Kurt Ahrens – die Rennsportlegende aus dem Landkreis

Barwedel.  Motorsport: Trotz vieler Angebote entschied sich der Barwedeler Ende der 1960er Jahre gegen einen Wechsel in die Formel 1.

Kurt Ahrens genießt seinen Lebensabend ­– und hat auch gut 50 Jahre nach dem Ende seiner Motorsport-Karriere noch viel zu erzählen.

Kurt Ahrens genießt seinen Lebensabend ­– und hat auch gut 50 Jahre nach dem Ende seiner Motorsport-Karriere noch viel zu erzählen.

Foto: Daniel Strauß / regios24

Er war 1968 zu Gast im Aktuellen Sportstudio und kannte mit Rekordweltmeister Michael Schumacher, dem heutigen Red-Bull-Motorsportchef Helmut Marko oder dem im Mai verstorbenen Aufsichtsratsvorsitzenden des Mercedes-Formel-1-Teams, Niki Lauda, die Größen dieses Sports persönlich. Auch Kurt Ahrens jun. hätte es in der Königsklasse des Rennsports noch weit bringen können, doch dann erklärte er auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn plötzlich seinen Rücktritt…

„Wenn du dann so einen Lorbeerkranz umgehangen bekommst…“

Am 19. April 1940 in Braunschweig geboren, entdeckte Kurt Ahrens schon früh die Liebe zum Motorsport. „Ich war Auto-Fan, mein erster Wagen war ein Alfa Romeo“, erzählt der heute 79-Jährige, der gemeinsam mit seiner Familie im Bad Birkenhofweg in Barwedel wohnt. „Ich war aber nicht der Gokart-Typ und auch nicht besessen von Autorennen, das war noch weit entfernt. Eigentlich wollte ich Motorradfahrer werden, diese Schräglage hatte ich früher schon immer mit dem Fahrrad.“ Zumal sein Vater als Privatmann schon in den 1950er Jahren Motorräder gefahren und sich bei Speedway-Rennen in Bayern sowie als mehrfacher Sandbahnmeister einen Namen gemacht hatte. Dann wagte Kurt Ahrens sen. aber den Umstieg aufs vierrädrige Gefährt und kämpfte in eigenen Porsche-, Mercedes- und Alfa-Romeo- sowie im Cooper-Formel-3-Wagen um Punkte und Platzierungen.

Und wie es der Zufall wollte, nahm das Familienoberhaupt seinen Sohn einen Tag nach dessen bestandener Führerscheinprüfung 1958 mit zum Nordmarkkurs-Rennen auf einer Grasbahn bei Kiel. Auf dem Anhänger: zwei Rennwagen des Typs Cooper Norton Formel 3. Ahrens jun. erinnert sich genau an das Gespräch, das er und sein Vater damals führten: „Ich habe ihn gefragt: Was willst du denn mit zwei Autos? Er hat geantwortet: Einer ist für dich. Dann habe ich gesagt: Um Gotteswillen, was soll ich denn damit? Daraufhin hat er mich in den Wagen gestoßen und gesagt: Fahr immer schön hinter mir her, dann kann dir nichts passieren.“

Das tat der Junior – und zwar mehr als respektabel. Bei seinem Debüt im Cockpit sicherte er sich direkt Platz 2 hinter seinem Vater und feierte beim darauffolgenden Rennen im Leipziger Stadtpark den ersten Sieg. „Und wenn du dann so einen Lorbeerkranz umgehangen bekommst und alle jubeln, dann denkst du: Wo lebst du denn? Mit 19 Jahren. Tja, da war es passiert.“

In den darauffolgenden Jahren demonstrierte „Kurtchen“, wie er von Zeitgenossen wie dem ehemaligen Rennfahrer und früheren stellvertretenden Chefredakteur der Braunschweiger Zeitung, Eckhard Schimpf, liebevoll genannt wurde, mehrfach seine Klasse: In der Formel Junior war er mit mehr als 40 Siegen und drei deutschen Meistertiteln (1961, 1963 und 1965) der Star, beim Preis der Nationen auf dem Hockenheimring 1967 sah die Konkurrenz nur seine Rücklichter, und in der Formel 3 schlug er sich mit Assen wie Jochen Rindt, Jacky Ickx, Jim Clark und Jackie Stewart, also der absoluten Weltelite, herum!

