Liebenburger reisen mit dem Robur in die Vergangenheit

Liebenburg.  Urlaub 2020: Die Kinder sind aus dem Haus, da finden Andrea und Söhnke Leifeld aus Liebenburg in einem Oldtimer ein gemeinsames Hobby.

Robur-Reise der Leifelds: „Ello“ in Diesbar-Seußlitz, seiner alten Feuerwehr-Heimat.

Robur-Reise der Leifelds: „Ello“ in Diesbar-Seußlitz, seiner alten Feuerwehr-Heimat.

Foto: Andrea Leifeld

Um es vorweg zu sagen: Die sprichwörtliche „Liebe auf den ersten Blick“ war es nicht zu unserem „Ello“, einem Robur LO A KF (luftgekühlter Ottomotor, Allrad, Katastrophenschutzfahrzeug), als wir ihn im Sommer 2016 bei einem Autohändler im Magdeburg entdeckten, berichtet unsere freie Mitarbeiterin Andrea Leifeld. „39 Jahre ist er alt, 5,5 Tonnen schwer, 75 PS, ölfeuchtes Getriebe und Motor, Rost an allen Ecken, Krümmer kaputt, 25 Liter Spritverbrauch – das klang nicht wirklich verlockend. Und was überhaupt ist ein Robur? Aber das Vehikel hatte TÜV und sprang an, ohne zu meckern. ,Ello’ signalisierte: Nehmt mich mit!“

Ein arbeitsreiches Leben

Bis dahin habe er sein arbeitsreiches Leben als LF-8-Einsatzfahrzeug bei der Feuerwehr Diesbar-Seußlitz (Kreis Meißen/Sachsen) verbracht. Gebaut und ausgerüstet wurde er 1977 in den Robur-Werken Zittau für den Dienst in der NVA, doch er kam nicht zur Armee. Er war einer von 300 Robur-LKW, die 1978 in den Dienst der Feuerwehr gestellt wurden, ergab unsere Recherche, so Andrea Leifeld. Von seiner angedachten Verwendung erzähle nur die Vorrichtung auf dem Dach der Beifahrerseite – für ein Maschinengewehr.

Erstaunen im Seniorenheim

Leifelds Anekdote am Rande: Unvorstellbar die Aufregung, als ihr Vater (fast 80) in seinem Seniorenheim erzählte, seine Tochter habe einen LKW gekauft, auf den man ein Maschinengewehr bauen könne. Nur die Präsentation des Fahrzeugs konnte hier helfen…

Leifelds entdecken seither mit „Ello“ den Osten Deutschlands – „keine Ostalgie oder das Herbeisehnen vergangener Zeiten, sondern einfach Spaß am gemeinsamen Oldtimer-Schrauben und einem entschleunigten Reisen bei kaum 60 km/h auf Nebenstrecken“.

Lange hatten die Leifelds ein gemeinsames Hobby gesucht. Die Kinder waren aus dem Haus, und irgendwie fehlten gemeinsame Interessen. „Ello“ wurde Bindeglied zwischen Schrauber- und Reiselust.

Auf der „Traumstraße der DDR“

Zuverlässig chauffierte sie der Oldtimer als „Fernziele“ an die Müritz, an die Havel und zum Kirchentag in Berlin. „Nun aber sollte uns ,Ello’ seine alte Heimat zeigen: Auf der B 96, der ,Traumstraße der DDR’ wollten wir die ehemaligen Robur-Werke Zittau erreichen und auf der Rücktour seiner alten Feuerwehr-Gemeinde eine Stippvisite abstatten. Also: Eine Kiste selbst gemachten Kirschwein auf die Ladefläche und los. Bett und Gaskocher sind immer dabei. Wer mit ,Ello“ reist, hat kaum Vorbereitungen…“

Südlich von Berlin

Erstes Etappenziel: die legendäre Bundesstraße B 96, erreicht nach zwei Tagen, südlich von Berlin bei Finsterwalde. Ein Zwischenstopp in Torgau hatte die Leifelds vom angedachten Weg abgebracht. „Dort, im Schloss Hartenfels, wurde 1970 der DDR-Märchenfilm ,Dornröschen’ gedreht – Rosen-Pracht im Juni 2020. Nüchtern hingegen die Reise auf der B 96, die nur noch an ganz wenigen Stellen einen traumhaften Charakter besitzt – Ortsumgehungen, trister Straßenausbau.

