So könnten Kreuzfahrten in Zeiten von Corona aussehen

Berlin.  Die Kreuzfahrtbranche steht seit Monaten still. Doch die Unternehmen schöpfen wieder Hoffnung und denken über neue Reisekonzepte nach.

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Kaum eine Reisesparte hat das Coronavirus so getroffen wie die Kreuzfahrt. Social Distancing und ein Schiff mit Hunderten oder gar mehreren Tausend Passagieren scheinen nicht zusammenzupassen. Hinzu kommen die negativen Schlagzeilen in der ersten Phase des Pandemie-Ausbruchs.

Etwa das Fiasko der „Diamond Princess“ Anfang Februar, die mit rund 3700 Passagieren in Yokohama wegen eines Corona-Infizierten unter Quarantäne gestellt wurde. Doch anstatt durch diese Vorsichtsmaßnahme die Gefahr für andere abzuwenden, entpuppte sich das Schiff als Virenschleuder. 700 Menschen steckten sich an, 13 von ihnen starben.

Nach Monaten des Stillstands schöpft die Branche Hoffnung. Zwar musste einer der größten Kreuzfahrtveranstalter der Welt – Carnival Cruise Line – die bereits für Anfang August geplante teilweise Rückkehr von drei US-Häfen aus in die Karibik wegen der aktuellen Lage gestrichen.

Doch als neuer Starttermin steht bereits der 30. September fest. Soweit der Plan. Auch Tui Cruises und Hapag-Lloyd Kreuzfahrten sollen noch im Sommer ablegen, so zumindest hofft Fritz Joussen, der Chef des Tui-Konzerns. Ende Juli könnte könnte das erste „Mein Schiff“ ablegen.

Kreuzfahrten: Klassische Zielgruppe ist Corona-Risikogruppe

Die Frage ist allerdings, ob die Gäste sofort eine Schiffsreise buchen, wenn es wieder möglich ist, oder nicht doch auf einen Covid-19-Impfstoff warten. Schließlich sind dem Weltverband der Kreuzfahrtindustrie CLIA zufolge fast 60 Prozent der deutschen Passagiere über 50 Jahre alt, und davon die Hälfte über 60 Jahre. Also eine klassische Corona-Risikogruppe.

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Zugleich wissen Kreuzfahrtexperten wie Jennifer Holland von der University of Brighton, dass Schiffsreisende ein ganz eigenes Völkchen sind. Stammgäste lassen sich kaum von einer Pandemie abschrecken. Wer dagegen noch nie eine Kreuzfahrt gemacht hat, dürfte nun erst recht keine unternehmen.

Entscheidend für die Reedereien sind daher alle, die vor der Seuche gerade mit dem Gedanken einer Kreuzfahrtreise gespielt hatten. Diesen potenziellen Kunden gilt es nun das Vertrauen zu geben, dass sie auf dem Schiff auch sicher sind. Denn einer der wesentlichen Vorteile der Seereise erweist sich in der Krise als Nachteil.

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„Der große Reiz von Kreuzfahrtreisen ist für Passagiere, dass sie sich um nichts in ihrem schwimmenden Hotel sorgen müssen, egal wie exotisch der Hafen ist“, analysiert das Wall Street Journal. Doch die Seuche hat die neuralgischen Punkte dieser Art des Reisens offengelegt.

Kreuzfahrt-Veranstalter bestimmen, wer an Bord darf

Es beginnt bereits damit, wer an Bord darf und wie mögliche Risikokandidaten aussortiert werden. Schon heute heißt es im Kleingedruckten, dass der Veranstalter bestimmt, wer an Bord darf.

So steht zum Beispiel unter Punkt 5.2. der AGBs von Aida Cruises: „Lässt der geistige oder körperliche Zustand eines Kunden eine Reise bzw. Weiterreise nicht zu, weil dieser den Kunden reiseunfähig macht oder eine Gefahr für den Kunden selbst oder jemanden sonst an Bord darstellt, kann die Beförderung verweigert oder die Urlaubsreise des Kunden jederzeit abgebrochen werden.“

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In Zukunft also werden Reedereien ihre Klientel noch genauer begutachten und im Zweifelsfall den Bordarzt (wie heute schon üblich) hinzuziehen. Schließlich reicht eine infizierte Person aus, um zig andere anzustecken. Das Ausfüllen längerer Fragebögen zum aktuellen Gesundheitszustand, Covid-19-Schnelltests beziehungsweise Fiebermessen vor der Einschiffung werden Standard.

Das Screening müssen natürlich nicht nur Gäste, sondern auch die gesamte Crew durchlaufen. Konkret bedeutet das mehr medizinisches Personal sowie Laborausrüstung. Noch wichtiger: bessere Evakuierungs- und Quarantänepläne für den Fall der Pandemie als in Yokohama.