Doch während viele seiner Weggefährten reine Profis waren, hatte Ahrens familiäre Verpflichtungen und musste unter der Woche im väterlichen Schrotthandel mit anpacken. Da er keine festen Verträge unterschrieb, konnte der Braunschweiger in einem Jahr gleich für mehrere Rennställe an den Start gehen: So fuhr er für Ford, Mercedes, Porsche, BMW, Martini Racing, den italienischen Automobilhersteller Abarth oder das britische Motorsportteam Brabham. Mit den Engländern nahm er am 4. August 1968 am Großen Preis von Deutschland auf dem Nürburgring teil und kam nach 14 Runden auf der legendären Nordschleife als Zwölfter ins Ziel.

Es sollte Ahrens’ einziger Start in der Formel 1 bleiben, obwohl ihm Angebote gleich mehrerer Rennställe vorlagen. Ein dauerhaftes Engagement in der Königsklasse wäre für den damals Ende-20-Jährigen aufgrund der häufigen Reisen und Besprechungen aber nicht infrage gekommen, wie er selbst erklärt: „Du wärst praktisch gar nicht mehr dein eigener Herr, sondern das Objekt der Firma gewesen, für die du fährst. Du hättest zwar sagen können, dieses oder jenes gefällt mir nicht, aber dann wären zehn Leute gekommen und hätten gesagt, das muss so gemacht werden.“

Zuverlässig, schnell – und der erste Sieger im neuen Porsche 917

Doch dann wurde ein gewisser Ferdinand Piëch auf den talentierten Rennpiloten aufmerksam. Der aufstrebende Autobauer und spätere Vorstandsvorsitzende von Volkswagen hatte für Porsche den neuen Rennsportwagentyp 917 entwickelt – und beauftragte nun seinen Rennleiter Helmuth Bott damit, ihm die zehn schnellsten Fahrer aus Europa zu besorgen. „Und da ich schon für Abarth und in der Formel 2 gefahren war, hat mich Piëch zu Testfahrten nach Hockenheim eingeladen“, verrät Ahrens, „und da hat er mir gesagt: Das passt. Sie sind zuverlässig und schnell.“

So schnell, dass ihm nach anfänglichen Problemen mit dem schwierig zu händelnden Boliden der große Durchbruch gelang. Obwohl Piëch vor dem Großen Preis von Österreich 1969 mit den Worten „Geben Sie Ihr Bestes, es geht hier um das Haus Porsche“ großen Druck auf sein Fahrerduo Ahrens/Jo Siffert ausgeübt hatte, hielten die beiden dem Druck stand. „Piëch wusste, dass er ganz schön Gegenwind bekommt, wenn das hier in die Hose geht“, sagt Ahrens. So aber verhalf er dem ehrgeizigen Kon­strukteur durch den ersten Sieg des neuen Rennsportwagentyps beim 1000-Kilometer-Rennen von Zeltweg zu seinem späteren Aufstieg.

Gemeinsam mit Vic Elford triumphierte Ahrens 1970 auch beim 1000-Kilometer-Rennen auf dem Nürburgring. Dass der „schnellste Amateur“, wie ihn sein guter Freund Eckhard Schimpf einmal nannte, Ende des Jahres aber seinen Rücktritt vom Motorsport erklärte, und das im besten Rennfahreralter von gerade einmal 30 Jahren, hatte seine Gründe: „Wenn ich daran denke, wie viele Rennfahrer damals tödlich verunglückt sind: Du bist ja jedes Jahr zu mindestens einer Beerdigung gefahren.“ So ließ unter anderem der zweimalige Weltmeister Jim Clark am 7. April 1968 bei einem Formel-2-Rennen in Hockenheim sein Leben – nur einen Tag, nachdem er zusammen mit Ahrens den Auftritt im Aktuellen Sportstudio des ZDF gehabt hatte. „Deshalb hat mein Kollege Hans Herrmann zu mir gesagt: Kurt, du kannst genau abzählen, wann wir dran sind.“

Trotz eines Reifenplatzers in Monza bei Tempo 300 und einem verheerenden Trainingsunfall auf der VW-Teststrecke in Ehra-Lessien im April 1970, als Ahrens mit hoher Geschwindigkeit auf regennasser Fahrbahn in die Leitplanke knallte, überstand der Barwedeler seine Karriere aber ohne größere Unfälle, so dass er rückblickend sagt: „Es war eine schöne Zeit, sie hat aber auch viel Ärger gekostet.“

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