Der Verein „Krabatmühle – Schwarzkollm“

Aber die Orte, die sie verbindet, sind allemal einen Zwischenstopp wert: das verschlafene Senftenberg mit seinem schönen Schloss und vielen Unternehmungsmöglichkeiten oder die mystische Mühle des ,Schwarzen Müllers’ in Schwarzkollm, einem Ortsteil von Hoyerswerda. 2005 gründete sich der Verein ,Krabatmühle – Schwarzkollm’, um das legendäre Bauwerk am Originalschauplatz zu erhalten.“

Über Otfried Preußler

Andrea Leifeld: „Generationen von Leseratten sind die Abenteuer des sorbischen Zauberers Krabat bekannt, die Kinderbuchautor Otfried Preußler (1923-2013) im gleichnamigen Buch erzählt. Die Krabat-Festspiele, die der Verein seit einigen Jahren organisiert, mussten im Sommer 2020 coronabedingt ausfallen. ,Krabat – Im Schatten der Vergangenheit’ wurde auf August 2021 verschoben. ,Dajce so zakuzlac…!’ – ,Lassen Sie sich verzaubern…’ wirbt der Verein in sorbischer Sprache für einen magischen Aufenthalt an der geheimnisvollen Mühle. Ein wahrhaft mystischer Zwischenstopp!

Ein Ziel für Kultufreunde

Für die Leifelds ging es weiter auf der B 96 weiter nach Budysin, das ist der sorbische Name für Bautzen. „,Die „Stadt der Türme’ war bereits zu DDR-Zeiten eine Vorzeigestadt und hat weit mehr zu bieten als den legendären Senf. Ein Zwischenstopp mit gepflegtem Altstadtbummel ist lohnend. Viel Historie erwartet wissbegierige Kulturfreunde.

Und dann doch der gepriesene Charme

Und schließlich hatten wir doch noch Glück: Von Bautzen nach Zittau fand die legendäre B 96 ihren gepriesenem Charme zwischen einem steilen Straßenverlauf und verschlafenen Dörfern wieder. Trist blieb jedoch der Blick auf die Robur-Werke an Zittaus Bahnhofstraße. Die ehemaligen Fabrikgebäude beginnen zu verfallen. Eine Besichtigung ist nicht möglich. 1990 befand sich das Werk in einem hoffnungslosen Zustand und galt als schlimmes Beispiel für das Versagen der DDR-Planwirtschaft. Zuletzt bauten 5500 Mitarbeiter 800 Fahrzeuge im Jahr! 1991 wurde die Robur-Produktion eingestellt. Trotzdem ziehen die Werke noch heute unzählige Robur-Freunde nach Zittau. Es ist quasi das Mekka für Robur-Fahrer. Unser ,Ello’ sorgte mit seinen smarten 43 Jahren und neuer TÜV-Plakette vor dem Werkstor durchaus für Aufsehen. Ein Robur sei noch wahre Wertarbeit gewesen, fachsimpelte eine Männergruppe. Sogar „Ellos’ Plane sei noch original … nach mehr als 40 Jahren, staunten sie. Das schaffe kein anderer Autohersteller. Keine Frage!“

In Zittau zu Gast

Zittau selbst offenbarte den Leifelds seine Schönheit erst auf den zweiten Blick. Ein heißer Tipp für alle Eisenbahnfreaks: die Schmalspur-Dampflok. Zur Einkehr empfehle sich das „Dornspachhaus“, ein historisches Wirtshaus mit Ritterkeller in der Altstadt.

Mit vier Anreisetagen nach Zittau war der Urlaubs-Zenit der Liebenburger überschritten, es galt, an den Rückweg denken. Der führte auf einem ungeplanten Weg zum märchenhaften Schloss Moritzburg. „Kenner wissen natürlich, dass dort 1973 der DDR-Märchenfilm ,Drei Haselnüsse für Aschenbrödel’ entstand. Ihr goldener Schuh steht noch heute auf der wohl bedeutendsten Treppe der Filmgeschichte.

Sehnsüchtige Blicke

Es folgte noch der Besuch an Sachsens Weinstraße, in „Ellos“ alter Feuerwehrheimat. „Die Ortsfeuerwehr Diesbar-Seußlitz gibt es nicht mehr. Sie wurde offenbar 2016 aufgelöst – ihre Aufgaben wurden von Wehren der Nachbarorte übernommen. Ein Kontakt zur Feuerwehr kam nicht zustande, aber die sehnsüchtigen Blicke von Passaten sprachen bei ,Ellos’ Anblick Bände: ,So einen Robur hatten wir auch mal.’ – Wenn die wüssten…!“

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