Corona: In der Kreuzfahrt-Branche herrschen strenge Hygienevorschriften

Beim Thema Hygiene hat die Kreuzschifffahrt bereits viel Erfahrung. Norovirus, Salmonellen oder Grippewellen – strenge Hygienevorschriften sowie Desinfektion kennt die Branche. Zusätzliche Reinigungsumläufe, kürzere Desinfektions-Intervalle, Maskenpflicht oder das Tragen von Gummihandschuhen bei der Crew sind leicht umzusetzende Maßnahmen und tun kaum weh.

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Weh tut allerdings, dass ein Schlüsselelement im Schiffscatering – nämlich Büfetts – nun wegen Corona ein No-Go sind. Damit ließen sich zu Normalzeiten zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Für die Passagiere war die Opulenz und Vielfalt des Speiseangebots ein wichtiges sinnliches Erlebnis, für die Veranstalter ermöglichte das Selbstbedienungsprinzip die Verköstigung vieler Menschen mit relativ wenig Personaleinsatz.

Das fällt nun erst einmal weg. Vorerst wird am Tisch serviert. Dreimal Eis holen – die Zeiten sind vorerst leider vorbei.

Reisen mit einem Bruchteil der Auslastung rechnen sich für die Reeder nicht

Am schmerzhaftesten jedoch dürfte für die Reedereien das Prinzip des Social Distancing sein, um die Ansteckungsgefahr zu minimieren. Tui Cruises will nur mit rund 1000 Gästen an Bord, zwei Drittel weniger als bisher, auf Reisen gehen. Das bringt Passagieren nicht nur den Vorteil von mehr Platz, sondern auch den Nachteil vieler Einschränkungen wie maximal zehn Kinder im Kids Club und eine Höchstgrenze bei den Theatern – nur jeder dritte Platz wird belegt.

Pool, Sauna, Wellness – da war doch mal was. Dass jede Reederei mit einem Bruchteil der Auslastung in den sicheren Ruin fährt, versteht sich von selbst. Tui-Boss Joussen setzt deshalb darauf, dass dieser Spuk in wenigen Wochen beendet ist und hat die Gästebegrenzung erst einmal bis 31. August terminiert.

Fast leere Schiffe sind ein gewaltiges Renditeproblem, aber es gilt eine weitere Hürde zu nehmen: Derzeit sind die meisten Häfen geschlossen und viele Staaten lassen keine Passagiere an Land. Hinzu kommt, dass jedes Land in Sachen Seuchenvorschriften und Reisebeschränkungen eigene Regeln hat. Von Hafen zu Hafen in verschiedenen Ländern zu schippern, ist vorerst undenkbar.

Kreuzfahrt-Anbieter denken über „Cruises to Nowhere“ nach

Womit sich die Frage stellt, wohin könnte eine Seereise überhaupt gehen? Dem Kreuzfahrt-Internet-Portal Cruisetricks.de zufolge ist es für die Anbieter leichter, Reisen auf kleineren Schiffen in ein Land oder eine Gegend zu organisieren. Das können exklusive Expeditionsreisen sein – oder die beliebten Hurtigruten.

Wichtig: die ebenfalls stark reduzierten Gästezahlen. Am 16. Juni legte das erste Schiff mit nur 200 Passagieren aus Norwegen und Dänemark ab. Am gestrigen Freitag dann gleich der nächste Hurtigruten-Starttermin: die „Fridtjof Nansen“ mit internationaler Klientel von Hamburg nach Norwegen.

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Auch Flusskreuzfahrten sind möglich, solange sie nicht durch zig Länder führen. Die Alternative zur Ein-Land-Schiffsreise könnten Kein-Land-Touren sein, also „Cruises to Nowhere“. Die Rede ist dabei von Mega-Schiffen, die so viel Kurzweil und Aktivitäten an Bord bieten, dass es gar keinen Grund mehr gibt, überhaupt noch einen Hafen anzulaufen.

Dass sich dafür indes die deutsche Klientel erwärmen könnte, ist kaum vorstellbar. Die hat es sowieso etwas besser, weil Aida, Tui Cruises, Phoenix oder Hapag-Lloyd Cruises beinahe maßgeschneidert auf ihre Bedürfnisse eingehen. Lediglich in einem, wie es im Fachjargon heißt, „Quellmarkt“ aktiv zu sein, hat derzeit den Vorteil, dass man auch nur die Regeln, Gesetze und den Infektionsstatus eines Landes im Blick haben muss, und nicht von Dutzenden von Gästeherkunftsländern.

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