Grizzlys: Gehaltsverzicht „notwendig“ und „alternativlos“

Wolfsburg.  Manager Charly Fliegauf und Kapitän Sebastian Furchner vom Wolfsburger Eishockey-Erstligisten sprechen Klartext zur DEL-Krise.

Grizzlys-Manager Charly Fliegauf führte anstrengende Gespräche mit den Profis.

Grizzlys-Manager Charly Fliegauf führte anstrengende Gespräche mit den Profis.

Foto: archiv

Wenn am 8. Juni die in Deutschland lebenden Spieler zum zweiten Teil des gemeinsamen Sommertrainings in Wolfsburg antreten, können die Grizzlys den Corona-Umständen entsprechend konzentriert arbeiten. „Wir haben eine Einigung mit all unseren Spielern erzielt“, sagt Manager Charly Fliegauf, während an den meisten anderen Standorten der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) weiter ein Streit ob des geforderten bis zu 25-prozentigen Gehaltsverzichts in der nächsten Saison schwelt.

Hinter Fliegauf und Grizzlys-Kapitän Sebastian Furchner liegen anstrengende Wochen. Hier bezieht das Duo aus der jeweiligen Sicht Stellung zu den Gründen des Wolfsburger Kompromisses.

Die Manager-Sicht

„Ich klage nicht, aber es war sehr anstrengend“, sagt Fliegauf. Dass er und sein für die Finanzen zuständiger Geschäftsführer-Kollege Hartmut Rickel eine Einigung mit dem kompletten bisherigen Team erzielen konnten, war nicht selbstverständlich. Dem Vernehmen nach gelangen solche Durchbrüche erst an vier Standorten: neben Wolfsburg in Augsburg, Bremerhaven und Iserlohn. „Wir haben es von Anfang an den Spielern und Trainern transparent dargestellt, haben mit jedem individuelle Gespräche geführt“, sagt der 59-Jährige und hält das für den Hauptgrund des Erfolgs. „Alle haben erkannt, dass es nächste Saison schwierig sein wird.“

Mangelnde Kommunikation und Transparenz hält Fliegauf für die Ursachen dafür, dass andere DEL-Standorte noch keine Lösung gefunden haben. Dass dortige Spieler der DEL bereits „Erpressung“ vorwarfen, stört ihn. „Nicht die DEL hat diese Forderungen aufgestellt, sondern die Klubs waren es, um in Corona-Zeiten ihre Wirtschaftlichkeit hinzubekommen.“ Deshalb müsse von diesen auch die Transparenz ausgehen, damit die Profis die Gründe nachvollziehen können. „Es macht wenig Sinn, die Liga an den Pranger zu stellen. Die Klubs sind die Liga, von ihnen muss die Umsetzung ausgehen.“

Falls die Saison wegen der Corona-Pandemie nicht am 18. September starten könne, müsse es jeder Klub erst einmal schaffen, bis zu einem späteren Beginn im November oder Dezember zu überleben. Für die Grizzlys, die mit Volkswagen einen existenziell wichtigen Hauptsponsor besitzen, bedeutet das nach Informationen unserer Zeitung: Fängt die Liga nicht pünktlich an, werden die Sponsorengelder eingefroren, bis es losgeht. Sehr wahrscheinlich fließt weniger Geld, wenn die Spielzeit verkürzt wird. Kritische Szenarien, nicht nur für den Wolfsburger Klub.

In der Zwangspause sollen selbst die Topverdiener ligaweit monatlich nur ein auf maximal 2900 Euro gedeckeltes Kurzarbeitergeld erhalten. „Das ist auch ein Teil der Vereinbarung“, räumt der Manager ein. Ausstiegsklauseln, für den Fall, dass ein Spieler anderswo ohne Einschränkung verdienen könne, gebe es hingegen keine in den vorhandenen Grizzlys-Verträgen. Angesichts der Unwägbarkeiten hält Fliegauf den Gehaltsverzicht, der in Wolfsburg neben Spielern und Trainern selbstverständlich auch ihn als Manager betreffe, für „notwendig“. Er sagt: „Wir haben unsere Hausaufgaben erledigt, um die Lizenz zu bekommen. Aber es waren unangenehme und kritische Gespräche. Ich bin froh, dass das Kapitel nun abgeschlossen ist.“

Die Spieler-Sicht

Kapitän Furchner steht vor seiner 13. Saison bei den Grizzlys – falls sie denn stattfindet. „Für uns war die Entscheidung pro Gehaltsverzicht alternativlos“, sagt der 38-Jährige. Ein solcher finanzieller Einschnitt falle keinem Spieler leicht. „Aber uns wurde im Dialog transparent aufgezeigt, welche riesigen finanziellen Engpässe für den Klub entstehen können. Unser Manager hat uns versichert, dass es sich um einen freiwilligen Verzicht handelt. Wir sind vom Verein gebeten worden.“

Transparenz, so hat es Furchner von anderen Standorten gehört, ist nicht überall so gegeben wie in Wolfsburg. „Ich habe absolutes Verständnis für Spieler, die auf die Barrikaden gehen, wenn sie keinen genauen Einblick in die wirtschaftliche Situation bekommen oder es einfach keine Kommunikation gibt. Ich habe aber noch keinen Spieler sagen hören, dass er auf keinen Cent verzichten werde. Jeder will das Überleben der Klubs sichern, schon im eigenen Interesse.“

Aber nicht überall herrschten gleiche Verhältnisse. Sollte es Klubs geben, die trotz Corona keine oder nur wenige wirtschaftliche Einschnitte zu erwarten hätten, sei es auch nicht einzusehen, dass die Spieler pauschal auf Geld verzichten sollen. Eines macht Furchner noch mal ganz deutlich. Im schlimmsten Fall, wenn überhaupt nicht gespielt werden könnte und nur Kurzarbeitergeld gezahlt würde, hätten die Profis herbe Einnahmeverluste zu verkraften. „Wer verzichtet schon gern auf 70 oder 80 Prozent seines Gehalts?“ Im Grizzlys-Kader seien die meisten Spieler jedoch erleichtert, dass eine Einigung erzielt wurde. „Aber viele sehnen sich nun danach zu erfahren, wie wir wieder Eishockey spielen können. Sie wollen schnellstmöglich zurück in den Job.“

Dass die DEL-Spitze Geisterspiele weiter nahezu kategorisch ausschließt, weil die Ausgaben die Einnahmen nicht annähernd decken würden, kann Furchner nicht nachvollziehen. „Die Basketball-Bundesliga macht größtenteils weiter, um im Gespräch zu bleiben. Die Handballer denken für die neue Saison darüber nach, zur Not ohne Zuschauer zu spielen. Wenn unser Sport nicht von der Landkarte verschwinden will, müssen wir schnellstmöglich Lösungen präsentieren“, fordert er und fügt hinzu: „Und wenn der Weg halt vorübergehend dahin führt, dass wir auch Geisterspiele nur fürs Fernsehen austragen. Diesbezüglich erwarte ich Vorschläge von der DEL.“

Die durch die Corona-Schieflage wieder aufkeimende Initiative zur Gründung einer Spieler-Gewerkschaft begrüßt der Grizzlys-Kapitän zudem sehr. „Hätten wir schon eine Gewerkschaft, wäre wohl vieles leichter gegangen, weil ein Ansprechpartner dagewesen wäre.“

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