Wojcickis Triumph in der Höhle des Löwen

Wolfsburg.  Mein schönster Moment: Mit dem Punktsieg über Lokalmatador Köroglu sichert sich der Wolfsburger Topboxer die Quali für Olympia 2012

2012 durfte Patrick Wojcicki bei den Olympischen Spielen in London starten. Der entscheidende Sieg beim Qualifikationsturnier in Trabzon ist für ihn bis heute der größte Moment als aktiver Sportler.

2012 durfte Patrick Wojcicki bei den Olympischen Spielen in London starten. Der entscheidende Sieg beim Qualifikationsturnier in Trabzon ist für ihn bis heute der größte Moment als aktiver Sportler.

Foto: imago sportfotodienst / imago/Marianne Müller

Der eine genoss ihn still, die andere schrie ihre Freude lauthals heraus. Einmal passierte er im voll besetzten Stadion auf internationaler Bühne, ein anderes Mal beklatschten ihn wenige Zuschauer auf dem Dorf-Sportplatz. Doch alle Sportler, ob Profi oder Amateur, ob Welt- oder Kreisklasse, kennen ihn: den schönsten Moment ihrer Karriere. In loser Folge berichten in dieser Serie frühere und aktuelle Wolfsburger Athleten aller Sportarten über den Augenblick, der ihnen immer unvergessen bleibt.

Für Patrick Wojcicki, 28-jähriger Topboxer des AKBC Wolfsburg, liegt der größte Moment seiner bisherigen Karriere ziemlich genau acht Jahre zurück. Am 20. April 2012 stieg er zum dritten Mal binnen fünf Tagen im türkischen Trabzon in den Ring. Dort lief das europäische Qualifikationsturnier der Boxer für die olympischen Spiele. Die erste Chance, sich für die Spiele in London zu qualifizieren, hatte der Youngster bei der Weltmeisterschaft 2011 in Baku verpasst. Er war im Achtelfinale an Europameister Fred Evans gescheitert und hatte damit einen der raren Quotenplätze in der Klasse bis 69 Kilogramm verfehlt. Trabzon, das Qualiturnier in der Türkei, war die letzte Chance für den damals 20-Jährigen.

Um die Sommerspiele in der britischen Metropole zu erreichen, musste der Wolfsburger das Finale erreichen, zwei Tickets wurden nur ausgegeben. Und er legte einen Start nach Maß hin. Zum Auftakt bezwang er den Tschechen Robert Bilik, im Viertelfinale gab’s einen Punktsieg gegen den Armenier Hrayr Matevosyan. Beide Gegner durften bis dahin als machbar eingestuft werden. In der entscheidenden Vorschlussrunde sollte es ungleich schwieriger werden: Denn sein Kontrahent war nicht nur Türke, sondern er kam sogar direkt aus Trabzon. Die bei weitem nicht einmal zur Hälfte gefüllte, aber laute Hayri-Gür-Halle (7500 Zuschauer) wusste Abdulkadir Kuroglu also hinter sich.

Und der ebenfalls 20-Jährige ging mit reichlich Rückenwind in dieses Gefecht, schließlich hatte er zuvor den stark einzuschätzenden Ungarn Balasz Baskai ausgeschaltet. Aber auch Wojcicki witterte seine Chance. Denn Köroglu, der etwas kleiner gewachsen war, aber konsequent nach vorne marschierte, hatte er bereits einmal bezwungen. „Das war bei einem Länderkampf in Hannover. Es war da schon ein schwieriger Kampf, aber ich hatte ihn geschlagen“, sagt das AKBC-Ass rückblickend. Doch Länderkampf ist Länderkampf, und Olympia-Quali etwas ganz anderes. Erst recht in der Höhle des Löwen.

Drei mal drei Minuten standen zwischen Wojcicki und seinem Traum von den Olympischen Spielen, als er im roten Trikot, mit roten Handschuhen und damals noch mit Kopfschutz bei den Amateuren in das Ringgeviert kletterte. An das ganze Drumherum im Vorfeld erinnert er sich acht Jahre später kaum noch. „Ich war unheimlich aufgeregt und wie im Tunnel.“ Der in blau gekleidete Köroglu stürmte mit dem Kopf voran nach vorne und legte eine enorm hohe Schlagfrequenz vor. Wojcicki, dem in der Ecke Vladimir Pletnev und der damalige Chef-Bundestrainer Valentin Silaghi beistanden, hielt sich an seinen Stil und versuchte mit Kontern Treffer zu setzen. Der Plan ging auf, wie zuvor schon in Hannover.

