man fühlt sich so ohnmächtig“

Salzgitter.  Viele Opfer sind traumatisiert und schämen sich, sagt der Weiße Ring. Doch Hilfsangebote bleiben oft ungenutzt.

Als Volker J. aus Salzgitter am frühen Morgen die Küche verlässt, steht er plötzlich einem Einbrecher gegenüber – nur getrennt durch eine Milchglastür. (Symbolfoto)

Als Volker J. aus Salzgitter am frühen Morgen die Küche verlässt, steht er plötzlich einem Einbrecher gegenüber – nur getrennt durch eine Milchglastür. (Symbolfoto)

Foto: Nicolas Armer/dpa

Plötzlich steht der Einbrecher im Hausflur vor ihm. Volker J. aus Salzgitter (Name geändert) ist gerade aufgestanden, hat sich einen Kaffee gemacht und will ins Erdgeschoss, als er einen maskierten Schemen die 17 Stufen heraufkommen sieht. Nur getrennt durch eine Milchglasscheibe. J. erstarrt vor Schreck, sein Herz rast. Reflexhaft beschimpft er die vermummte Gestalt. „Hau ab du Drecksack!“ Das Gebrüll wirkt. Der Einbrecher flieht die Treppe hinab und aus dem Haus. Obwohl nichts gestohlen wurde, sind die Folgen für Volker J. katastrophal.

Die Tat liegt wenige Wochen zurück. Einbruchsmeldungen häufen sich. Mit Beginn der dunklen Jahreszeit ist das Problem wieder präsent. Im Vorjahr gab es 121 Einbrüche in Salzgitter. Und auch im Coronajahr verschwindet das Phänomen nicht, obwohl die Zahl der Polizei Salzgitter zufolge im laufenden Jahr bislang um ein Drittel zurückgegangen ist. Aber der Winter ist noch nicht vorbei. Die Arbeit geht der vor fünf Jahren gegründeten Ermittlungsgruppe nicht aus. Nicht zuletzt sind sie auch die erste Stütze für Betroffene wie Volker J.

Nachts kommen die Albträume

Für den 64-Jährigen ist seit der Begegnung im Flur nichts mehr wie vorher. Regelmäßig schreckt er schweißgebadet aus dem Schlaf. „Im Traum sehe ich die Gestalt wieder vor mir.“ Dabei ist er sonst kein ängstlicher Typ. „Man fühlt sich so ohnmächtig. Warum wurde gerade bei mir eingebrochen?“

Eine Frage, die sich viele Einbruchsopfer stellen, sagt Markus Müller. „Sie denken: Kennen mich die Täter etwa? Werden die Täter wiederkommen? Die Folgen sind Ängste unterschiedlichster Art.“ Der Polizist im Ruhestand leitet seit Jahrzehnten die Außenstelle des Weißen Rings in Salzgitter, einer bundesweit agierenden Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer. „Viele Opfer stehen vor einem Scherbenhaufen – und das nicht nur materiell.“ Der psychische Schaden sei oft wesentlich gravierender. „Nichts ist einem Menschen wichtiger als die Sicherheit der Wohnung.“ Sie sei Intimraum und Rückzugsort. „Nicht zuletzt steht sie aus diesem Grund auch unter dem besonderen Schutz des Grundgesetzes.“

Opfer verzichten aus Scham und Angst auf Hilfe

Jedes Einbruchsopfer erhält von der Polizei die Nummer des Weißen Rings. Volker J. konnte sich noch nicht durchringen, dort anzurufen. „Ich hoffe, dass das wieder weggeht.“

Leider kein seltener Fall für Müller und die Mitarbeiter der gemeinnützigen Hilfsorganisation.„Es melden sich nicht viele Opfer von Einbrüchen“, sagt der 62-Jährige. 2020 waren es drei Familien, im Jahr zuvor fünf. „Dabei wissen wir, dass diese Menschen Hilfe benötigen.“ Doch wer spreche schon gerne darüber, dass er nicht selbst in der Lage war, einen Einbruch zu verhindern? Wer gestehe ein, dass ihn die psychische Last nach der Tat mehr belastet als die finanzielle? Viele würden eher zynische Reaktionen befürchten als Anteilnahme und Unterstützung, berichtet Müller.

Wenn das Haus nach der Tat zur Festung werden soll

Die Helfer des Weißen Rings wollen Beistand geben. Nach ihren Erfahrungen gibt es mehrere Muster im Umgang mit einem Einbruch. Entweder lassen Opfer ihre vier Wände wie eine Festung sichern. „Da wird für viele Tausend Euro alles installiert, was es auf dem Markt gibt“, so der langjährige Polizist. „Eigentlich perfekt.“ Das passiere leider oftmals erst, wenn es zu spät ist. „Und die Gelassenheit bringt das hinterher oft auch nicht zurück.“

Andere Menschen ziehen sich zurück, drohen zu vereinsamen. „Nach dem Motto: Nur wenn ich zuhause bin, kann nicht erneut eingebrochen werden.“ Trotzdem hat die Furcht sie ihm Griff. Wieder andere haben Gedanken wie: „Da ist jemand in meinen intimsten Lebensraum eingedrungen! Der hat in meiner Unterwäsche gewühlt – und wer weiß, was noch?“

Ähnlich geht es Volker J. Er verzweifelt: „Ich wohne seit meiner Geburt hier. Nun überlege ich, das Haus zu verkaufen.“ Doch ob er in einer anderen Wohnung Sicherheit findet?

Helfer aus Salzgitter: Schäden sind oft höher als Wert der Beute

Mit der Beute verschwinden oft mehr als materielle Werte, berichtet Müller. „Am Trauring der verstorbenen Mutter, der Zuchtperlenkette der Großmutter, am Taufkettchen der Tochter hängen Erinnerungen und Emotionen.“ Werte, die meist verloren bleiben. „Schmuckstücke enden in der Regel in einem Schmelztiegel und werden an Hehler verhökert.“ Dessen seien sich viele nicht bewusst. Dementsprechend hoch sind die Erwartungen an die Ermittler.

Dazu kommt der Schaden an Türen, Fenstern und Schränken. „Er ist oft höher als der Wert des Diebesguts.“ Schäden, die manchmal mit Absicht verursacht werden. „Etwa weil die Täter frustriert sind, keine fette Beute zu machen. Oder aus Neid.“ Immer wieder würden die Diebe die Wohnungen verschmutzen. „Bis zum krankhaften Kotlegen, oft stressbedingt.“ Leider übernehme die Hausratversicherung den finanziellen Schaden bei einem Einbruch in der Regel nicht. „Anders als bei einem Überfall in der Wohnung“.

So hilft der Weiße Ring

Vermögensschäden könne auch der Weiße Ring nicht ersetzen. Die Helfer verstehen sich jedoch als Gesprächspartner für alle, die als Opfer einer Straftat in Not geraten sind. Die Mitarbeiter lotsen durch das Hilfesystem und informieren über materielle Unterstützung.

Das reicht von der Begleitung zu Terminen bei Polizei, Staatsanwaltschaft und Gericht über Hilfestellungen im Umgang mit Behörden, bis hin zur Vermittlung von Hilfen anderer Organisationen. „Bedürftige können bei tatbedingten Notlagen auch finanzielle Überbrückungshilfen erhalten.“ Das alles macht der gemeinnützige Verein für die Opfer kostenlos und ohne Verpflichtungen.

Auch für Volker J. gäbe es also viele gute Gründe, sich zu überwinden.

Welche Tipps die Polizei zur Sicherung ihrer heimischen vier Wände gibt und wie die Ermittlungsgruppe versucht, Tätern auf die Spur zu kommen, erfahren Sie in den kommenden Ausgaben. Das Infomobil des Team der polizeilichen Einbruchsprävention steht zudem am Samstag, 5. Dezember, ab 9 Uhr vor dem E-Center An der Erzbahn in Salzgitter-Bad und berät Sie.

Wer Opfer einer Straftat geworden ist und Hilfe sucht: In Salzgitter ist der Weiße Ring über 0151 / 55 16 47 8, per E-Mail unter weisser-ring.salzgitter@t-online.de oder salzgitter-niedersachsen.weisser-ring.de zu erreichen. Sollte das Team telefonisch nicht erreichbar sein, erfolgt binnen maximal 24 Stunden ein Rückruf. Zusätzlich gibt es das bundesweite kostenlose Opfer-Telefon 116 006.

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