Nach den einzelnen Runden gab’s einen kurzen Zwischenstand in der Ecke, früh wusste Wojcicki, dass sein Weg der richtige war. 6:3 nach Runde 1, 11:6 nach dem Mittelabschnitt. Er hielt seine Linie bis zum Schlussgong. Und sofort war ihm klar: Es hat gereicht.

Ohne zu zögern riss der Wolfsburger die Arme nach oben. Im Gesicht des Gegners: große Zweifel. Restzweifel Wojcickis blieben. Es waren trotz der Überzeugung noch einmal bange Sekunden, bis der Ringrichter nach der Urteilsverkündung von 19:11 den Arm des Wolfsburgers nach oben streckte, Köroglu dagegen voller Enttäuschung in den Ringstaub sank. „Häufig spielt im Boxen auch Sportpolitik eine Rolle“, weiß Wojcicki. Doch er hatte es geschafft. In der Höhle des Löwen hatte er keine Zweifel aufkommen lassen. „Die Halle hat natürlich getobt, das war ein wirklich krasser Moment“, so der 28-Jährige, der sich damit einen absoluten Kindheitstraum erfüllt hatte.

Noch voller Adrenalin und erfüllt vom Glanzstück der Olympia-Quali, die dem Youngster wenige Jahre zuvor noch gar nicht so viele zugetraut hatten, galt einer der ersten Anrufe seinem Heimtrainer Antonino Spatola, der ihn als jungen Steppke unter seine Fittiche genommen, ihn zu Platz 5 bei der Junioren-WM in Mexiko 2008 gecoacht hatte sowie zu drei DM-Titeln bei den Männern bei seinen ersten drei Teilnahmen und schließlich zu Olympia, auch wenn in der Türkei die hauptamtlichen Bundestrainer übernahmen. „In meiner Erinnerung lief es so, als hätte er es genau so erwartet und als sei er gar nicht überrascht gewesen“, so Wojcicki schmunzelnd.

Vorbei war das Qualifikationsturnier damit noch nicht. Das AKBC-Ass traf im Finale noch auf den Iren Adam Nolan – und verlor. „Natürlich wollte ich diesen Kampf auch gewinnen, aber nachdem ich das Olympia-Ticket mit dem Finaleinzug in der Tasche hatte, ist der ganze Druck abgefallen, der Fokus war nicht mehr so da.“

Von Ende April an galt für den Wolfsburger nur noch Olympia. Kämpfe bestritt er keine, schindete sich aber in Trainingslagern mit der Nationalmannschaft. Die Spiele in London waren aus sportlicher Sicht dann schnell beendet. Wojcicki unterlag dem Franzosen Alexis Vastine, der 2015 bei einem Hubschrauber-Unfall ums Leben kommen sollte, nach Punkten. Olympia war nach drei mal drei Minuten zu Ende. „Und trotzdem war das alles unvergesslich“, erzählt er strahlend. Vor allem die Begegnungen im Olympischen Dorf wird er nie vergessen. Er sah Ausnahmesprinter Usain Bolt und die Queen, traf unzählige Topathleten.

Die Niederlage gegen Vastine hat er verschmerzen können. Rückblickend hätte er vielleicht noch einige Dinge anders gemacht. „Wenn ich meinen Stand von damals und heute sehe, ist das ein Riesenunterschied. Ich war mit 20 sowohl körperlich als auch mental einfach noch nicht so weit wie jetzt.“ Nach London folgte eine sportliche Pause. Es gab Unstimmigkeiten zwischen dm Wolfsburger und dem Amateur-Verband DBV, der ihn in der nächsthöheren Gewichtsklasse sehen wollte. Wojcicki bestritt noch einige Kämpfe bei den Amateuren, gab ein Comeback als Kickboxer und wechselte 2015 ins Profilager zum Sauerland-Boxstall. Dort hat er im April vor einem Jahr sein bisheriges Meisterstück abgelegt. Im Wolfsburger Congress-Park knackte er den bissigen Argentinier Marcelo Caceres, verteidigte seinen IBF-Interconti-Gürtel. „Da musste ich an meine Grenzen gehen, das war ein hartes Stück Arbeit.“

Er hofft, dass nach der Corona-Krise der nächste Schritt folgt. Das wäre ein WM-Ausscheidungskampf, der ihm das Recht sichern soll, den Weltmeister zu fordern. Auch wenn die geschaffte Olympia-Quali vor gut acht Jahren immer noch für Gänsehaut bei dem jetzigen Profi sorgt, hofft Wojcicki, dass der größte Moment seiner Sportlerkarriere vielleicht sogar noch kommen wird.

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder